Strom hat derzeit keinen Wert. Eine unheilvolle Kombination hat die Marktpreise auf ein lange nicht mehr gesehenes Niveau gedrückt: Der Nachfrageeinbruch wegen des Lockdowns traf auf ein Überangebot von Solarstrom und auf volle Energiereserven allenthalben. Und so wurde der Strom am vergangenen Wochenende an der Börse zu negativen Preisen gehandelt. Wer Strom verkaufte, musste noch dafür bezahlen. Doch auch zum Wochenbeginn blieben die Preise tief: Über den Mittag kostete Schweizer Strom am Montag weniger als 1 Euro-Cent pro Kilowattstunde. Im Wochenschnitt waren es zuletzt knapp 2 Cent.

«Wer für einen Industriekunden eingekauft hat, der nun nicht produzieren kann, wirft den Strom auf den Markt», sagt Andreas Tresch, Händler bei Enerprice. Entsprechend gross sei das Angebot. Das Problem: Strom ist kaum speicherbar. Ein Ungleichgewicht schlägt direkt auf den Preis.

Spitzenstrom ist Billigstrom

Alte Regeln werden auf den Kopf gestellt: Strom am Mittag kostet fast gleich wenig wie Strom kurz nach Mitternacht. Die Preise für Spitzenstrom, das einstige Edelprodukt in Tageszeiten hoher Nachfrage, liegen nun unter jenen für Bandstrom. Normal ist es genau anders herum.

Rentabel produzieren kann zu diesen Preisen niemand. Eingespeist wird nur, was ohnehin anfällt – wie Strom aus Wind- oder Solarkraft oder aus schwer regulierbaren Fluss- und Atomkraftwerken. Um Fix- und Kapitalkosten decken zu können, wären bei den meisten Kraftwerktypen Preise über 5 Cent nötig.

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Laut Händler Tresch stehen verschiedene Faktoren hinter den extremen Preisen: Das oft stürmische und zuletzt sonnige Wetter führte zu einem Überangebot aus erneuerbaren Quellen. Wegen des milden Winters blieben die Reserven der Stauseen und der Gasversorger gut gefüllt. Der Konjunktureinbruch liess die Preise für CO₂-Zertifikate einbrechen und der Ölpreis, der einen allgemeinen Einfluss auf die Energiekosten hat, ist so tief wie noch nie. Zusammen mit dem Lockdown eine toxische Mischung.

Stromkonzerne «kurzfristig» geschützt

Das sind schlechte Nachrichten für die grossen Stromproduzenten, die – nach schwierigen Jahren – erst seit kurzem wieder Gewinne verbuchten. Entscheidend sei, wie lange die tiefen Preise anhalten, sagt Axpo-Sprecher Tobias Kistner. Und Alpiq-Sprecherin Sabine Labonte verweist auf die Preisabsicherungen. «Kurzfristig sind wir deswegen vor den sehr tiefen Strompreisen gut geschützt.»

Doch wie lange hält die Lage an? Ein grosser Teil des Stroms wird auf Termin langfristig verkauft. Diese Preise sanken weniger stark. Statt 5,5 Cent wie Ende 2019 bezahle man für eine Lieferung im Sommer 2021 immer noch 4 Cent, so Tresch. Das trage dazu bei, dass viele Händler von einer baldigen Erholung ausgingen.

Der Preissturz könnte Folgen auf die Politik haben. Vergangene Woche kündigte der Bundesrat an, bis in einem Jahr die volle Marktöffnung für alle Stromkunden in ein Gesetz zu giessen. Kleinkunden, die heute gezwungen sind, Strom bei ihrem Monopolisten zu Herstellungskosten zu kaufen, könnten sich dann auf dem Markt eindecken. Bereits lobbyieren Regionalversorger, Gemeinden und Gewerkschaften erneut gegen die Liberalisierung, die seit Jahren aufgeschoben wird.