Wer Rolf Zeltner beim Einchecken am Flughafen begegnet, denkt an einen Abenteurer. Doch das lässige Outfit in Jeans und die wilden Strähnen täuschen. Der Mann ist kein Weltenbummler, sondern geschäftlich unterwegs – als Chef eines Unternehmens mit 25 Mitarbeitern in Europa und 150 in Vietnam. Regelmässig pendelt er zwischen der Schweiz und Südostasien. Sobald das Flugzeug abhebt, kann er sich entspannt zurücklehnen. Er befindet sich in seinem Element, der Luft. Seine Firma Advance stellt Gleitschirme sowie Gurtzeug und Zubehör für die Sportart her.

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Schirme für Freestyler

Die Produktion erfolgt seit vielen Jahren im eigenen Werk in Vietnam. «Nun sind wir intensiv damit beschäftigt, die Kapazitäten in Asien auszubauen», sagt Zeltner. Aus diesem Grund ist der Chef nur selten am Schweizer Hauptsitz in Thun anzutreffen. Dort befinden sich die Administration, das Marketing und der Verkauf sowie ein Serviceatelier. Hinzu kommt die Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Sie spielt bei Advance eine zentrale Rolle, das Unternehmen gilt als einer der Technologieführer in der Szene.

Ständig tüfteln Luftfahrt-Ingenieure an neuen Modellen herum. Die beinahe im Wochenrhythmus ausgestossenen Entwürfe führen zum Bau von Prototypen, die von firmeneigenen Testpiloten gründlich erprobt werden. Zusammen mit diesen Akrobaten der Lüfte versucht die Entwicklercrew, das Beste aus den «Tuchflüglern» herauszuholen. Diese sollen leistungsfähiger und leichter werden, ohne an Sicherheit einzubüssen. Erst wenn die am Bildschirm ausgeheckten Innovationen von den Testpiloten für gut befunden werden, ist die Serienproduktion ein Thema.

Mit dem Zeta lanciert die Firma einen Schirm speziell für Freestyle-Begeisterte. Es sind jene Gleitschirmflieger, die den besonderen Kick suchen, indem sie kühne Figuren, vom Misty Flip über den Horseshoe bis zum Looping, in die Luft zaubern. Neben dem Akrobatikfliegen bleiben für die meisten Piloten Thermik und Aufwinde das eigentliche Thema. Alle möchten möglichst lange oben bleiben und weite Strecken zurücklegen. Der Distanzweltrekord liegt bei über 500 Kilometern, wobei die Flugzeit mehr als 10 Stunden betragen kann.

Zeltner gründete Advance vor 25 Jahren mit seinem damaligen Kompagnon Robert Graham. Damals lösten die leichten Gleitschirme die schwer transportierbaren Deltasegler ab. Im ersten Jahr beschäftigte die Firma zwei Näherinnen, die sieben bis zehn Schirme pro Woche fertigten. Ein Jahr später waren es bereits 20 Näherinnen.

1993 gewann mit Housi Bollinger ein Pilot des eigenen Testteams den Weltmeistertitel. Im selben Jahr wurde mit Epsilon jener Gleitschirm lanciert, der zum meistverkauften Modell avancierte. Wiederholt wurde er verbessert und ist nun in der siebten Generation unterwegs. Advance produziert eine abgestufte Palette von sieben Grundmodellen. Diese decken alle Kundensegmente ab, vom Anfänger bis zum ambitionierten Freestyler oder Langstrecken-Profi. «Wichtig ist uns, dass der richtige Pilot mit dem richtigen Gerät fliegt», sagt Zeltner.

Der Paragliding-Spezialist aus dem Berner Oberland gehört in der fragmentierten Branche weltweit zu den grossen drei. Allerdings bewegt sich Advance auf einem weitgehend gesättigten Nischenmarkt, dessen Boomjahre bereits vorbei sind. Zwar gibt es noch gewisse Regionen, die Gleitschirmfliegen erst entdecken, wie etwa Südamerika, Osteuropa und manche asiatische Länder. Um das jährliche Absatzpotenzial von 25000 Gleitschirmen balgen sich weltweit rund 40 Hersteller. Advance behauptet mit einem jährlichen Ausstoss von rund 3000 Schirmen einen Marktanteil von rund 15 Prozent. Der Umsatz dürfte – das Unternehmen selbst gibt dazu keine Zahlen bekannt – im tiefen zweistelligen Millionenbereich liegen.

Richtiger Entscheid

Heutige Gleitschirme gelten zwar als ausgereifte Sportgeräte. Punkto Flugeigenschaften liegen trotzdem stets weitere Verbesserungen drin. Zeltner ist überzeugt, dass Gleitschirme noch leistungsfähiger, besser und stabiler gemacht werden können. Weiteres Entwicklungspotenzial sieht er überdies beim Gurtzeug und vor allem beim Gewicht. Der leichteste Advance-Gleitschirm wiegt mittlerweile noch knapp 2,5 Kilo.

Rückblickend ist Zeltner froh um den früh gefällten Entscheid, in Vietnam eine eigene Produktion zu eröffnen. Die Herstellung der Schirme, die aus bis zu 3000 Einzelteilen bestehen, ist äusserst arbeitsintensiv. Das Werk in Vietnam hilft nicht nur, die Lohnkosten tief zu halten. Es ermöglicht Advance die vollständige Kontrolle über den Fertigungsprozess. Ausserdem fliesst das Know-how direkt in die Entwicklung neuer Materialien, dank enger Zusammenarbeit mit den Tuch- und Leinenherstellern. Der 51-jährige Chef gehört zu jenen glücklichen Menschen, die ihre Passion zum Beruf gemacht haben. Selbstverständlich sind auch die 25 Beschäftigten am Hauptsitz mehrheitlich begeisterte Gleitschirmflieger. Die längst etablierte Firma verströmt weiterhin die Dynamik eines Jungunternehmens. Der Chef besetzt Schlüsselstellen am liebsten mit jungen Kräften. Selbst hält er sich an die Devise, dass Vielfliegen jugendlich hält. Bis er im nächsten Jahr die erweiterte Produktion in Vietnam in Betrieb nehmen kann, muss er wohl noch etliche Male ins Flugzeug steigen.