Amazon und UPS bieten Kunden Rückzahlungen nach Schwierigkeiten bei den Weihnachtslieferungen an», titelte die «Washington Post» am 26. Dezember 2013. Ein guter Teil der 7,8 Millionen Pakete, die rechtzeitig zu Weihnachten in die weihnachtlichen Stuben geliefert werden sollten, blieb im UPS-Netzwerk hängen. Gemäss einem Artikel des «Wall Street Journal» von Ende 2013 hatte eine unerwartet grosse Welle von Last-minute-Päckchen das UPS-Netz völlig überfordert.

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Das «Weihnachts-Lieferfiasko» von 2013 gilt laut Analysten als Zeitpunkt, an dem Amazon im grossen Stil in das Liefergeschäft einstieg. Ein weiteres Motiv waren und sind die Margen. «Ihre Marge ist meine Gelegenheit», pflegt Jeff Bezos, Ex-Amazon-CEO und Mitgründer des Unternehmens, zu sagen, wenn er in ein benachbartes Geschäftsfeld vorstösst.

Hohe Margen als Gelegenheit

Tatsächlich sind die Margen bei den grossen globalen Lieferunternehmen UPS und Fedex konstant höher als bei Amazon selber: Gemäss einer Langfristauswertung der Analysten der Credit Suisse kommen die grossen Logistiker gegenwärtig auf 10 bis knapp 12 Prozent – Tendenz steigend. Amazon weist seine Logistikmargen nicht separat aus, aber im Nordamerika-Geschäft liegt die Marge insgesamt unter 3 Prozent – Tendenz fallend. Alleine deswegen rechtfertigt sich für Amazon ein Ausbau der Logistik.

Allerdings ist es nicht so einfach. Denn einerseits schwanken die Liefermengen bei Amazon im Jahresverlauf stark und viele Lieferungen verteilen sich in kleineren Mengen auf grössere Gebiete. Und anderseits dürften deshalb die internen Margen laut den Credit-Suisse-Analysten noch niedriger sein als die des E-Commerce-Systems selber. Damit ist der Nettoeffekt für Amazon, wenn man sich selber um die Logistik kümmert, bescheiden. Als Pluspunkt erscheint dann lediglich die Kontrolle über das eigene Liefernetzwerk, um eine Wiederholung eines Desasters wie an Weihnachten 2013 zu vermeiden. «Die Investitionskosten und das gebundene Kapital solcher spezialisierter Lager sind hoch», weiss Darius Zumstein, Head of E-Commerce Lab bei der ZHAW. «Ist die Anzahl der Bestellungen und die Auslastung tief, kann respektive muss das Lager Dritten zugänglich gemacht werden, um die Fixkosten zu decken.»

Genau das macht Amazon. Bisher hat das Unternehmen rund 100 Milliarden Dollar in den Aufbau der eigenen Logistik gesteckt. Davon ist rund ein Viertel in das «internationale» Geschäft geflossen, das auch Europa und damit die Schweiz abdeckt. Es gibt einige grosse Investoren, die bezweifeln, ob und wie sich das für Amazon selbst ausbezahlt. Auch deshalb hat man im April das «Buy with Prime»-Schema eingeführt. Unabhängige Online-Shops können ihre Bestellungen und Lieferungen über Amazon ausführen lassen. Dieses neue Angebot richtet sich gegen den Rivalen Shopify, der genau solche Dienste Millionen von Kleinunternehmen zur Verfügung stellt.

Hauptsache pünktlich

Zudem arbeitet Shopify mit lokalen Lieferanten und Logistikunternehmen zusammen und spielt dadurch seine Stärken aus. «Eine hohe Flexibilität bezüglich Standort, Nutzung und Ausbaufähigkeit ist sicher ein entscheidender Erfolgsfaktor», sagt Zumstein. «Das ist insbesondere bei Nachfrage-Peaks wie Black Friday oder dem Weihnachtsgeschäft sehr wichtig.» Zumstein weiter: «Da der Platz für Logistik-Hubs in der kleinen, dicht besiedelten Schweiz gerade in den Ballungsgebieten des Mittellands in Zukunft noch knapper wird, ist es für E-Commerce-Unternehmen und Logistiker zentral, bei der Beschaffung, Lagerung und im Fulfillment gut und flexibel aufgestellt zu sein.»

Amazon kauft unbeirrt weiter bei Logistikthemen, die lediglich Spezialisten geläufig sind. Wie etwa das Zwölf-Personen-Startup Intl, mit dem der Import von Waren in die USA einfacher und kostengünstiger wird, weil papiergestützte Prozesse digitalisiert werden. Gegenüber den Endkunden und Zulieferern wirken sich solche Verbesserungen unmittelbar aus: indem die Pakete an Weihachten pünktlich unter dem Christbaum liegen.