Die 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in einer Oberstufenklasse in der Stadt Zürich suchen einen Ausweg aus der Verschuldungsfalle: Es handelt sich um eine theoretische Übung mit Arbeitsblättern, die im November 2015 die Raiffeisen Schweiz unter dem Label Money-Mix lanciert hat. Das Lehrangebot für den richtigen Umgang mit Geld besteht aus sieben Modulen. «Satte 38 Prozent der Jugendlichen geben mehr Geld aus, als sie besitzen; als Bank sehen wir uns deshalb ganz besonders in der Verantwortung, so wie dies auch die Eltern und Lehrpersonen sind», begründet Raiffeisen-Sprecher Franz Würth das Engagement.

Seit die in deutscher, französischer und italienischer Sprache verfügbaren Unterlagen online sind, werden sie von den Schulen rege genutzt. Die Inhalte hat die Bank durch den Lehrmittelverlag Schatz ausarbeiten lassen. Die Finanzkompetenz, die sie vermitteln, ist ganz im Sinne der Raiffeisen. Entsprechend ist der Name «Money-Mix» auch gut sichtbar platziert.

40'000 Downloads pro Monat

Das Angebot von Raiffeisen Money-Mix ist bloss ein Beispiel von vielen. Für die Schulen kostenlose Lehrmittel, die Firmen, Verbände und Stellen der öffentlichen Verwaltung als Sponsoren finanziert haben, gibt es fast wie Sand am Meer. Allein die Internetplattform Kiknet bietet Lektionen zu über 195 Themen von 170 Sponsoren an. Geschäftsführer Meinrad Vieli registriert 30'000 bis 40'000 Downloads pro Monat.

Ein Anbieter, der sich besonders auf elektronische interaktive Lehrmittel spezialisiert hat, ist die LerNetz AG. Die Firma hat über 50 Lehrmittel-Sponsoren auf der Kundenliste, von ABB Schweiz, dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) über die Credit Suisse, Economiesuisse bis zu den SBB und der Schweizer Nationalbank (SNB). «Wir verstehen uns weniger als Produzent von gesponserten Unterrichtsmaterialien als vielmehr als Qualitätsanbieter von Lehrmitteln», erklärt Andreas Hieber, Mitglied der LerNetz-Geschäftsleitung. Es bestehe ein legitimes Anliegen, dass gewisse Themen der Wirtschaft in der Schule behandelt würden. Die Hoheit und Autonomie der Bildung werde dabei selbstverständlich respektiert.

Konkrete Botschaften umstritten

«Das Sponsoring ist nicht per se gut oder schlecht», sagt Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Unter Umständen stimmten die Absichten des Sponsors mit den Bildungsinteressen der Öffentlichkeit überein. Problematisch werde es, wenn die Beeinflussung der Schülerinnen und Schüler in Widerspruch gerate zu den Interessen von Bildung und Gesellschaft. Indem zum Beispiel nur die Vorteile einer bestimmten Technik dargelegt und die Nachteile ausgeblendet würden.

Umstritten sind die konkreten Botschaften, welche die Firmen mit den Lehrmitteln in die Schulen transportieren. Wenn Lobbyorganisationen wie Interpharma oder die Nagra und Konzerne wie Bayer, Nestlé und Fielmann die Schüler mit Informationsmaterial berieseln, stellt sich die Frage, wie das zum eigentlichen Bildungsauftrag und zur von Bildungspolitikern geforderten neutralen Schule passt. Einzelne Kantone wie Zürich, Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Solothurn haben Regelungen für das Sponsoring erlassen. Diese legen allerdings lediglich den Rahmen fest, innerhalb dessen die Schulen für bestimmte Anschaffungen und Dienstleistungen zusätzliche Mittel via Sponsoring beschaffen dürfen.

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