> Montag, 08.05 Uhr Ich fahre los mit meinem Auto der Kompaktklasse. Sein CO₂-Ausstoss liegt bei zwei Tonnen pro Jahr. Auch eine Katze verursacht zwei Tonnen CO₂ pro Jahr, unter anderem durch die Herstellung von Futtermitteln oder die Entsorgung von gebrauchter Katzenstreu. Daher darf ich mir erlauben, eine Katze pro Jahr zu überfahren. Mein Beitrag zur CO₂-Neutralität. Auch wenn mir Hunde lieber sind als Katzen, ist das keine wirklich gute Klimastrategie. Seit der Schweizer Finanzexperte Ivo Knoepfel 2004 in einem UNO-Bericht das Akronym ESG prägte, sind Überlegungen zu Environment, Social und Governance (Umwelt, Gesellschaft und Unternehmensführung) nicht mehr wegzudenken. Also zurück ins Bett und von vorn.

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> Montag, 07.20 Uhr Der Wecker klingelt. Immerhin eine Stunde später als noch vor ein paar Jahren, weil ich damals den ersten Flug nach London hätte erwischen müssen. Internationale Businessmeetings organisiert man heute anders. Geflogen wird nur, wenn der persönliche Kontakt wichtig ist. Der Carbon Footprint kann mittels eines Tools einfach errechnet werden. Anstatt zum Flughafen fahre ich nun mit dem Elektroauto ins Büro.

Wir beginnen die Woche mit einem Teammeeting. Die Hälfte der Teilnehmenden ist virtuell zugeschaltet. Alle werden angehört, unabhängig von Position oder Hierarchie. Heute geht es um den nächsten Prophet Impact Day, unser Gratisengagement zum Wohl der Gesellschaft. Wir ziehen für nächstes Jahr Oceans 2050 in Betracht, ein Projekt, das Alexandra Cousteau, die Enkelin von Jacques-Yves Cousteau, ins Leben gerufen hat und bei dem mein Londoner Kollege und ESG-Experte Tosson El Noshokaty sogar persönlich mit im Boot ist. Die Institution hat die Regeneration unserer Ozeane zum Ziel zum Beispiel durch das «Aufforsten» von Seegrasfarmen.

Der Autor

Thomas Wildberger, Partner, Prophet, Zürich.

> 11.02 Uhr Einmal mehr fällt mir auf, dass von 14 Personen 9 Frauen in unserem Zürcher Büro arbeiten. Als Hahn im Korb ist das zwar ganz okay, obwohl die gelebte Gleichberechtigung auch die Chefetagen durchdringen sollte. Wir kommen auf Rassismus zu sprechen – in Deutschland der häufigste Diskriminierungsgrund und in der Schweiz wird er von der Mehrheit der Bevölkerung als ernstes gesellschaftliches Problem wahrgenommen. In unserem Team sind Europäer, Asiaten, Latinos und so weiter. Wir stellen die These auf, dass es Rassismus eigentlich nicht geben darf, da es nur eine menschliche Rasse gibt. Er wäre allenfalls im Tierreich mit seiner Artenvielfalt angebracht. Wir vertagen die Diskussion auf das ESG-Monatsmeeting.

> 11.45 Uhr Unsere Office-Managerin fragt, wer Mittagessen bestellen möchte. Die Menuwünsche meiner deutlich jüngeren Kolleginnen und Kollegen sind hauptsächlich vegan und vegetarisch. Ich finde eigentlich auch, dass man bewusster konsumieren sollte. Als Fleischfan habe ich mir unlängst zum Ziel gesetzt, weniger Fleisch zu essen. Geliefert wird unser Lunch per Velokurier. Beim Essen ist es wie mit allem im Leben, man kann sich an alles gewöhnen, Planted Chicken und Tofu eingeschlossen.

> 12.34 Uhr Ein Case, den eines unserer O&C-Teams (Organisation & Culture) kürzlich präsentierte, erinnert mich daran, dass ich den nächsten Sommerurlaub buchen wollte. Warum nicht Ferien im Club Med? Es ist beeindruckend, wie der globale Marktführer für All-inclusive-Premium-Urlaube seine ESG-Strategie vorantreibt. Er vollzieht einen Wandel zum Öko-Tourismus-Anbieter mit umweltbewussten Resorts und Öko-Zertifizierungen als Standard für die Anlagen von Europa bis Asien. Aber vielleicht bleiben wir am Ende doch wieder in der Schweiz, nehmen den Zug nach Zermatt.

