Die Szene wirkte gespenstisch, es sah wie der Dreh eines martialischen Krimis aus. Bewaffnete Polizisten umstellten das Gebäude, kontrollierten alle Ausgänge, verwandelten den Bürokomplex am Balsberg in eine Quarantänestation. Drinnen, am alten Sitz der Swissair-Zentrale in Kloten, durchsuchten Beamte stundenlang Büros, klemmten Computer ab und beschlagnahmten Lastwagenladungen an Akten.

Der Einsatz war echt. Dieser 9.  Juni war der vorläufige Höhepunkt einer gross angelegten Strafuntersuchung der besonders verschwiegen operierenden Abteilung Strafsachen und Untersuchungen (ASU) der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV), einer kleinen, aber schlagkräftigen Fahndungstruppe des Finanzministers (siehe unter 'Weitere Artikel').

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Im Visier hatten die Ermittler den jungen Immobilienunternehmer Remo Stoffel aus dem Bündnerland, der zusammen mit zwei Partnern vor fünf Jahren die Liegenschaftenfirma Avireal aus der Swissair-Konkursmasse gekauft hatte und aus dieser nun einen Baukonzern auf dem Niveau der Basler Implenia formen will. Sie durchsuchten neben den Büros der Avireal am Balsberg Räume von Stoffel-Firmen in den Kantonen Zürich, Zug und Graubünden, darunter seine neue XO Holding in Zug und seine Wohnung in Chur.

Das umfangreiche Dossier Stoffel war am 19.  Mai Bundesrat Hans-Rudolf Merz zur Unterschrift vorgelegt worden, weil derlei Grossverfahren der ASU-Teams nur mit dem Einzelauftrag des Vorstehers des Eidgenössischen Finanzdepartements geführt werden. Der Vorwurf: «Es besteht der begründete Verdacht, dass insbesondere ab Geschäftsjahr 2003 durch das Verbuchen von geschäftsmässig nicht begründetem Aufwand, durch verdeckte Gewinnausschüttungen und durch die Begründung und Bilanzierung von Nonvaleurs fortgesetzte Hinterziehung grosser Steuerbeträge und/oder Steuerbetrug begangen sowie zu diesen Delikten Gehilfenschaft geleistet wurde.» Eine Woche nach der Auftragserteilung durch Bundesrat Merz erliess ESTV-Direktor Urs Ursprung die Durchsuchungsbefehle.

Stoffel unter Druck. Es ist nicht die einzige Strafuntersuchung gegen Stoffel. Seit mehr als zwei Jahren ermittelt auch das Untersuchungsrichteramt Chur gegen ihn wegen des Verdachts der Urkundenfälschung, des Steuerbetrugs und weiterer Vermögensdelikte. Der Churer Untersuchungsrichter Maurus Eckert bestätigt die Ermittlungen, gibt aber keine Details preis. Nur so viel: Die Verfahren laufen. Nur ein kleiner, rechtlich umstrittener Einzelfall wegen des Verdachts unwahrer Angaben gegenüber dem Handelsregisteramt wurde Anfang Juni eingestellt.

Die Bündner Ermittlungen sind unabhängig von den Berner ASU-Untersuchungen, sie haben mit den Zürcher Stoffel-Geschäften am Balsberg nichts zu tun und betreffen Immobiliengeschäfte im Bündnerland. In Liechtenstein wurden zahlreiche Rechtshilfegesuche aus Chur beantwortet.

Remo Stoffel ist erst 33 Jahre alt, seine Businesskarriere begann er 1996 aus dem Nichts. Nun drehen sich die Ermittlungen gegen ihn um zweifelhafte Geldflüsse von rund 200 Millionen Franken. Um ein Immobilienimperium, dessen Wert Experten auf eine halbe Milliarde Franken schätzen. Um ein verworrenes Geflecht von Immobilien- und Briefkastenfirmen in der Schweiz, Liechtenstein und der Karibik. Und um Geschäftspartner, die mit ihm nie wieder zu tun haben wollen.

