Die Messlatte für den Gewinn liegt hoch: Swiss Re will längerfristig jeweils eine Eigenkapitalrendite einspielen, die 7 Prozent über der Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen liegt. Bei der aktuellen Rendite dieser An­leihen von 3 Prozent wären das etwa 10 Prozent Renditeziel oder ein Reingewinn von knapp 4 Milliarden US-Dollar. In dem von Swiss Re als «harmlose Schadenjahre» bezeichneten Abschnitt zwischen 2012 und 2016 wurde dieses Ziel dreimal übertroffen und zweimal leicht verfehlt. Die hohe Schadenbelastung sowie die Auswirkungen einer Regeländerung bei der Rechnungsführung dezimierten den Reingewinn 2018 um 3,6 Milliarden Dollar. Zuzüglich des verbliebenen und ausgewiesenen Reingewinns von 421 Millionen Dollar wäre für Swiss Re das Ziel vergangenes Jahr erreichbar gewesen.

Umgekehrt liesse sich laut Analysten argumentieren, dass 2018 mit ­einer Belastung von 81 Milliarden Dollar das viertgrösste Schadenjahr für die globale Versicherungswirtschaft war – nach den Jahren 2017 (mit versicherten Schäden in der Höhe von 150 Milliarden Dollar), 2011 (143 Milliarden) und 2005 (140 Milliarden). Ein richtig grosses Schadenjahr wie 2017 hätte den Gewinn aufgrund des Einmaleffektes durch die Umstellung der Rechnungslegung Richtung null gedrückt.

Zurückhaltung bei Cyber

Dass man bei Swiss Re deshalb keine nicht mehr handhabbaren Risiken zeichnen will, zeigt auch die Skepsis gegenüber dem Wachstumsthema Cyber-Versicherungen. «Wir gehen das Thema vorsichtig an», antwortete Swiss-Re-CEO Christian Mumenthaler auf die entsprechende Frage der «Schweizer Versicherung». «Das Geschäft ist teilweise riskanter, als viele glauben.» Swiss Re forsche aber intern an diesem Thema und arbeite auch mit Experten zusammen. Auch Vertreter anderer europäischer Rückversicherungen hatten sich bereits skeptisch zu den Risiken in ­diesem potenziellen Wachstumsfeld geäussert. Die Vorsicht kontrastiert mit der ungleich optimistischeren Haltung vieler schweizerischer Erstversicherungen.

Es braucht aber keine Cyber-Attacke, um das Versicherungsgeschäft zu belasten. Eine ungenügend aufgestellte Sparte wie Corporate Solutions genügt. Dieser Bereich, der seit Anfang März mit Andreas Berger einen neuen Chef hat, litt unter schwierigen Marktbedingungen (seit 2013 sind die Prämien um 20 Prozent gefallen), ­höher als erwartet ausgefallenen individuellen Schäden, einem ungünstigen Geschäftsmix sowie einer zu hohen Kostenbasis aufgrund weiterer Investitionen. Die Optimierung des Port­folios, die 2017 begonnen hatte, soll im laufenden Jahr «intensiviert» werden. Gemäss Mumenthaler hatte man diese Sparte bisher mit einer eher tieferen Rückversicherungsquote versehen: In guten Schadenjahren ergab das prozyklisch überproportionale Gewinne, in schlechten Jahren resultiert der gleiche Verstärkereffekt nach unten. Und die Reserven befinden sich im Rückversicherungsgeschäft. Auf den neuen Sparten-CEO warten mit der weiteren Bereinigung des Portfolios eine Anpassung des Rückversicherungsprogramms für diese Sparte sowie Massnahmen zur Erhöhung der Produktivität.

Wenig Digitalisierungspotenzial

Dabei sind die Effekte, die sich intern durch die Digitalisierung herausholen liessen, gering, wie Mumenthaler auf eine weitere Frage der «Schweizer ­Versicherung» ausführte. «Es gibt im forschungsintensiven Rückversicherungsgeschäft nur wenig repetitive Aufgaben, die sich digitalisieren lies­sen.» Das sei ein Gegensatz zu an­deren Geschäftsmodellen bei Ver­sicherungen mit jeweils Tausenden von Angestellten, die alle die gleichen Aufgaben haben. Dennoch arbeite man kontinuierlich an der Optimierung der Value Chain. Swiss Re investiere in neue Technologien für die Analyse sehr grosser Datenbestände und in die Digitalangebote, die man Dritten zur Verfügung stellt; diese Angebote hatten 2018 durchwegs sehr gut performt.

