Frauen und Finanzen, wie gut sind die Schweizerinnen oder in der Schweiz lebende Frauen bei diesem Thema aufgestellt?

Bente Roth (BR): Fast allen Frauen ist bewusst, dass sie aktiv werden sollten. Sie nehmen sich fest vor, mit dem Investieren zu starten. Dann aber kommt das Leben dazwischen, und die aktuellen Lebenssituationen verschieben Prioritäten. Bei Frauen geht es also primär um das Anfangen. Was jedoch zusätzlich durch das umfassende Angebot an Möglichkeiten und Informationen erschwert wird. Oft sind viele Emotionen mit im Spiel. Dazu kommt fehlendes Vertrauen. Wir raten immer dazu, langsam anzufangen und sich mit dem Gefühl des Investierens vertraut zu machen. Auch wenn das zinseszinstechnisch vielleicht weniger lukrativ ist. Aber beim Einstieg ist es oftmals besser, klein zu starten und Erfahrungen zu sammeln, was es mit einem macht, wenn die Kurse fallen oder auch plötzlich enorm steigen. 

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Edith Aldewereld (EA): Das Anlageverhalten ist alters-, aber eben auch situationsabhängig. Es gibt verschiedene Lebensphasen wie zum Beispiel eine Scheidung, bei der sich viele Frauen fragen: Warum bin ich finanziell nicht besser organisiert? Warum habe ich mich nie mit diesem Thema befasst?! Parallel besteht eine grosse Lücke zwischen Spar- und Investitionsverhalten. Frauen sind vorsichtiger und risikoscheuer. Sie investieren erst, wenn sie sich gut informiert haben. So weit aber kommt es eben manchmal nicht. Deshalb gibt es ein grosses Anlagepotenzial für Frauen, denn die meisten haben ihr Geld noch sicher auf dem Sparkonto.

Zur Person

Bente Roth 24 Jahre ist seit 24 Jahren in der Finanzbranche tätig, davon 18 Jahre als unabhängige Vermögensberaterin. Mit ihrem Unternehmen Finanzweg unterstützt Roth Frauen dabei, finanziell unabhängig zu werden, zu bleiben und effektiv zu investieren. Sie ist zudem Partnerin bei der ARP Vermögensverwaltungs AG. 

Edith Aldewereld ist Partnerin bei Sonnenberg Wealth Management, Nachhaltigkeitsberaterin bei Acatis Fair Value Investment und Mitbegründerin von Women in Sustainable Finance International (WISF). Sie verfügt über viele Jahre Erfahrung im internationalen Private Banking. 

 

Sind Frauen demnach unsicherer, wenn es ums Anlegen geht?

EA: Ich würde es nicht unsicher nennen, es ist vielmehr der angesprochene Fakt, dass es oft auf die lange Bank hinausgeschoben wurde. Und dann kommt eine Situation, die das Thema in den Fokus rückt, und die Frauen fragen sich, warum sie es bislang so stiefmütterlich behandelt haben. In diesem Moment ist es wichtig, nicht zurückzuschauen, sondern nach vorne. Was bedeutet, dass wir zuerst immer über die persönlichen Wünsche, die Situation, Werte und Lebensziele sprechen. Dann schauen wir uns die finanzielle Situation an. Und dann können wir die persönlichen Ziele mit den finanziellen Zielen verbinden. Geht es beispielsweise darum, Geld für kurzfristige Projekte sicherzustellen, oder um langfristige Anlagen, die eventuell den Altersruhestand finanzieren sollen? Darauf aufbauend lässt sich ein passendes Portfolio zusammenstellen. Je nach Laufzeit macht es mehr Sinn, in Aktien zu investieren oder eben bei Obligationen zu bleiben. Hier kommt dann auch die Risikobereitschaft ins Spiel. 

Wie gehen Sie bei der Beratung vor?


BR: Der erste Schritt ist, dass wir den Finanzen unserer Kundinnen eine Struktur geben. Und das hält nicht selten Überraschungen bereit. Plötzlich wird ersichtlich, dass es doch eine gewisse Summe Geld gibt, die investiert werden kann. Und je klarer die Struktur, desto bereiter sind die Kundinnen dann auch, höhere Risiken einzugehen, weil sie wissen, dass sie den Teil des Geldes für längere Zeit nicht benötigen. Am besten ist es, wenn die Summe direkt am 25. eines Monats in den Sparplan läuft. Es ist die einfachste Methode, um mit dem Investieren zu beginnen. 

Der kleine Betrag, der immer investiert werden kann – steht Frauen in der Schweiz eigentlich weniger Geld zum Investieren zur Verfügung?

BR: Hier braucht es sicher eine Unterscheidung. In der Schweiz gibt es sehr viele Frauen, die sehr viel Geld zur Verfügung haben. Wir leben in einer Erbengeneration, und da profitieren Männer wie Frauen gleichermassen. Auf der anderen Seite gibt es viele Frauen, die für die Familie die eigene Berufstätigkeit reduziert oder sogar eingestellt haben. Aber grundsätzlich würde ich sagen, dass in der Schweiz viele Frauen mehr investieren könnten, als sie es bislang tun.

