«Machen Sie den nächsten Karriereschritt», wirbt ein MBA-Kursanbieter. «Studierende lernen bei uns, mit emotionaler Intelligenz zu führen», legt eine weitere Schule nach. «Es geht nicht nur darum, die Dinge richtig zu machen, sondern die richtigen Dinge zu machen», weckt eine andere Business School Appetit auf mehr.

Mit den schönen Formulierungen steigt die Erwartungshaltung: Was sind das für tugendhafte, umsichtige Führungspersonen, die nach ihren Abschlüssen in die Unternehmen ausschwärmen und dabei, mit einem Schlag, mindestens einen Drittel mehr Salär bekommen? Sind diese Führungskräfte das Geld wert – und wenn ja, wie schaffen sie Mehrwert für die Unternehmen?

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Stellenwert der Arbeitsleistung sinkt

Der am MIT in den USA lehrende Ökonom Daron Acemoglu hat zusammen mit Kollegen diese Frage untersucht und seine Ergebnisse kürzlich als Forschungspapier veröffentlicht. Ausgangspunkt dieser Forschung ist die Frage, wie sich erklären lässt, dass in den vergangenen dreissig Jahren der Anteil und das Wachstum der Arbeitseinkommen in den USA und in Europa unterproportional gewachsen ist, obwohl es in diesem Zeitraum zu einer gewaltigen Zunahme der Vermögenswerte insgesamt gekommen und auch die Produktivität gestiegen ist.

Gleichzeitig haben immer mehr MBA-Titeltragende die Leitungsfunktion in Unternehmen übernommen: In den USA stieg der Anteil der Beschäftigten, die in Unternehmen von einem MBA-Titelträger oder einer MBA-Titelträgerin geführt wurden, zwischen 1980 und 2020 von 26 auf 43 Prozent. In Dänemark kletterte der Anteil von 11 Prozent im Jahr 1995 auf 19 Prozent im Jahr 2011.

Mitarbeitende gelten als Humankapital, in das investiert werden muss.

Acemoglu und seine Kollegen verglichen die Situation in den USA mit jener in Dänemark, um es zu vermeiden, Resultate mit angreifbarer Aussagekraft zu produzieren. In den vergangenen Jahren haben diese Führungskräfte den Anteil der Arbeit an den gesamten Erträgen von Unternehmen sowie die Anteile der Löhne in den USA um 5 beziehungsweise 6 Prozent reduziert – im Vergleich zu Unternehmen, bei denen Nicht-MBA-Titelträgerinnen und -Träger die Geschäfte führen.

In Dänemark, unter ganz anderen Rahmenbedingungen und in einem Umfeld, in dem die Gewerkschaften viel mitzureden haben, lag das Minus jeweils bei 3 Prozent. Dieser Effekt manifestierte sich innerhalb von fünf Jahren nach der Besetzung der Position.

In beiden Ländern führte die Reduktion des Arbeitsanteils zu einem Anstieg der Gewinne im Verhältnis zum investierten Kapital um 1,5 bis 3 Prozent. Und diese Wirkung überträgt sich auch auf die Aktienkurse der jeweiligen Firmen. Hier lässt sich der zusätzliche Schub dank MBA-Titeltragenden auf 5 Prozent beziffern.

Bei vielen weiteren Kennziffern, mit denen üblicherweise der Erfolg von Unternehmen und ihren Spitzenkräften erfasst wird, veränderte sich dagegen wenig: Dazu zählen Output, Investments und Produktivitätskennziffern. «Das lässt den Schluss zu, dass die MBA-Titeltragenden nicht produktiver arbeiten als ihre Kollegen und Kolleginnen, die keine Business School absolviert hatten», folgern Acemoglu und seine Kollegen.

Bei Schocks hilft der Titel wenig

Um ihre Ergebnisse abzusichern – so zeigten sich bei Firmen, in denen die Leitung von einem Nicht-MBA-Titelträger auf eine weitere Nicht-Titelträgerin übertragen wurde, keine entsprechenden Effekte –, verglichen die Forscher jeweils auch das genaue Umfeld der einzelnen Firmen. Denn es könnte naheliegen, dass gerade Unternehmen in Not nach speziell qualifizierten Fachkräften suchen, damit diese über Entlassungen das betroffene Unternehmen retten.