Stoffel ist ein junger Mann, der mit den Augen einen Punkt an der Decke fixiert, eine halbe Minute nachdenkt und dann in knappen Worten eine Erklärung liefert, die jeden Vorwurf in einen Gegenschlag verwandelt. Ein Mann in zu gross geratenen Anzügen, von dem viele Ex-Partner sagen, dass sie seine Ziele nie verstanden hätten.

Was ist in diesen 15 Businessjahren geschehen? Die Stoffel-Geschichte, erzählt nach Recherchen der BILANZ, dokumentiert durch mehrere Bundesordner Geschäftsunterlagen, Bankbelege, Gerichtsakten, beginnt im Juni 1996. Da war Stoffel, in Vals GR aufgewachsen, nach einer Banklehre bei der UBS-Vorgängerin SBG in Chur ausgeschieden. Sein Lehrzeugnis bescheinigte ihm eine 5,4 als Gesamtnote. Stoffel hatte sich bei der Bank als eifriger Börsenhändler entpuppt. Seine Spezialität: Optionsgeschäfte. Für Kollegen aus seinem Heimatort, die im Investorenverein «Bienenfreunde» organisiert waren, betreute er ein Konto bei seiner Bank. Erst zwei Monate nach der Auflösung des Clubs bemerkte die SBG eine offene Forderung von 26  000 Franken gegen den Verein. «Doch die juristische Person war tot», bemerkte Stoffel dazu, «ein SBG-Fehler.» Das half nicht. Stoffel zahlte die 26  000 Franken. «Freiwillig», betonte er.

SBG lehnt ab. Im Herbst 1996 unterbreitete Stoffel der SBG seine neuen Pläne, doch die Sache mit dem Bienenfreundekonto wirkte nach. Er wollte als externer Vermögensverwalter über das Profi-System UBS Connect arbeiten. In einem Planungspapier kalkulierte er gemeinsam mit einem Partner Jahreseinnahmen von 850  000 Franken, aber er scheiterte.

Die Leute von der SBG schalteten den Rechtsdienst der Zentrale ein und teilten Stoffel schliesslich am 9.  Dezember 1996 mit, sie lehnten die Geschäftsbeziehung mit ihm ab. «Enttäuscht» klagte er in einem Brief an die SBG über die «unfaire Behandlung», verteidigte sich gegen Vorwürfe, er sei ein «Halsabschneider». Er habe Börsentransaktionen «nur auf Konten vorgenommen, wo ich ausdrücklich dafür ermächtigt war». Stoffel fühlte sich denunziert: «So wie die Situation aussieht, muss ja jeder glauben, ich sei ein Verbrecher.»

Die SBG blieb bei ihrem Entscheid, er sei «das Resultat einer doch etwas stark strapazierten Anforderung an unsere Flexibilität», schrieb ein SBG-Mann zurück. Eine Zusammenarbeit erfordere «klare Verhältnisse und transparente Strukturen», doch «die besprochene Konstruktion» entspreche «nicht ganz den effektiven Verhältnissen».

Stoffel kaufte sich nun für 2000 Franken einen Saab 9000, reiste ohne nennenswerte liquide Mittel nach Zug und studierte dort das Versicherungsgewerbe. Wenig später gründete er zusammen mit einem Kompagnon die Firma Kapital Plus in Zug, bezog sein Arbeits- und Schlafdomizil in einem Zehn-Quadratmeter-Bürozimmer mit Blick auf den Innenhof. Das Versicherungsgewerbe schien ihn nun aber nicht mehr zu interessieren, er nutzte Telefon und Fax für neue Geschäfte.

In einem Vergleichsvertrag hielt sein Partner bald betrübt fest, «dass er sich nicht in ausreichendem Masse um die Belange der Kapital Plus kümmern konnte». Stoffel musste seinen Aktienteil dem Partner als «Ausgleich für nicht eingebrachte Provisionsanteile» übertragen.

