Die Schweizer Uhrenindustrie ist in einer tiefen Krise. Von Januar bis und mit August schrumpfte der Wert der Uhren­exporte um mehr als 30 Prozent, wie die jüngsten Statistiken zeigen. Doch die Krise bezieht sich nur auf den Absatz neuer ­Uhren. Der Handel mit Secondhand-­Uhren jedenfalls kennt keine Krise – im Gegenteil.

Abgesehen von einer leichten Delle im Frühling, als die Konsumenten fast überall auf der Welt während zwei, drei Wochen in einer pandemischen Schockstarre waren und sich mehr Sorgen um die Versorgung mit Toilettenpapier als um eine gebrauchte Rolex machten, brummt das Occasionsgeschäft.

«Natürliche Entwicklung»

Und zwar bei den grossen Online-­Playern wie Chrono24, Ebay, Watchbox oder der Richemont-Tochter Watchfinder & Co., aber auch bei klassischen Uhrenhändlern wie Bucherer. Nun wird der Markt, dessen jährliches Umsatzvolumen auf über 30 Milliarden Franken geschätzt wird und damit deutlich grösser ist als das Geschäft mit neuen Uhren, noch ein bisschen umkämpfter.

Der börsenkotierte britische Uhrenhändler Watches of Switzerland, der wichtigste Konkurrent des Luzerner Familienunternehmens Bucherer in Europa und in den USA, kauft die amerikanische ­Online-Plattform Analog/Shift, einen vergleichsweise kleinen, aber feinen Secondhand-Spezialisten.

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Zu den finanziellen Details der Transaktion haben die Beteiligten Stillschweigen vereinbart. Bislang hat Analog/Shift für die Läden von Watches of Switzerland in den USA eine Auswahl von Vintage-Uhren ausgesucht und in den Shops selbst verkauft. «Unsere ­Beziehung hat also eine sehr natürliche Entwicklung genommen», sagt Brian ­Duffy, Chef von Watches of Switzerland. «Wir sind bereit für aussergewöhnliches Wachstum.»

Der Anfang einer Konsum-Reise

Tatsächlich spielt sich dieses je länger, je mehr im Occasionsbereich ab. Bei ­Tourneau, der US-Ladenkette, welche zu Bucherer gehört, ist der Verkauf von ­Secondhand-Uhren der zweitwichtigste Umsatztreiber – gleich hinter dem Handel mit neuen Rolex-Uhren, aber vor allen ­anderen Marken.

Auch Bucherer baut das Geschäft mit «Pre-loved»-Uhren ständig aus. Erst vor wenigen Tagen haben die Luzerner neben der Boutique in München ihren ersten ­reinen Secondhand-Laden eröffnet – an allerbester Lage. Davon profitiert auch das Geschäft mit neuen Uhren: Denn Occasionen ziehen neue Kunden an. Ben Clymer vom Uhrenportal Hodinkee und selbst Occasionshändler, sagt es so: «Gebrauchte Uhren sind oft die allererste Station auf der uhrmacherischen Reise eines Menschen, selten aber die letzte.»

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