Der Angriff auf Nestlé kommt vom anderen Ende des Lac Léman. Von Genf aus will die europäische Händlerallianz Agecore den in Vevey VD beheimateten Weltkonzern in die Knie zwingen. Ziel: tiefere Lieferpreise.

An vorderster Front beteiligt sich der Detailhändler Coop, der sich Ende 2015 mit der deutschen Edeka, der französischen Intermarché, der italienischen Conad, der spanischen Eroski und der belgischen Colruyt zusammenschloss.

Vergangene Woche hat die «Handelszeitung» enthüllt, dass Coop für 150 Nestlé-Produkte einen Bestellstop verfügt hat. Jetzt werden in den Filialen schweizweit die Schokoladekugeln Cailler Perle, Nescafé Azera und Pizzas von Buitoni La Fina zu 50 Prozent verramscht. Und wer im Online-Shop Coop@home mindestens zwei Sechserpack Vittel bestellt, bekommt auch das Mineralwasser zum halben Preis.

Coop will Nestlé schwächen

Der Ausverkauf soll Nestlé schwächen: «Dank der Aktion sind die Regale schneller leer. Dies stärkt unsere Verhandlungsposition gegenüber Nestlé», sagt Coop-Sprecherin Andrea Bergmann. Welche Bedingungen sich der Konzern aushandeln will, verschweigt Coop – aus «strategischen Gründen».

So viel ist aber klar: Coop führt den Kampf gegen Nestlé vor allem für das eigene Portemonnaie. Der Konzern fühlt sich gegenüber dem Ausland und anderen Abnehmern benachteiligt. Statt sich als Vorkämpfer für billigere Preise aufzuspielen, gibt sich der Detailhandels-Riese überraschend defensiv: «Ob und inwieweit wir die betroffenen Nestlé-Produkte zu einem tieferen Preis anbieten können, steht noch nicht fest», sagt Bergmann. «Wir setzen uns für bessere Lieferkonditionen ein und haben dies nirgends aktiv kommuniziert.» Auch als Coop-Chef Joos Sutter vor einer Woche die Jahreszahlen präsentierte, erwähnte er den Bestellstopp mit keinem Wort.

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Was jedoch bedeutet Coops Vorpreschen für die anderen Detailhändler? Die Rolle als Wegbereiter für billige Konsumentenpreise verkörpert denn auch eher die Erzrivalin Migros. Laut ­eigenen Angaben hat der orange Riese seit 2010 Preissenkungen in der Höhe von 1,5 Milliarden Franken vorgenommen. «Sämtliche Vorteile, die wir im Einkauf erzielen, geben wir in Form von tieferen Preisen an unsere Kunden weiter», sagt Migros-Sprecher Luzi Weber. Ein Bestellstopp für Nestlé-Produkte komme derzeit nicht infrage.

Schweizer Detailhandel schaut zu

Auch für Denner, der seit je auf Tiefpreise und einen hohen Anteil an ­Markenartikeln setzt, ist eine solche Massnahme keine Option. «Mit Nestlé pflegen wir einen partnerschaftlichen Austausch und setzen stets alles daran, für unsere Kunden das beste Preis-Leistungs-Verhältnis herauszuholen, sagt Sprecher Thomas Kaderli. Offenbar ist der Discounter derzeit mit seinen Konditionen zufrieden. Ähnlich klingt es bei Aldi, Lidl und Volg. Anderseits können kleinere Detailhändler weniger auf alternative Eigenmarken ausweichen, wie das Coop derzeit tut.

Dass sich die Schweizer Detailhändler zurückhalten, während Coop seine Muskeln spielen lässt, ist aber primär der Schlagkraft ihrer internationalen Einkaufskooperation geschuldet. Für Heike Halsinger, Detailhandels-Analystin der Credit Suisse, ist eine Auslistung mit derart vielen Produkten ein neues Phänomen: «Bisher waren die Detailhändler nicht gross genug, um Weltkonzernen wie Nestlé eine entsprechende Verhandlungsmacht entgegenzusetzen. Da sie sich nun zusammengeschlossen haben, sind sie viel stärker.» Gewännen sie, lohne es sich, weil selbst kleine Verbesserungen der Marge viel ausmache.

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Die sechs Agecore-Partner kommen laut «Lebensmittelzeitung» auf einen Umsatz von umgerechnet 160 Milliarden Franken. Vereint spielen sie umsatzmässig locker in der Liga des Nestlé-Konzerns, der 2017 knapp 90 Milliarden Franken umsetzte. Allein mit dem deutschen Supermarkt-Marktführer Edeka erzielt Nestlé immerhin 10 Prozent des Europa-Umsatzes.

Neben Coop und Edeka boykottieren auch Intermarché und Conad einen Teil des Nestlé-Sortiments. Dennoch bleibt der Waadtländer Nahrungsmittelmulti, der den Konflikt nicht kommentieren will, hart. «Nestlé wird wohlnicht so schnell nachgeben», sagt Halsinger. Sonst könne es sein, dass die Einkaufsorganisation weitere Preissenkungen auf mehr Produkte verlange. Auch andere Kooperationen könnten  dann bei Nestlé anklopfen.

Entscheidend ist, wer im Kampf den längeren Atem hat: die Händler, die ihren Kunden beliebte Marken nicht mehr anbieten können. Oder der Hersteller, der auf die Läden angewiesen ist.

Streit zwischen Händler und Hersteller

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2006 Schoggi-Streit: Auslöser für den Streit zwischen Denner und Cailler war der Starachitekt Jean Nouvel. Er entwarf eine neue Verpackung, dank der Nestlé den Abgabepreis für seine Schokolade erhöhte. Denner warf darauf Cailler aus dem Sortiment. Ein Jahr später einigten sich die Parteien – Denner verkaufte die Schokolade wieder zum Ursprungspreis.

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