Auf zu neuen Ufern. Stoffel entdeckte rasch neue Geschäftsfelder, wie die «Bewirtschaftung von Aktienpositionen mittels Soffex-Optionen» mit der neuen Firma Oban Trading Ltd., einer Briefkastengesellschaft in Liechtenstein in seinem Besitz. Mit einem Luzerner Bauunternehmer gründete er in Zug die Winsto AG. Die Winsto kaufte ein bescheidenes Mehrfamilienhaus, das Stoffel im Stockwerkeigentum weiterverkaufte. Von einer Ballettlehrerin erwarb er ein prächtiges Chalet. Er riss die Villa ab und baute auf dem Grundstück die «Residenz im Park». Im März 1998 fertigte er Verträge für komplexe Darlehensdeals, bei denen die IAM AG in Vaduz auftaucht, auch dies nach Stoffels Angaben eine Briefkastenfirma in seinem Besitz. In einem Mandatsvertrag gab er nun ein Wohndomizil auf einer britischen Kanalinsel an: «La Connellerie, GB Sark GY9 0SF».

Für eine Bank präsentierte Stoffel nun eine vertrauliche Aufstellung über die Einkommens- und Vermögensverhältnisse. Im ersten Halbjahr 1998 sollte er demnach 770 000 Franken Honorare einnehmen. Zu seinem Vermögen zählte er eine Wohnung in Landquart, drei Wohnungen in Vals und Aktienbesitz an vier Firmen. Sein Nettovermögen gab er mit 1 125 000 Franken an.

In seiner Steuererklärung für das Jahr 1998 lieferte er abweichende Zahlen. Dort gab er bescheidene 2152 Franken Einkommen aus selbständiger Tätigkeit an. Davon brachte er Schuldzinsen in Höhe von 64 714 Franken in Abzug. Seinem erklärten Privatvermögen von 1,4 Millionen Franken standen Privatschulden von 3,1 Millionen gegenüber, das Reinvermögen ergab also ein Minus von 1,7 Millionen für den damals 21-Jährigen. Seine Steuererklärungen seien «selbstverständlich korrekt», erklärt Stoffel heute.

Wie es auch immer um seine Finanzen stand, Stoffel gab nicht auf. 1999 stieg er ins Zinsarbitragegeschäft mit Einmalpolicen ein. Der raffinierte Kniff: Die Kunden brachten in einer Lebensversicherung zehn Millionen Franken ein, wovon neun Millionen über ein zinsgünstiges Darlehen finanziert wurden. «Eine überaus attraktive Rendite», versprach Stoffel, «zwischen 10 und 12 Prozent per annum.» In den Verträgen tauchten nun neue Briefkastenfirmen auf, die Tahoe Capital Ltd. und die Whitman Capital Management Ltd. mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln, für die er zeichnete.

Bitte um pardon. In einem kurzen Zwischenspiel amtete er nebenbei als Verwaltungsrat einer Firma, die mit dem inzwischen eingebürgerten Jazzmusiker Paul Kuhn in Lenzerheide ins Musikgeschäft eintreten sollte. Als diese Firma bald aufgelöst wurde, war Stoffel bereits als Geschäftsführer einer Baugesellschaft in Chur im Einsatz. Dort gab es wieder Ärger. Er berechnete auf sein Honorar einen Mehrwertsteueranteil von 15  000 Franken, der ihm im August 2001 ausgezahlt wurde. Die Zahlung bereitete Probleme: Ein Treuhänder der Baugesellschaft erkundigte sich bei der Steuerverwaltung. Ergebnis: Stoffel war gar nicht mehrwertsteuerpflichtig. Das Protokoll der Baugesellschaft vermerkte, dass der Betrag sofort wieder auf das Baukonto zurückzuerstatten sei. Stoffel antwortete: «Bitte bezüglich diesem Missverständnis um Entschuldigung.»

Zudem erfuhren die Mitgesellschafter erst verspätet von einem Käufer, dass Stoffel für den Verkauf von Einstellplätzen bereits eine Anzahlung von 5000 Franken kassiert hatte. Stoffel wurde daher «angehalten, die Anzahlung sofort auf das Baukonto zu überweisen». Alle Rechnungen seien «sachgerecht verbucht und bezahlt», verteidigt sich Stoffel heute.