Woher kommt die Zurückhaltung?

BR: Schweizerinnen und Schweizer reden nicht gerne über Geld, das ist Fakt. Frauen tun sich sogar noch schwerer damit. Dabei sehen wir jedoch immer wieder, welche Chancen sich ergeben, wenn diese Hürde genommen wird. Wir sind immer wieder überrascht, wie froh viele sind, dass sie offen über alles reden können. Viele sind überfordert von all den Themen und dankbar, wenn jemand sie unterstützt. Einige, und auch dies gilt geschlechterübergreifend, haben zudem schlechte Erfahrungen gemacht, weil die Beraterinnen und Berater in der Bank oder anderen Finanzinstituten sehr produktgetrieben sind. Hier verfolgen wir einen anderen Ansatz, weil wir unabhängig sind. Das öffnet sicher Türen.

Was sind weitere Besonderheiten bei Entscheidungen von Frauen?

EA: Frauen beziehen bei Entscheidungen, wie gesagt, oftmals nicht nur das eigene Wohl mit ein. Sie sind demnach offener, wenn es darum geht, einen sozialen Beitrag zu leisten. Oft gar nicht bewusst, aber doch eindrücklich positionieren sie sich mit ihren Investments, weil sie ihr Geld in nachhaltige Anlagen anlegen. Wir sagen gerne: Dein Kapital ist ein Spiegel dessen, wer du bist. Hier findet ein Wandel in der Gesellschaft statt, und die Frauen treiben diesen sicher voran. Rund 90 Prozent unserer Kundinnen legen langfristig an und investieren in Nachhaltigkeit. 

Am 1. Januar 2025 tritt das angepasste CO2-Gesetz in der Schweiz in Kraft, damit soll Greenwashing noch weniger möglich sein. Wie wichtig ist das in Bezug auf nachhaltige Anlagen?

BR: Wichtig, denn das Investment in nachhaltige Anlagen hat ja auch einen ideellen Wert. Und wenn man sich hier nicht sicher sein kann, wie «grün» die Anlage wirklich ist, sorgt das für Verunsicherung. Hier braucht es Transparenz und Aufklärung vonseiten der Beratenden, aber auch der Anbietenden. 

Präferieren Frauen gewisse Anlageklassen wie eben zum Beispiel nachhaltige Anlagen?

EA: Nachhaltige Anlagen gewinnen in allen Generationen und vor allem bei allen Geschlechtern an Bedeutung. Es ist erkennbar, dass die Menschen mit ihrem Kapital über die eigene Rendite hinaus mehr erreichen möchten. Und das hat sich mit dem Ukraine-Russland-Konflikt noch einmal gesteigert. Grundsätzlich hat sich durch die politische und gesellschaftliche Situation in den letzten Jahren viel verändert. Viele wollen persönlich einen positiven Beitrag dazu leisten, dass wir Menschen im Einklang mit uns selbst, unserer Gesellschaft und den Ressourcen unseres Planeten leben. Eine starke Stimme dafür ist das persönliche Kapital. Und die Antwort darauf sind nachhaltige Anlagen.

Wie wird sich der Markt der Kapitalanlagen entwickeln? 

EA: Die Menschen entwickeln zunehmend ein Bewusstsein dafür, was mit dem eigenen Kapital passiert oder passieren soll. Auf der einen Seite übernehmen Technologien Standardprozesse, und die Frage, ob künstliche Intelligenz die bessere Beraterin sein wird, ist in Zukunft allgegenwärtig. Auf der anderen Seite wird es meiner Meinung nach immer neue Investitionsmöglichkeiten geben, und die Entwicklung von KI und Blockchain sind nur zwei Beispiele dafür.

BR: Wir befinden uns auf einem Transformationsweg. Nachhaltigkeit ist hier sicher ein wichtiger Bestandteil. Die Frage wird aber sein, wie wir sie und wie Unternehmen sie auf Dauer nachweisen und umsetzen wollen. Nachhaltigkeit ist ein gelebter Prozess, und diesen gilt es zu gestalten. Wir müssen sie in unseren Alltag und unsere Gesellschaft integrieren. 

Wie und in was werden wir im Jahr 2034 investieren?

EA: Die Investitionsmöglichkeiten werden sich wie gesagt weiterentwickeln, aber die Einstellung zum Anlegen wird sich nicht verändern. Wir alle haben das Grundbedürfnis, unser Leben zu finanzieren und der nachwachsenden Generation etwas mit auf den Weg geben zu wollen, vor allem den eigenen Kindern. Hier braucht es nun Antworten. Und noch mehr eine Antwort darauf, was «nachhaltig» eigentlich bedeutet. Denn das wird oft sehr kompliziert gemacht. Meines Erachtens geht es doch darum, dass wir Menschen im Einklang mit uns selbst, als Gesellschaft und mit den bestehenden Ressourcen unseres Planeten leben. Hier gilt es, Standards zu schaffen, die aber den kontinuierlichen Veränderungen in der Welt angepasst werden müssen. 

Wilma Fasola von Handelszeitung
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