> 15.00 Uhr Ich treffe mich mit einer neuen Kollegin, die aus den USA nach Zürich gezogen ist. Wir unterhalten uns auf Englisch, und sie erzählt von einem Wochenend-Skiausflug mit ihrem Partner. Ich ertappe mich dabei, wie ich sie mir mit ihrem Mann die verschneiten Hänge hinunterwedelnd vorstelle. Dann erinnere ich mich prompt an eins der vielen Learning-Module, die jeder Prophet-Mitarbeitende in den ersten Wochen absolvieren muss. Muss! Dort werden Themen wie Micro-Aggressions behandelt. Wenn also jemand von seinem Partner spricht, ist es theoretisch völlig offen, ob das ein Mann, eine Frau oder eine nonbinäre Person ist. Tatsächlich ist meine neue Mitarbeiterin mit einer Frau verheiratet. Die Module scheinen zu funktionieren, sprich die Denkmuster dahingehend zu beeinflussen, dass man nicht in die Falle tappt und Menschen brüskiert, verunsichert oder gar diskriminiert, indem man ein antiquiertes Rollenverständnis bemüht.

> 16.15 Uhr Mit meinen Kolleginnen und Kollegen von der Brand & Activation-Plattform, eine unserer Kernkompetenzen, debattiere ich darüber, ob «Purpose» als Buzzword überstrapaziert ist oder Wort und Inhalt noch eine Zukunft haben. Im Prinzip gibts zwei Arten von Unternehmen. Diejenigen, die per se mit ihrem Produkt oder ihrer Dienstleistung einen Purpose haben und erfüllen. Wie Allbirds. Der kalifornische Brand stellt Schuhe aus natürlichen Materialien her. Er ist exemplarisch für die Modeindustrie, die gerade in der Kritik steht und sich deshalb im Umbruch befindet. Tommy Hilfiger hat zum Beispiel Laserbehandlungen entwickelt, die einer Jeans in 90 Sekunden einen gealterten Look verleihen (die herkömmliche Methode braucht eine halbe Stunde in einer riesigen Waschmaschine mit entsprechend hohem Energieverbrauch). Shoppingnetzwerke wie Farfetch weisen ihre Kundschaft mit dem Vermerk Good On You auf die Nachhaltigkeit eines Kleidungsstücks hin und es ist wahrscheinlich, dass sie Waren, die diesem Anspruch nicht mehr gerecht werden, irgendwann nicht mehr vertreiben.

Die andere Art sind Unternehmen, die im Moment verzweifelt einen Purpose suchen, wie Banken. Eigentlich müsste der generell lauten, nur noch auf Sustainable Investments zu setzen. Obwohl der Finanzsektor im Punkt Governance der am meisten regulierte sämtlicher Branchen ist, gibt es öfters schwarze Schafe. Tschuldigung, Schafe, deren Körperbehaarung aufgrund einer Laune der Natur dunkler ausgefallen ist. Die Schweizer Globalance Bank ist mit ihrer patentierten Footprint-Methode ein Pionier als weltweit erster nachhaltiger Vermögensverwalter. Solch ein Geschäftsmodell muss wasserdicht sein, sonst fliegt es einem um die Ohren. Keine Person der Generation Z und nachfolgend würde bei einer Firma arbeiten wollen, die unaufrichtig Werte verkauft. Womit wir bei einem wichtigen Aspekt von ESG landen: der 360-Grad-Sicht, die eine Firma einnehmen sollte, um alle Stakeholder-Interessen – Mitarbeitende, Aktionäre, Kundschaft, neue Talente und so weiter – zu berücksichtigen.

> 16.38 Uhr Erhalte eine News-Push-Nachricht: ARD und ZDF zeigen keine «Winnetou»-Filme mehr. Was ist das für eine miese Moral, denn die WM in Katar werden sie selbstverständlich übertragen. Überhaupt woke. Eine endgültige Meinung habe ich mir zu dieser omnipräsenten Bewegung noch nicht gebildet, ausser der Erkenntnis aus meinen 48 Jahren Lebenserfahrung, die dereinst als Inschrift auf meinem Grabstein verewigt wird: Jeder hat recht. Äh, sorry, Jede(r) hat recht.

> 17.20 Uhr Wir prüfen die Anfrage eines Chemiekonzerns, der in Sachen ESG beraten werden möchte: Gibt es Ausschlussgründe wie Konkurrenz, Governance oder moralische Gesichtspunkte? Schon bemerkenswert, wie sich die Anfragen zu dem Thema häufen. Ich bin überzeugt, dass wir etwas erreichen werden und dass dem veränderten Fokus von Product Centricity zu Costumer Centricity hin zu Human Centricity ein weiterer signifikanter Wandel folgen wird, nämlich Planet Centricity als einzig relevanter Schwerpunkt.

> 18.26 Uhr Ich mache mich auf zum Frauenfussballspiel Servette FC Chênois Féminin gegen FC Rapperswil-Jona und freue mich auf die vegane Bratwurst. Quatsch, man muss ja nicht gleich übertreiben und sämtliche ESG-Themen auf einmal berücksichtigen. Ich werde natürlich eine Kalbsbratwurst essen. Immer schön eins nach dem anderen.