Agora, Ginger, Iroko, Scarab. Nie gehört? Dann sind Ihnen vielleicht Almaro, Fairlands oder Grapal ein Begriff? Nein? Mit derartigen Fantasienamen pflegen die Aktionäre der Bellevue-Gruppe ihre privaten Scherflein zu etikettieren. Was Assoziationen an exotische Drinks oder fremde Kulturen erlaubt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als biedere Steuersparkonstruktion. So bezeichnet etwa Grapal keinen Schnaps, sondern eine private Holdinggesellschaft, in der Bellevue-Kadermann Hans Jörg Graf seine Aktienbeteiligung an der Finanzgruppe in Absprache mit den eidgenössischen Steuerbehörden parkiert hat. Nach dem Motto «Jeder für sich und doch parallel» haben es ihm zwei Dutzend weitere Bellevue-Grossaktionäre gleichgetan. Domiziliert sind die Privatholdings der Bellevue-Teilhaber mit wenigen Ausnahmen an der Gotthardstrasse 20 in Zug, in Gestalt von zwei Dutzend entsprechend beschrifteten Bundesordnern im Treuhandbüro des langjährigen SVP-Kantonalpolitikers Hans Durrer – ein versierter Steuerfachmann und Mandatesammler, der auf Grund seiner einflussreichen Stellung im politisch-wirtschaftlichen Komplex auch schon als «Blocher von Zug» tituliert worden ist. Zur Klientel von Durrers Kanzlei im Innerschweizer Finanzeldorado zählt auch Swissfirst-Chef Thomas Matter, seit er sich Mitte der neunziger Jahre mit der Derivate-Boutique ZFP Zürich Financial Products selbstständig gemacht hat. Mit dieser zufälligen, wenngleich aufschlussreichen Überschneidung fangen die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Fusionspartnern Bellevue und Swissfirst jedoch erst an.

Das gemeinsame Pressecommuniqué, welches am Morgen des 12. September an die Redaktionen versandt wurde, bestach zwar auf den ersten Blick durch eine schon beinahe selbsterklärende Einfachheit: Vergleichbare Grössenordnung bei den verwalteten Kundengeldern und beim Bruttogewinn, identischer Goodwill, identische Bewertung. Klarer Fall: ein so genannter «merger among equals». Bei eingehender Betrachtung blieb dann allerdings doch die eine oder andere Frage im Raum: Warum wurde eine technisch derart komplizierte Form gewählt, bei der die Bellevue-Gruppe ihr operatives Geschäft formell der Swissfirst abtritt, um sich nach Vollzug der zweistufigen Transaktion als bestimmende Aktionärin des fusionierten Gebildes zu präsentieren? Waren sämtliche Teilhaber der beiden Finanzgruppen mit dem Zusammenschluss einverstanden? Wer wusste seit wann von der bevorstehenden Transaktion? Und: Aus welchen Quellen stammen die Millionen von Swissfirst-Titeln, die kurz vor der öffentlichen Bekanntgabe des Deals den Bellevue-Aktionären angedient worden sind? Auf eine Pressekonferenz, an der solche und ähnliche Fragen hätten erörtert werden können, wurde aus Rücksicht auf das Diskretionsbedürfnis des Bellevue-Lagers verzichtet. Martin Bisang, designierter VR-Präsident der erweiterten Finanzboutique, weilte nach Publikwerden der Fusion im Ausland und war für die Medien nicht zu sprechen.

Diskretion geht für den Harvard-Absolventen und früheren Mitstreiter von Martin Ebner über alles. Als Gründungsmitglied der Bellevue-Gruppe avanciert Bisang mit einer rechnerischen Beteiligungsquote von 9 Prozent zum zweitgrössten Teilhaber der New Swiss First – hinter dem designierten CEO Thomas Matter, der nach Abschluss der komplexen Transaktion rund doppelt so viele Aktien wie Bisang halten dürfte. Mit einer Beteiligung von 8,5 Prozent an der neuen Bank heisst deren drittgrössster Teilhaber Hans Jörg Graf. Während die Mehrzahl der Bellevue-Aktionäre ihre im Treuhandbüro Durrer deponierten Privatholdings namentlich präsidieren und damit als wirtschaftlich Berechtigte identifizierbar sind, hat der designierte VR-Präsident der New Swiss First um seine privaten Besitztümer vorsorglich einen zweiten Ring gezogen. Zwar trägt auch Bisangs private Beteiligungsholding einen sinnreich verspielten Namen: Whale (zu Deutsch: Walfisch). Allein im VR figuriert nicht der Besitzer, sondern Dietrich Joos, der in Sissach, Kanton Baselland, zusammen mit dem Juristen Johannes Schwab eine DJS Consulting betreibt.

