New York, Avenue of the Americas: Unmittelbar neben dem Bryant Park in Midtown Manhattan buhlt der Uhrenhändler Tourneau um Kunden. Er führt alles, was in der Branche Rang und Namen hat: Rolex, Omega, Patek Philippe, Cartier, Breguet, TAG Heuer. Eine Besonderheit von Tourneau: Der Laden verkauft nicht nur neue Uhren, sondern auch Occasionen. Zertifizierte Occasionen.

Tourneau ist Bucherer. Der wichtigste Uhrenhändler der Welt mit Sitz in Luzern hat die renommierte amerikanische Kette Anfang 2018 gekauft – den grössten Retailer für Luxusuhren und den wichtigsten Occasionshändler in den USA.

Der Sprung der Luzerner über den grossen Teich strahlt ein Jahr nach der Übernahme in die Schweiz und nach Europa zurück. Wie Recherchen zeigen, steht Bucherer kurz vor dem europaweiten Einstieg ins Secondhand-Business. «Es ist richtig. Bucherer steigt auch in Europa in das Geschäft mit Certified-pre-owned-Uhren ein», bestätigt Jörg Baumann, Marketing- und Kommunikationschef von Buche­rer.

Mehr will er allerdings nicht ver­raten: «Es ist noch zu früh, um in die ­Details zu gehen.» Zu hören ist, dass der Startschuss in Europa noch diesen Frühsommer erfolgen soll.

CPO als heisses Uhren-Thema

«Certified pre-owned» oder kurz CPO ist in der Uhrenindustrie seit gut zwei Jahren ein ganz heisses Thema. Erstens, weil der Markt mindestens so gross ist wie jener für neue Uhren, wenn nicht grösser. Zweitens, weil der Markt rasant schnell wächst. Drittens, weil Uhrenliebhaber zum Teil Unsummen für gesuchte Modelle auf den Tisch legen. Und viertens, weil Händler und Hersteller nach Wegen suchen, um den unkontrollierten Graumarkt trockenzulegen.

Dass mit Bucherer der weltweit wichtigste Uhrenhändler und gleichzeitig der weltweit grösste Rolex-Händler in grossem Stil auf das CPO-Business setzt, kommt einer Zeitenwende gleich. Der Schritt verleiht dem Secondhand-Markt auf einen Schlag eine bislang nie dagewesene Seriosität, schliesslich steht der Name Bu­che­rer seit über 130 Jahren für eine enge Partnerschaft mit der Industrie.

Das Renommee des Händlers führt den Occasionsmarkt endgültig aus der vermeintlichen Schmuddelecke. Bucherer ist nicht der erste Akteur auf dem CPO-Markt. Aber derjenige, der ihn aufgrund seiner Grösse und dank seinen langjährigen Beziehungen zu den Marken prägen kann.

Zuständig für den CPO-Rollout bei Bucherer ist mit Odilo Lamprecht ein erfahrener E-Commerce-Profi aus der Schweiz. Lamprecht wechselte vor anderthalb Jahren von der Migros zu Bucherer und arbeitet seit vergangenem September am Projekt. Ebenfalls direkt involviert ist mit Heinz Krienbühl ein weiterer E-Commerce-Spe­zialist in Diensten von Bucherer. Sicher aber ist: Die Luzerner werden ihr Secondhand-Angebot nicht nur online anbieten, sondern nach dem Vorbild Tourneau auch in ihren 34 Boutiquen in ganz Europa.

Partnerschaft mit Chronext? 

Möglicherweise arbeitet Bucherer für die Lancierung des CPO-Geschäfts mit einem im Markt bereits etablierten Startup zusammen: Chronext mit Sitz in Zug und operativer Zentrale im deutschen Köln (siehe Box). Zu hören ist jedenfalls, dass sich Vertreter der beiden Unternehmen in jüngster Zeit sowohl in Luzern als auch in Köln getroffen haben. Weder Bucherer noch Chronext wollen sich dazu äussern. Einige Marktbeobachter sprechen gar davon, dass die Firmen nicht nur eine lose Partnerschaft anstreben, sondern dass Bucherer bei Chronext einsteigen könnte.
 

Alternative zu Chrono24, Watchfinder, Stockx & Co.

