Wo steht die Schweiz in Bezug auf die Kreislaufwirtschaft?

Liza Engel: Die Schweiz hinkt hinterher, aber das Potenzial ist riesig. Das zeigt der «Circularity Gap Report», den Deloitte mit Unterstützung von Impact Hub Switzerland, Kickstart Innovation und Circle Economy initiiert hat und der den Fortschritt und die Defizite des Landes beleuchtet.

In Zahlen?

LE: Der Bericht zeigt, dass die Kreislaufquote der Schweiz, die den Anteil der zurück in die Wirtschaft geführten Materialien misst, bei etwa 6,9 Prozent liegt. Das bedeutet: 93 Prozent der in der Schweiz verwendeten Materialien stammen aus Primärquellen. Der konkrete Verbrauch der Bevölkerung der Schweiz beträgt 19 Tonnen Primärmaterialien pro Person und Jahr – mehr als das Doppelte des nachhaltigen Niveaus. Der Wert übertrifft auch den europäischen Durchschnitt von 17,8 Tonnen pro Kopf.

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Woran liegt das?

LE: Die Schweiz ist stark von Importen abhängig: Nur ein Zehntel ihres Materialbedarfs wird durch inländische Gewinnung gedeckt, und hochwirksame Materialien wie fossile Brennstoffe und Metallerze werden vollständig importiert. Obwohl die Schweiz bestrebt ist, die Umweltauswirkungen im Inland zu senken, erschöpft der Konsum der hier lebenden Menschen die lebenswichtigen Ökosysteme des Planeten anderswo auf der Erde.

Wo steht die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern?

Carlo Giardinetti: Eigentlich ist die Schweiz eine Trendsetterin in Sachen Umweltschutz: Sie hat ihren Elektrizitätssektor dekarbonisiert und gehört zu den weltweit besten Recyclern von Siedlungsabfällen. Sie hat auch ehrgeizige Klimaziele. Das Land hat sein Netto-null-Ziel im Juni 2023 durch eine Volksabstimmung bestätigt, der Kanton Zürich hat die Kreislaufwirtschaft 2022 in seiner Verfassung verankert, und das Schweizer Parlament diskutiert zurzeit Massnahmen zur Förderung der Kreislaufwirtschaft. Der Konsum des Landes ist jedoch zu hoch und übersteigt das, was unser Planet verkraften kann.

Was könnte man durch mehr Kreislaufwirtschaft erreichen?

CG: Durch den Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft kann die Schweiz ihren Materialverbrauch um 33 Prozent und ihre Treibhausgasemissionen um 43 Prozent senken. Gleichzeitig bleibt die Lebensqualität ihrer Einwohnerinnen und Einwohner gleich, und es wird ein wirklich nachhaltiges System geschaffen.

«Eigentlich ist die Schweiz Trendsetterin beim Umweltschutz.»

 

Welche Sektoren in der Schweiz sind besonders emissionsintensiv?

LE: Als besonders emissionsintensiv haben wir das Bauwesen, die produzierende Industrie sowie die Agrar- und Lebensmittelwirtschaft identifiziert. Diese Sektoren sind stark ressourcenintensiv und haben komplexe Lieferketten, was zu erheblichem Materialabfall und CO₂-Emissionen führt.

Wie könnte die Schweiz mehr tun?

LE: Die im Report ausgearbeiteten Strategien für fünf Szenarien können die Kreislaufwirtschaft fördern, den Material- und CO₂-Fussabdruck reduzieren und eine Fülle von zusätzlichen Vorteilen bieten. Wenn diese Strategien alle umgesetzt werden, kann die Schweiz ihren Anteil Kreislaufwirtschaft auf gut 12 Prozent beinahe verdoppeln.

Eine der Strategien ist, einen kreislauffähigen Lebensstil zu fördern.Was meinen Sie damit?

LE: Es geht darum, Denkweisen zu ändern, um nachhaltiges Leben zu priorisieren. Die Politik kann diese Veränderung durch Regulierung und Anreize katalysieren, während Unternehmen da-zu beitragen können, nachhaltige Produkte zugänglicher und erschwinglicher zu machen. Es ist eine gemeinsame Anstrengung, von einem Lebensstil mit hohem Konsum zu einem der «materiellen Genügsamkeit» überzugehen, bei dem wir haben, was wir brauchen, aber nicht im Übermass.

Carlo Giardinetti ist Sustainability Lead and Leadership Senior Advisor bei Deloitte Schweiz.

Liza Engel ist Chief Sustainability Officer und Managing Partner bei Deloitte Schweiz.

Ihre Vorschläge für den Produktionssektor?

CG: Wir müssen ressourceneffiziente Produktionstechniken anwenden, welche Abfall minimieren und das Beste aus alten Geräten und Schrottmaterialien machen. Die Industrie muss sich mehr darauf konzentrieren, die Lebensdauer von Produkten durch Überarbeitung und Reparatur zu verlängern. Neue Geschäftsmodelle wie Abos von Produkten oder das verstärkte Ausleihen können die Kreislaufwirtschaft weiter vorantreiben. Mehr Transparenz könnte diese Veränderungen vorantreiben, indem sie es den Konsumentinnen und Konsumenten erleichtern, nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Es ist wichtig, dass solche neuen Geschäftsmodelle die linearen Modelle nach und nach komplett ersetzen und nicht einfach beide parallel existieren. Sonst entsteht keine echte Transformation.