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Dietrich, genannt «Didi» Joos und der diskrete Bellevue-Stratege kennen sich seit ihrer gemeinsamen Studienzeit an der Universität Basel. Ökonom Bisang betreute den um ein paar Jahre jüngeren Kommilitonen im Studienfach Marketing als so genannter Tutor. Von 1988 bis 1998 war Joos bei Hoffmann-La Roche in Basel als Portfoliomanager tätig. In dieser Funktion war er direkt dem seinerzeitigen Cheftreasurer Peter Matter unterstellt, dem Vater von Swissfirst-Betreiber Thomas Matter. Wie eng Geschäftliches und Privates auf dem hiesigen Finanzplatz mitunter doch ineinander greifen: Martin Bisang ist der Götti eines Sohnes von Studienfreund Didi Joos. Joos wiederum hat dieselbe Rolle bei einer Tochter von Thomas Matter übernommen, womit sich der Kreis auch hier wieder schliesst. Mit anderen Worten: VR-Präsident und CEO der neuen Finanzboutique sind alte, sehr gute Bekannte.

Von seinem Beratungsbüro in Sissach aus koordiniert und verwaltet Dietrich Joos heute einen Teil der umfangreichen Vermögenswerte ehemaliger Roche-Topmanager wie Fritz Gerber, Henri B. Meier und Andres Leuenberger (vgl. BILANZ 2/2005: «Gold-Boys-Network»). Auch seitens von Thomas Matter und seiner Swissfirst-Gruppe scheint der Kontakt zum früheren Arbeitsumfeld des Vaters nicht abgerissen zu sein. So ist mit Daniel Biedermann erst vor wenigen Wochen ein weiterer Portfoliomanager aus dem Finanzressort des Basler Pharmakonzerns in die Swissfirst-Gruppe eingetreten. Genau wie Joos hatte auch Biedermann in den neunziger Jahren direkt an den Cheftreasurer Peter Matter rapportiert.

Dass der in Basel aufgewachsene Bisang seit Jahren mit der Familie Matter liiert ist, belegt auch sein Einsatz für die Stiftung El Refugio. Von der Mutter des Swissfirst-Bankers, Regula Matter, 1993 ins Leben gerufen, unterhält El Refugio im zentralamerikanischen Honduras ein Kinderheim, in dem verwahrlosten Strassenkindern Unterkunft, Betreuung und Ausbildung geboten werden. Im Stiftungsrat dieses privaten Hilfswerks, das über ein Jahresbudget von 200 000 Franken verfügt, wirkt neben Regula Matter und Martin Bisang auch der langjährige Roche-Finanzchef Henri B. Meier.

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Nicht nur auf der Beziehungsebene scheinen sich Bellevue-Gruppe und Swissfirst gleichsam organisch zu ergänzen. Auch hinsichtlich Marktpositionierung und Unternehmenskultur bestehen tief greifende Parallelen. Beide Finanzhäuser sind im Aktienhandel für institutionelle Grosskunden verwurzelt. Beide sind typische Nischenplayer, verfügen über flexible Strukturen, ein hohes finanztechnisches Know-how und verfolgen, was Transparenz und Offenlegung betrifft, eine konservative Linie.

Diese Deckungsgleichheit kommt nicht von ungefähr, geht das Geschäftsmodell der Fusionspartner doch in beiden Fällen auf die BZ Gruppe Martin Ebners zurück. Handelte es sich beim Nukleus der Bellevue-Gruppe um eine Management-Abnabelung von der BZ, so machte Thomas Matter aus seiner Hochachtung für den Aktienhändler aus Freienbach nie ein Hehl. Wie es Ebner mit seiner BZ Bank ab Mitte der achtziger Jahre vorexerziert hatte,
richtete auch der Swissfirst-Gründer seine Finanzboutique anfänglich auf eine überschaubare Zahl von möglichst kapitalkräftigen Grosskunden aus – Verwalter institutioneller Vermögen, Pensionskassenmanager und schwerreiche Privatiers. Diesen rollte Matter erfolgreich den roten Teppich aus, umgarnte sie mit massgeschneiderten Dienstleistungen und bot ihnen einen diskreten Marktplatz für den ausserbörslichen Handel mit Schweizer Aktien.

Bei aller Ähnlichkeit mit dem Geschäftsmodell der Bellevue-Gruppe existieren zwischen dieser und der Swissfirst erhebliche Komplementaritäten. Im Unterschied zur Matter-Bank, deren Klientel sich bis dato schwergewichtig aus dem Inland rekrutiert, ist es der Bellevue-Crew in den Jahren seit der Abspaltung von der BZ gelungen, ihre Kundenbasis massgeblich zu verbreitern und zu internationalisieren. Nicht zuletzt dieses grenzüberschreitende Beziehungsnetz, welches in die Ehe eingebracht wird, macht die Bellevue zu einer attraktiven Braut. Vorausgesetzt, die Eidgenössische Bankenkommission segnet den Zusammenschluss ab, avanciert die New Swiss First im Brokerage für institutionelle Kunden hierzulande zu einer der ersten Adressen.

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Mit vereintem Know-how und gepoolter Kundendatei, so lässt sich spekulieren, könnte das Brokerhaus in eine Position hineinwachsen vergleichbar mit der, wie sie die BZ Gruppe auf dem Schweizer Finanzplatz einmal innehatte. Nur in Sachen Transparenz sollten sich die Bellevue-Teilhaber in ihrer neuen Rolle als Grossaktionäre einer Publikumsgesellschaft von Beginn weg positiv von ihrem umstrittenen Vorbild abheben.