Bislang wurde der Online-Verkauf von Secondhand-Luxusuhren von Plattformen wie Chrono24, Chronext, Watchfinder, Watchbox, Stockx oder Truefacet beherrscht (siehe Box). In der Uhrenbranche wird vielen von diesen Plattformen allerdings bis heute der Stempel des Graumarktes aufgedrückt. Will heissen: Der Verkauf von Originaluhren zu Schleuderpreisen über nicht konzessionierte Händler oder von Privaten an Private.

Doch spätestens seit Audemars-Piguet-Chef François-Henry Bennahmias CPO vor rund einem Jahr als das «nächste grosse Ding» bezeichnet hat, inte­ressieren sich Hersteller und Händler für das Thema. Denn das Wort von Bennahmias hat in der Branche Gewicht. AP führt derzeit CPO-Tests in Boutiquen in der Schweiz und den USA durch, Oris tut selbiges in Zürich und Basel. Der französische Luxusgüterkonzern LVMH, zu dem Uhrenmarken wie TAG Heuer, Hublot oder Zenith gehören, verkündete im Frühling 2018 Pläne, bald eine entsprechende Plattform für «die eine oder andere Marke» aufbauen zu wollen. Auch Breitling-Chef Georges Kern äusserte sich grundsätzlich positiv über ein zukünftiges CPO-Geschäft, hat allerdings noch keine konkreten Projekte lanciert. 

Im Sommer machte dann der Genfer Luxusgüterkonzern Richemont, zu dem Marken wie IWC, Jaeger-LeCoultre und Cartier zählen, richtig ernst: In einem kleinen, aber relevanten Deal kauften die Genfer die britische Uhrenplattform Watchfinder. Sie verfügt über eine eigene, 200 Mitarbeiter starke Uhrenwerkstatt, in der Uhrmacher gebrauchte Uhren prüfen und zertifizieren.

Bucherer ist der Turbolader

Uhrenexperte Oliver Müller von Luxeconsult sagt: «Die Marken realisieren langsam, dass da ein gewaltiger Markt existiert, dessen Volumen die Umsätze im Primärmarkt abhängt.»Wie gross der Sekundärmarkt von Luxusuhren genau ist, ist nicht zuverlässig zu beziffern. Schätzungen von Kepler Cheuvreux und Bain zufolge beläuft sich der weltweite Gebrauchtmarkt auf 15 bis 20 Milliarden Franken – bei einem Primärmarkt von 40 bis 50 Milliarden Franken.

Schätzungen deuten jedoch auf ein weitaus höheres Volumen des Secondhand-Marktes. Zahlen im dreistelligen Milliardenbereich machen hier die Runde. Experte Müller ist überzeugt: «Der Sekundärmarkt im Uhrengeschäft ist ein Vielfaches vom Primärmarkt.» Gemäss einer Studie von Vontobel-Analyst René Weber wies der CPO-Markt in den letzten Jahren Wachstumsraten von stets über 30 Prozent aus. Vor allem online verspreche das CPO-Geschäft mit Luxusuhren ein enormes Wachstumspotenzial – und nehme gerade erst Fahrt auf. Der Einstieg von Buche­rer ist dafür der Turbolader.

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Die fünf wichtigsten Seconhand-Player

Chrono24

Mit rund 400 000 Uhrenmodellen und einem Transaktionsvolumen von über 1 Milliarde Euro ist Chrono24 die grösste Uhrenplattform weltweit. Bereits seit 2003 aktiv.

Chronext

Auf der Plattform finden sich 26 000 Uhren von 170 Marken. 2018 erwirtschaftete Chronext einen Umsatz von 65 Millionen Franken. Man findet auch neue Uhren auf Chronext.

Watchfinder

Der führende Gebrauchthändler in Grossbritannien machte 2017 einen Umsatz von 155 Millionen Franken, 60 Prozent davon online. Gehört zum Genfer Konzern Richemont.

Watchbox

Einer der führenden Online--Anbieter in den USA. Expandiert nach Europa und ist auch in der Schweiz physisch präsent. 2017 lag der Umsatz bei knapp 150 Millionen Dollar.

Stockx

Das Startup verkaufte ursprünglich nur gefragte Sneaker und Streetwear, setzt aber verstärkt auf Luxusuhren und edle Handtaschen. Die Produkte werden versteigert.