Was können wir im Verkehr tun?

CG: Der Verkehr ist ein bedeutender CO₂-Emittent in der Schweiz, und es gibt viel, was wir tun können. Die Reduktion der Zahl von Privatautos und die Förderung von örtlich und zeitlich flexibler Arbeit können den täglichen Pendelverkehr reduzieren. Wir sollten auch in den öffentlichen Verkehr und sauberere Fahrzeugdesigns investieren. Die Politik sollte in nachhaltige Mobilitätslösungen wie Elektrobusse und zusätzliche Velowege investieren. Die Schweiz kann auch zu einem Knotenpunkt für Nachtzüge werden, um die wichtigsten europäischen Städte zu verbinden und den Flugverkehr zu reduzieren. Schliesslich gibt es bereits einige Vorreiterunternehmen, die in der Schweiz nachhaltige Mobilitätsprogramme für ihre Mitarbeiter fördern.

Und bei der Bauindustrie?

CG: Wir sollten uns darauf konzentrie-ren, bestehende Gewerbeflächen umzunutzen und neue Wohnprojekte ressourceneffizienter zu gestalten. Bessere Isolierungen und die Verwendung von Leichtbaumaterialien können Gebäude energieeffizienter machen. Die Politik kann diese Initiativen durch Regulierung und Anreize unterstützen. In diesem Bereich sehen wir viele spannende Innovationen, insbesondere die zunehmende Verfügbarkeit von umweltfreundlicheren Materialien wie nachhaltigem Beton.

Wie sehen Sie die Entwicklung bei der Ernährung?

CG: Wir sehen zunehmende Fortschritte in der Milch- und Landwirtschaftsindustrie; immer mehr produzierende und verarbeitende Betriebe setzen auf naturbasierte Lösungen. Es geht auch um die Praktiken der Industrie und die Entscheidungen der Konsumentinnen und Konsumenten. Letztere können eine entscheidende Rolle spielen, indem sie sich für saisonale, lokale, biologische und pflanzliche Produkte entscheiden, die einen geringeren ökologischen Fussabdruck haben. Sie können auch aktiv Food-Waste reduzieren, indem sie Mahlzeiten besser planen und Reste kreativ verwerten. Die Nahrungsmittelindustrie kann dazu beitragen, indem sie nachhaltige Beschaffungspraktiken übernimmt und Produkte entwickelt, die eine längere Haltbarkeit haben. Gemeinsam können diese Schritte ein kreislauffähigeres Ernährungssystem schaffen, das nicht nur gut für den Planeten, sondern auch gut für unsere Gesundheit ist.

«Die Politik kann durch Regulierung und Anreize unterstützen.»

 

Das ist alles sehr allgemein – empfehlen Sie auch konkrete Massnahmen?

CG: Die Studie skizziert gezielte Massnahmen für verschiedene Interessengruppen. Für die Regierung liegt der Fokus darauf, ökologisches Produktdesign und kreislauffähige Geschäftsmodelle wie Leasing und Abonnementdienste zu fördern. Unternehmen werden ermuntert, in diese neuen Modelle zu investieren, um den Kundenbedürfnissen gerecht zu werden und gleichzeitig den Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Auf der Konsumentenseite ermutigt der Bericht zu nachhaltigen Verhaltensweisen wie der Wahl lokaler Produkte und der Minimierung von Abfall durch bessere Sortierung und bewusste Einkäufe.

Wie könnten diese Strategien in der Praxis umgesetzt werden?

LE: Ein Multi-Stakeholder-Ansatz ist unerlässlich. Die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Politik, Forschungseinrichtungen und der Zivilgesellschaft wird die Einführung neuer Praktiken, Richtlinien und Technologien erleichtern, welche die Kreislaufwirtschaft unterstützen. Die Hauptakteure hinter dem Bericht, Circular Economy Switzerland, Impact Hub und Deloitte Schweiz, haben die sogenannte Circular Roadmap entwickelt, die als Plattform für kreislauffähige Innovationen dient. Es handelt sich um einen Multi-Stakeholder-Prozess, bei dem Akteurinnen und Akteure aus dem privaten und öffentlichen Sektor, Hochschulen und NGOs zusammenarbeiten, um eine wirklich kreislauffähige Wirtschaft in der Schweiz zu erreichen.

Welche langfristigen Auswirkungen könnten diese Strategien auf die Wirtschaft und Umwelt der Schweiz haben?

LE: Langfristig könnten diese Strategien einen grossen Unterschied für die Schweiz machen. Sie werden nicht nur die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz stärken, sondern auch erheblich zur Reduzierung der Umweltauswirkungen beitragen. Es geht darum, eine nachhaltige und erfolgreiche Zukunft für die Schweiz zu schaffen, unsere enorme Innovationsfähigkeit zu nutzen und Risiken zu minimieren.