Die von Skandalen geplagte Credit Suisse will bis zum Ende des Jahres über ihre neue Strategie entscheiden. Das kündigte der neue Verwaltungsratspräsident António Horta-Osório in der «Neuen Zürcher Zeitung» (Donnerstagausgabe) an - in seinem ersten Interview in dieser Funktion.

Horta-Osório sieht die Grossbank vor einem grundlegenden Wandel auf allen Ebenen. «Wir befinden uns in der Anfangsphase einer strategischen Neupositionierung der Bank», sagte Horta-Osório laut Vorabbericht. Zum einen müsse langfristig die Richtung bestimmt werden, zum anderen müssten parallel in kürzerer Frist die Probleme der Bank gelöst werden. Die aktuelle Phase der Meinungsbildung werde in einigen Monaten abgeschlossen sein. «Und wir können mit Entscheidungen gegen Ende des Jahres rechnen.»

Laut Insidern erwägt die Grossbank, das Kerngeschäft mit reichen Privatkunden neu aufzustellen. So könnte sie die bisher auf drei Divisionen verteilte Vermögensverwaltung in einer Sparte zusammenfassen, wie drei mit der Situation vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters sagten.

«Warum geht es mit der Bank nicht vorwärts?»

Damit könnten Synergien gehoben und die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmensbereichen erleichtert werden. Vollzieht die Bank den Umbau, würden grosse Teile der 2015 vom damaligen Konzernchef Tidjane Thiam eingeführten regionalen Organisation wieder rückgängig gemacht.

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«Ich hatte eine ziemlich gute Vorstellung von der Bank», sagte Horta-Osório. Viele Treffen mit Mitarbeitern hätten ihm gezeigt, wie stark die Kundenbeziehungen seien - das gelte für Privat- und Firmenkunden sowie institutionelle Kunden.

Auf die Frage, woher er die Zuversicht nehme, dass es diesmal klappen werde, die Bank auf Kurs zu bringen, antwortete Horta-Osório: «Für mich lautet die Frage nicht: Was müssen wir tun, dass es diesmal klappt? Vielmehr lautet sie: Warum geht es mit der Bank nicht vorwärts, obwohl sie auf einen phantastischen Stamm von Wealth-Management-Kunden in der Schweiz, in Europa und in der Wachstumsregion Asien zurückgreifen kann?»

Lehren aus Archegos und Greensill

Eine grosse Stärke der Credit Suisse sei es, dass sie auf die Bedürfnisse von Unternehmern und Familien ausgerichtet sei, diese als Kunden ins Zentrum ihres Wirkens rücke und ihnen eine breite Palette von Produkten und Dienstleistungen zur Verfügung stelle.

Das Management der Bank steht unter Druck, einen Plan zu liefern, um den mehr als 5 Milliarden Franken teuren Kollaps des US-Hedgefonds Archegos zu bewältigen. Hinzu kommt die laufende Liquidation von zusammen mit Greensill betriebenen Lieferkettenfinanzierungsfonds, die zu teuren Rechtsfällen führen könnte.

Kunden, Aktionäre und die Schweizer Regulatoren sind verärgert über die mangelnde Risiko-Kontrolle bei dem Institut. Der frühere Lloyds-Chef Horta-Osório hat den Spitzenjob bei der Credit Suisse mitten in dieser schwierigen Gemengelage im April übernommen.

«Die zwei aktuellen grossen Fälle haben allen in der Bank klargemacht, dass sich etwas verändern muss», sagte er der Zeitung. «Ich muss den Wandel also niemandem aufzwingen.» Er habe das Vertrauen des Verwaltungsrates, der Regulatoren und Aktionäre der Bank. «Alle Stakeholder wollen eine sichere, gut geführte Bank, die zum Wohlergehen der Schweiz beiträgt und auf lange Frist Werte schafft. Ich werde mich konsequent für diesen Wandel einsetzen.»

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(sda/gku)