Nachhaltige Wirtschaftsprinzipien haben laut den Analysten der Bank Morgan Stanley durch die Covid-19-Krise einen grossen Schub erfahren. Nicht nur grosse Versicherungen wie Swiss Re und Zurich haben sich Nachhaltigkeitsziele gegeben. Praktisch aus allen Branchen melden sich solche Unternehmen.

Besonders wenn der Zeithorizont aufgrund einer Stresssituation wie der Covid-19-Pandemie sehr kurz ist und der Handlungsdruck entsprechend gross, haben es langfristige Ideale wie Nachhaltigkeit schwer – so lautet das Fazit einer Studie zu zukünftigen Skills von Arbeitnehmenden des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI) in Rüschlikon.

 

 

Kritischer Punkt: Individuelle Mobilität

Damit sind auch die Hochschulen gefordert. Allerdings ist das Thema nicht ganz einfach zu handhaben. «Nachhaltigkeit ist ein Thema, das sich so rasch entwickelt, dass es schwerfällt, dies in Programmen, die über etwa drei Jahre eine stabile inhaltliche Struktur aufweisen müssen, damit sie auch korrekt studiert werden können, als eigenen Punkt abzubilden», sagt Charlotte Hofstetter, Leiterin Ausbildung an der Hochschule für Wirtschaft an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). «Es spiegelt sich aber in verschiedenen Aspekten, zum Beispiel bei der Selektion von Kriterien in Management-Entscheidungen.» So gibt es an der FHNW im MSc International Management ein Modul zur Verantwortung von Unternehmen und hierbei geht es auch um die Harmonisierung von wirtschaftlichen Zielen mit ökonomischen Anforderungen.

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«Das Thema Nachhaltigkeit hat sich in den letzten Jahren bei der Ausbildung zum MSc Energy & Environment in den Ingenieur-technischen Modulen stark entwickelt», sagt Institutsleiterin Agathe Koller von der Ostschweizer Fachhochschule (OST), «Ingenieurwesen wird fokussiert zum Lösen der Energie- und CO2-Problematik.» Die Anwendungen gehen stark in Richtung erneuerbare Energie und nachhaltige Umwelttechnik. Zusätzlich wurde hier der Aspekt der regulatorischen und politischen Prozesse beim komplexen Thema der Energiewende in neue Modulen eingebaut.

Inhaltlich werden drei Schwerpunkte verfolgt: Zunächst nachhaltige Energieerzeugung, um fossile Treibstoffe zu ersetzen und den CO2-Ausstoss zu reduzieren: Power-to-Gas, Windenergie und vertiefte Ausbildung für die zukünftige Wasserstofftechnologie. Dann die Integration von energetischen Systemen: Vertiefte Ausbildung zur Integration von Batterien, zu elektrischen Infrastrukturen und Photovoltaikanlagen.

Und schliesslich das Thema Reinhaltung von Wasser. «Die Fragestellung und Thematik ist allgegenwärtig und insbesondere sollten/müssen junge Ingenieure ausgebildet werden, um die Probleme zu lösen», sagt Koller weiter. «Der unausgesprochene kritische Punkt wird die Mobilität sein, insbesondere die individuelle.»

«Das Thema Nachhaltigkeit hat klar an Bedeutung und Wichtigkeit gewonnen – bei Dozierenden, Studierenden und beispielsweise auch bei Akkreditierungen, wo Fragen rund um Nachhaltigkeit zentrale Bewertungskriterien sind», sagt Saverio Genzoli, Sprecher an der Hochschule Luzern (HSLU). «Und auch innerhalb der Studiengänge bauen wir die Stellung des Themas weiterhin aus.» Beim Departement Wirtschaft liegt der Fokus je nach Studiengang auf nachhaltigem Tourismus, auf der Reduktion negativer Externalitäten im Bereich der Mobilität, auf nachhaltigen Anlageprodukten im Finanzbereich oder auf dem Networkmanagement von nachhaltigen Entwicklungsprojekten bei internationalen NGO.

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Am Departement Technik & Architektur wiederum ist laut Genzoli «Energie» schon länger ein wichtiges Schwerpunktthema. Nachhaltigkeit spiele in allen Profilen von Anfang an eine wichtige Rolle; besonders stark in den beliebten Profilen Building Technologies und Energy & Environment. «Da Nachhaltigkeitsthemen oft fachübergreifend sind, spielt an der Hochschule Luzern Interdisziplinarität auch in den Master-Studiengängen eine wichtige Rolle», sagt Genzoli weiter. «Aus betrieblicher Sicht gewinnt auch das Thema Resilienz an Bedeutung.»

Soziale Aspekte mit höherem Gewicht

Und auch die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) meldet neue Studiengänge mit Bezug zur Nachhaltigkeit. Am Department Life Sciences und Facility Management sind es ein Master of Science und die Vertiefung Computational Life Sciences im Master Life Science. «Um nachhaltig zum Beispiel gegen den Klimawandel angehen zu können, sind sowohl technologische als auch soziale Innovationen notwendig», sagt Urs Hilber, Nachhaltigkeitsbeauftragter der ZHAW. «Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Teilaspekt in allen Profilen.»

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An der ZHAW School of Engineering gibt es das Institut für Nachhaltige Entwicklung (INE), das auch im MSE stark involviert ist in der Ausbildung der Studierenden. Am INE werden Themen in praxisnahen Forschungs- und Entwicklungsprojekten sowohl im elektrischen als auch im thermischen Bereich in der Transformation regionaler Energiesysteme behandelt. «Zudem lernen die Studierenden nachhaltige Prosumerkonzepte, smarte Lösungsansätze, Sektorkopplungen, Nachfragemanagement, VR-Anwendungen und Akzeptanzstudien kennen», so Hilber weiter.

Die ZHAW fokussiert sich auf die 17 Sustainable Development Goals der Zielsetzung der Vereinten Nationen. «Hier gibt es sehr viel Arbeit und wenig, das weggelassen werden kann oder sollte», sagt Hilber. «Langfristig sollten die sozialen Aspekte mehr in den Vordergrund treten, da die technischen Lösungen weitgehend zur Anwendung kommen.»

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