Im Juli 2001 verkrachte sich Stoffel mit einem Bündner Treuhänder, der ihm jahrelang sein Vertrauen geschenkt und zahlreiche Geschäfte mit ihm unternommen hatte. Wie viele andere Ex-Geschäftspartner will der Mann seinen Namen nicht in einer Stoffel-Story lesen. Und er will ihn auch nicht mehr in seinem Büro sehen.

Stoffel hatte nämlich eine eigene Rechnung über 1147 Franken mit einem WIR-Check des Treuhänders bezahlt. Der Check trug eine nahezu perfekte Unterschrift des Treuhänders, der nur alleine zeichnungsberechtigt war. Stoffel wurde aufgefordert, «die Angelegenheit in Ordnung» zu bringen. Plötzlich sah sich der Treuhänder strafwürdigen Vorwürfen von Stoffel ausgesetzt, er fühlte sich wie im Kinder-Rollenspiel «Verkehrte Welt» auf der Seite der Bösen platziert. Es kam zu zermürbenden Entflechtungsverhandlungen mit Stoffel, die im Oktober 2001 mit einem Vergleich endeten, mit dem auch die Checkgeschichte erledigt wurde. Verbittert schrieb der Treuhänder an zwei UBS-Direktoren: «Vor Jahren haben Sie mich vor einer Geschäftsbeziehung mit Remo Stoffel gewarnt. Mittlerweile hat sich das betrügerische Potenzial Ihres ehemaligen Lehrlings offenbart.»

Umgarnt. Da hatte Stoffel den Treuhänder längst abgeschrieben. Er hatte einen dickeren Fisch an der Angel, den Investor Hannjörg Hereth, der sich in den Winterferien in seinem Chalet in Lenzerheide aufhielt. Stoffel begeisterte den sehr wohlhabenden Mann mit einem Versicherungsgeschäft. Er beeindruckte ihn mit einleuchtenden Ideen und erwarb dessen Vertrauen mit dem kulanten Ausgleich eines Verlusts. Stoffel besuchte Hereth in Frankreich an einem Klassikkonzert, das der musikbegeisterte Mäzen dort sponserte. Er suchte ihn nach einer Operation in Deutschland im Spital auf.

Stoffel bat Hereth, mit seiner Firma Winsto in dessen Zuger Büro einziehen zu dürfen. Hereth willigte ein. Und Stoffel empfahl Hereth, zur Bank Julius Bär zu wechseln. Dort gewährte ihm Hereth eine eingeschränkte Vermögensverwaltungsvollmacht über sein Konto. Beide verabredeten Investmententscheide am Telefon, und Stoffel gab die Order den Kundenbetreuern der Bank weiter – so weit das gewöhnliche Prozedere.

Erst Jahre später, als das Vertrauensverhältnis zerstört war, entdeckte Hereth durch Nachforschen bei der Bank mehr als ein Dutzend zweifelhafte Transaktionen, die er gemäss seiner Erklärung nicht autorisiert hatte. Eine inzwischen aus Hereths Büro ausgeschiedene Assistentin, die jahrelang dessen Bankaufträge verfasste, versichert in einer schriftlichen Zeugenerklärung, diese Aufträge weder geschrieben noch der Bank übermittelt zu haben. Sie habe diese Aufträge nie gesehen. Die Zeugin hatte nach vielen Jahren den Job bei Hereth gekündigt – wegen Stoffel.

Die schriftlichen Aufträge an die Bank entsprachen nicht dem Gestaltungsbild, das die sehr ordentlich und konstant arbeitende Assistentin verwendete. Auch der Unterschriftszug von Hereth hatte nicht das Schema, das er nach langjähriger Übung in der Bankenkorrespondenz konstant pflegt. Zudem war Hereth an den Tagen vieler Transaktionen fürs Signieren gar nicht greifbar, unter anderem weil er sich auf mehrtägigen interkontinentalen Flugreisen befand oder sich – wie so oft – wegen seiner Handelsgeschäfte schwer erreichbar in Lateinamerika aufhielt.