Oft nehmen neu berufene Managerinnen oder Manager Entlassungen gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit vor. Das hat Nebeneffekte, wie die Forscher feststellten: Ausgerechnet die besser qualifizierten Mitarbeitenden würden die Firmen überproportional oft verlassen. Wenn dann jüngere Kräfte nachrücken, haben sie zu Beginn in der Regel etwas tiefere Einstiegslöhne – was wiederum die Arbeitsanteile in den Firmen zugunsten des Kapitals verschiebt.

Susanne Ruoff

Funktion: CEO Ruoff Advisory

MBA: Universität Freiburg (2003/04)

«Der MBA war eine sehr gute allgemeine Betriebswirtschaftsausbildung, die ich damals direkt in der Praxis bei IBM anwenden konnte. Und dies in drei Sprachen; es war sehr vielfältig!»

Und das Datenmaterial von Acemoglu und seinen Kollegen gab noch viel mehr her. So liess sich untersuchen, was passiert, wenn es zu einem Schock bei den Exporten kommt, also wenn die Nachfrage von exportorientierten Firmen auf einmal deutlich zurückgeht. «Wir fanden keine Unterschiede in der Art und Weise, wie Geschäftsführende mit solchen Ereignissen umgehen», kommentieren die Forscher.

Weder bei den Umsätzen noch bei der Produktivität, der Beschäftigungslage oder den Investitionen gab es Unterschiede zwischen Firmen, bei denen eine MBA-Titelträgerin oder ein MBA-Titelträger an der Spitze stand, und solchen mit Nicht-Titeltragenden.

Es gab auch keine Differenzen bei der Art und Weise, wie innert kurzer Zeit auf Schocks reagiert wurde – hier wurden Entlassungen, wenn sie erfolgten, von allen Geschäftsleitenden vorgenommen, unabhängig von ihren Titeln. Es gab indes einen wichtigen Unterschied: Die Nicht-Titeltragenden teilten die Kapitalerträge, die sie erzielten, mit ihren Beschäftigten in Form höherer Löhne oder ausgeschütteter Extraboni, wenn sich nach einem Schock das Auslandsgeschäft wieder erholt hatte.

Nächste Gezeitenwende in Sicht

Spätestens hier stellt sich die Frage, ob es weitere Effekte innerhalb der untersuchten Kohorten gibt, beispielsweise eine Form von Selbstselektion beim Selbstbild der Executives als «harte Macher». Die Daten, so Acemoglu, zeigen indes in eine andere Richtung: Die unterschiedliche Wirkung ist auf die Inhalte der MBA-Aus- und Weiterbildungszeit zurückzuführen.

Hier gibt es zwei starke akademische Traditionen, die solche Entwicklungen begünstigen. Die erste ist der «Shareholder Value», den Milton Friedman 1970 vorgestellt hatte und der, durch viele Nachfolgerinnen und Nachfolger verstärkt, bis heute seine Wirkung entfaltet. Die zweite ist die Idee der «schlanken Unternehmen», bei der die Beseitigung «unnötiger Kosten» als integraler Bestandteil erfolgreicher Managementtätigkeit betrachtet wird.

Immerhin – durch die Tätigkeit der MBA-Titeltragenden liess sich in dieser umfangreichen Untersuchung nicht der ganze Effekt bei der Reduktion der Bedeutung von Arbeitseinkommen versus Kapitalerträge erklären. Laut Acemoglu haben unzählige Unternehmensberatende und Geschäftsführende, die sich zwischendurch mit Managementlektüre beschäftigen, die Shareholder-Value- und Lean-Unternehmenskonzepte überall in der Firmenwelt verbreitet.

Man darf auf die Nachfolgestudien der Forscher gespannt sein, denn derzeit verschieben sich, auch unter dem Eindruck des Fachkräfte- und Arbeitskräftemangels, wieder die Gewichte. Mitarbeitende, die bisher als Kostenfaktoren betrachtet wurden, gelten zunehmend als Humankapital. Und in dieses muss investiert werden.