Beispiele für solche Initiativen sind IptiQ, ein digitales Versicherungsangebot mit einem B2B2C-Geschäftsmodell, sowie ElipsLife, eine digitale Lebensversicherung. Beide Initiativen wachsen stark; die Anzahl der beteiligten Partner steigt ebenfalls. Aber die Prämieneinnahmen bei ElipsLife liegen erst leicht über einem Prozent der Gruppen-Prämieneinnahmen. Damit ist dieses neue Geschäft alleine noch nicht in der Lage, den Preisdruck im Kerngeschäft zu kompensieren. Immerhin weist der steile Wachstumspfad darauf hin, dass das in einigen Jahren der Fall sein könnte. Und mit dem schweizerischen InsurTech-Start-up Vlot hat Swiss Re einen attraktiven lokalen Vertreter geholt, der erst richtig loslegt.

Kooperationen mit anderen Branchen

Weitere Partnerschaften in anderen Bereichen sind in Vorbereitung. Erwähnt wurde lediglich BMW, wo man gemeinsam nach Wegen sucht, die Autoelektronik auch für Versicherungszwecke nutzbar zu machen. Mit weiteren Unternehmen forscht man an Wegen, wie die Erfassung von Risiken bei den zunehmend autonomer fahrenden Vehikeln verbessert werden kann. Diese Innovationen betreffen die P&C-Rückversicherungssparte, bei der weniger strukturelle Probleme als im Grossfirmengeschäft bestehen, wo aber aufgrund der schwachen Ertragslage ebenfalls Handlungs­bedarf herrscht. Und einige dieser Gespräche und Vorhaben sind das Resultat der im vergangenen Jahr ergebnislos beendeten Gespräche mit Softbank, der japanischen Techno­logie-Investment-Firma, mit der man noch vor Jahresfrist über eine massgebliche Beteiligung gesprochen hatte.

Die Paradesparte war 2018 die Life- und Health-Rückversicherung: Hier wurde die angestrebte Rendite auf das eingesetzte Kapital mit 11 Prozent übertroffen. Grosse Trans­aktionen brachten (und bringen) ­beträchtliche Wachstumsraten; das Wachstum kommt von den aufstrebenden asiatischen Märkten. Hierfür hat Swiss Re ihre «Magnum»-Lösung entwickelt, ein Tool für Versicherungsvertreter, mit dem der Underwriting-Prozess digital gestaltet werden kann. Mehr als 60 Versicherungen aus 26 Ländern nutzen dieses Tool, über 12 Millionen Angebote wurden im vergangenen Jahr verarbeitet. Eine neue Version für den chinesischen Markt ist auf mehr als 1,3 Millionen Endgeräten installiert; diese Tablets bilden das typische Arbeitsgerät der dortigen Versicherungsvertreter. Die konkreten Prämien- bzw. Lizenz­einnahmen mit Magnum wies Swiss Re nicht aus.

Guter Start ins Jahr 2019

Eines der wichtigsten Themen im Rückversicherungsbereich betrifft das alternative Kapital. Gemäss ­Mumenthaler erfordern die Spitzen- Katastrophen auch die Kapazitäten dieser Gelder, die sich aus Insurance Linked Securites (ILS) und dem Kapital zusammensetzen, das hinter Sidecars, Quota-Share-Verträgen und besicherten Formen von Rückversicherungen steckt. «Das ILS-­Kapital ist nicht so umfangreich», ­erklärte Mumenthaler gegenüber der «Schweizer Versicherung». «Das meiste Geld kommt von Investoren, die das Kapital in andere Rückversicherungsformen einbringen, die ihrerseits kein Rating aufweisen.» Nach dem teuren Schadenjahr 2017 wurden zwar vergangenes Jahr die ­Lücken und Kapazitäten wieder ­auf­gebaut. Mumenthaler: «Aber der Risikoappetit ist etwas geschwunden.» Dennoch sei der Wettbewerb weiterhin sehr hoch.

Bei den Analysten kamen die vorgelegten Zahlen nicht sehr gut an. Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) konstatierte durchwegs: «Schlechter als erwartet» – lediglich die Life-Rückversicherungssparte sowie die Gesamt-Prämieneinnahmen lagen im Rahmen dessen, womit man gerechnet hatte. Allerdings geht an den Märkten der Blick immer nach vorne. Und da hängt im laufenden Jahr einiges davon ab, ob der Börsengang der ReAssure-Sparte erfolgreich sein wird. Immerhin hat das Jahr 2019 günstig begonnen: Die Erneuerungsrunde vom Januar brachte eine Ausweitung des Volumens um 19 Prozent und stabile Preise.