Und auch die Vermerke der Bank waren ungewöhnlich. So erhielt die Bank Julius Bär am 22.  Dezember 2003 einen Vergütungsauftrag über drei Millionen Franken zugunsten einer gemeinsamen Firma, der Supervesta in Zug. Bei der Bank wurde der Transfer sofort ausgeführt, aber der Eingang erst am 15.  Januar 2004 notiert. Hinzu kamen mündliche Aufträge, deren Autorisierung Hereth ebenfalls verneint. So war im Bankjournal ein mündlicher Auftrag Hereths von 250  000 Franken zugunsten einer Person mit den Initialen der Hereth-Assistentin genannt, die dazu erklärte, nie eine solche Zahlung erhalten zu haben – wofür auch? Auf dem Kontoauszug war vermerkt: «Auftrag R. Stoffel». Hereth entdeckte die Zahlungen an die Supervesta erst, nachdem die Firma in das Eigentum von Stoffel übergegangen war. Gesamthaft geht es um zweifelhafte Transfers über rund neun Millionen Franken. Die Bank will sich aus Gründen des Bankgeheimnisses dazu nicht äussern, sie betont: «Allfälligen Hinweisen, die mögliche Unkorrektheiten in unserer Geschäftstätigkeit vermuten lassen, gehen wir in jedem Fall mit erster Priorität unter Einbezug aller erforderlichen internen und externen Massnahmen nach.»

Im März 2005 philosophierte Stoffel, noch keine zehn Jahre im Geschäft, in einem Interview über sich selbst: «Remo Stoffel arbeitet eigentlich ausschliesslich für Remo Stoffel. Ich betrachte die vorhandenen Betriebsmittel: Das ist ein Rohstoff, Geld. Den versuchen wir zu veredeln, und mit dem arbeiten wir so, dass wir davon leben können.»

Stoffel hatte Hereth nun dafür begeistert, das Liegenschaftenimperium der Avireal aus der Swissair-Konkursmasse zu kaufen. Das Investment leuchtete ein: Grundstücke rund um einen Grossflughafen – langfristig interessant. Aber Hereth war dies eine Nummer zu gross. Dann überzeugte ihn Stoffel, er stehe beim Sachwalter der Swissair in der engeren Wahl. Hereth willigte nun ein und steckte bald in mühsamen Kreditverhandlungen.

Voll im Risiko. Am 28.  April 2005 wurde der Kaufvertrag signiert. Am gleichen Tag verkaufte die Avireal ihre Liegenschaften an die Winsto. Gegenüber der ZKB bürgten die Aktionäre Hereth und Stoffel jeweils mit 10 Millionen. Für weitere 30 Millionen belastete Hereth seine Grundstücke. «Ich war voll im Risiko», erklärt Hereth. Stoffels Bonität hingegen war damals fragwürdig, wie sich später herausstellte: Gemäss einem Vermögensstatus betrug sein Eigenkapital Ende 2005 minus 5,87 Millionen Franken.

Bereits am Vortag des Kauftages bemühte sich Stoffel um die Avireal-Kasse. Per Fax sandte er den Managern der Genfer Avireal-Tochter einen Vergütungsauftrag für «morgen Vormittag». Sie sollten zehn Millionen Franken auf das Konto 341.249.013 bei der VP Bank in Vaduz mit dem Vermerk «Avireal Genf SA» überweisen. Stoffel erläuterte, er werde zum Verwaltungsrat mit Einzelunterschrift gewählt und handle «im Auftrag des neuen Verwaltungsrats». Tatsächlich hatte er diesen Auftrag des Verwaltungsrats nicht. Der neue VR-Präsident Hereth wusste nichts davon, es gab auch keine erkennbare Gegenleistung für die Zahlung.

Die Avireal-Manager führten den Transfer ahnungslos aus. Im Januar 2006 baten sie dann die VP Bank, ein Formular mit den finanziellen Angaben zum Konto für die Revisoren auszufüllen. Die VP Bank schickte das Formular retour – mit Unterschrift, aber ohne jegliche Antwort auf die Fragen. Für die Bücher erhielt die Avireal am 3.  Januar 2006 eine Bescheinigung vom St.  Galler Notar René Greminger, der ein Guthaben von 10 Millionen in der «Funktion als Escrow-Agent für den Cash-Pool Ihrer grupengesellschaft» (sic!) bestätigte. Was war das Konto nun: ein sogenanntes Escrow Account, also ein zweckgebundenes Sicherstellungskonto? Oder ein Cash-Pool-Konto für Tranfers zwischen Konzernfirmen?

Segen des Notars. Mit seinem Notarsiegel beurkundete Greminger jedenfalls ein Konto, für das er selbst als Treuhänder verantwortlich war – ein Verstoss gegen die Standesregeln. Zudem bestehen Zweifel an seiner Neutralität: Laut Vermögensbilanz hatte Stoffel am 31.  Dezember 2005, also drei Tage vor Erstellung der notariellen Urkunde, insgeheim eine private Darlehensschuld bei Greminger von 500  470 Franken. Von Stoffels Privatgeschäften mit dem Notar ahnte Hereth nichts. Ein Jahr später schickte Greminger die gleiche Bescheinigung – mit demselben Schreibfehler. Heute liefert Stoffel auf Anfrage der BILANZ eine neue Version: Das Geld sei auf «ein Konto der Ability AG» transferiert worden – einer Firma, für die er alleine zur Einzelzeichnung berechtigt war. Und Greminger erklärt: «Als ehrbarer Anwalt halte ich mich an die Standesregeln unseres Berufs.»

Mitte 2006 kaufte Stoffel die Aktienmehrheit des Hotels Kurhaus in Lenzerheide, Hereth finanzierte laut seiner Korrespondenz den Kauf zur Hälfte. Wie sich später herausstellte, hatte Stoffel ihn dabei über die Höhe des Kaufpreises getäuscht. Heute sagt Stoffel der BILANZ: «Hereth hatte mit diesem Projekt nie etwas zu tun.»

Ab Frühjahr 2007 erregte Stoffels Finanzgebaren zunehmend Misstrauen, es kam zum Bruch mit Hereth. Im Januar 2008 ersuchten die Avireal-Manager den Notar «dringend» um eine Bankbestätigung für das VP-Konto. Auch Hereth versuchte aufzuklären. Im April 2008 erhielt er dann eine denkwürdige Antwort der VP Bank: Sie könne «keine Auskunft erteilen», weil ihr dies wegen des Bankgeheimnisses nur «an berechtigte Personen gestattet» sei. Nun war klar: Es handelte sich nicht um ein Konto der Avireal. Aber wem gehörte es? Notar Greminger verweigerte beharrlich jede Auskunft.

Hereth erreichte zum Schutz der Avireal nur eine Kontosperre beim Landgericht in Vaduz. Diesem «Sicherungsbot» gegen Stoffel und Greminger, mit dem jede Verfügung über das Konto bis zu 10,1 Millionen Franken untersagt wird, hat das Gericht im Mai 2008 zugestimmt.

Hereth versuchte, weitere Transaktionen aufzuklären. Sie betreffen Geldflüsse von mehr als 200 Millionen Franken, deren Zweck nicht erkennbar ist. Er reichte Strafanzeige bei der Zürcher Staatsanwaltschaft ein und scheiterte damit. Er klagte gegen die Revisoren. Er gab Unsummen für Prozesse aus, um zumindest seine Rechte und die der Avireal zu sichern. Schliesslich gab er im Juni 2008 entnervt auf und willigte in einen Entflechtungsvertrag mit Stoffel ein. «Avireal gerettet, Hereth geht», titelte darauf die «SonntagsZeitung» nach einer Serie negativer Berichte über den vermeintlichen «Streithahn» Hereth, angefüttert von Stoffels PR-Manager Andreas Bantel. Letzte Woche traf Hereth den Autor der Beiträge vor dem Bezirksgericht Zürich. Der Redaktor entschuldigte sich bei Hereth für den Schaden, den er ihm zugefügt habe. Hereth nahm die Entschuldigung an.

«Ich bin ein ehrbarer Kaufmann», sagt Remo Stoffel. Er spielt wieder «Verkehrte Welt», vertauscht die Rollen wie schon im Streit mit dem Treuhänder. Auf Fragen der BILANZ liefert er eine Erklärung ab, die den Eindruck vermittelt, dass sich die ASU-Strafuntersuchung auf Hereth konzentriere, was falsch ist.