Schlachtfrei und klimafreundlich – das ist das Versprechen hinter den pflanzlichen Burgern und Würstchen, die zurzeit für Furore sorgen und Aktienkurse wie jenen von Beyond Meat hochtreiben. Schlachtfrei sind die Alternativ-Burger in der Tat. Sie nutzen pflanzliche Proteinquellen, also etwa von Soia, Weizen und Hülsenfrüchten.

Die Burger von Impossible Foods zum Beispiel brutzeln so schön in der Pfanne und schmecken fast wie richtiges Rindshack, weil sie pflanzliche Hämoglobine enthalten – sogenannte Leg-Hämoglobine. Diese werden durch genetisch veränderte Hefe hergestellt. Das Verfahren dazu stammt von Pat Brown, einem genialen Biochemiker und CEO von Impossible Foods, wohl dem schärfsten Konkurrenten von Beyond Meat.

Der vegane Burger verursacht 80 Prozent weniger Klimagase

Etwas komplizierter liegen die Dinge beim Versprechen, dass der Verzehr eines veganen Burgers besser sei fürs Klima als der einer Fleisch-Bulette. Klar ist: Der pflanzliche Burger verbraucht viel weniger Resourcen und auch bei der Klimabilanz hängen die neuen Burger von Nestlé und Co. den Rindfleischburger weit ab.

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Nestlé geht davon aus, dass der Incredible Burger 80 Prozent weniger Klimagase verursacht als ein Burger aus Rindshackfleisch. Wie nachhaltig der pflanzliche Burger genau ist, werde zurzeit genau untersucht, sagt ein Nestlé-Sprecher.

Impossible Foods kommt in einem soeben erschienen Nachhaltigkeitsbericht zum Schluss, dass der pflanzliche Burger 87 Prozent weniger Wasser und 96 Prozent weniger Land verbraucht als ein Burger aus Rindshackfleisch; der Ausstoss von Klimagase verringere sich um 89 Prozent verringern, schreibt Impossible Foods.

So liegt der Wasserverbrauch beim Impossible Burger  bei 107 Litern pro Kilo gegenüber 850 beim tierischen Burger. Er verursacht Klimagase im Umfang von – in CO2 umgerechnet – 3,5 Kilogramm gegenüber 30,6 Kilogramm.

Der Hauptgrund: Kühe, Schweine und Hühner sind desaströs ineffizient darin, Kalorien in Proteine zu verwandeln. Bei Schweinen liegt die sogannante Conversion Efficiency bei 9 Prozent. Das heisst, ein Schwein muss also neun pflanzliche Kalorien zu sich nehmen, um eine Kalorie Fleisch zu produzieren. Etwas besser im Rennen ist Geflügel mit einer Rate von 13 Prozent; am katastrophalsten ist die Bilanz bei den Rindern mit 3 Prozent.

Fleischkonsum und Klimaschutz widersprechen sich nicht per se

Was liegt deshalb näher, als möglichst schnell die ganze Fleischproduktion durch pflanzliche Proteinalternativen zu ersetzen? Doch so einfach ist die Sache nicht.

Das sagt Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL). Der Biopionier widerspricht der gängigen Meinung, wonach Fleischkonsum und Klimaschutz per se  nicht zusammengingen. Die Nutzung der 3,4 Milliarden Hektaren an Weiden und Wiesen weltweit für eine nachhaltige Vieh- und Schafhaltung, wie sie der Mensch seit Jahrtausenden mache, garantiere vielmehr eine klimafreundliche Ernährungssicherheit.

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A propos: Der Pastoralismus, wie die Landnutzung der Hirtenvölker genannt wird, ist die früheste Form von Landwirtschaft. Sie hat es dem Menschen erlaubt, auch in marginale Gegeneden vorzustossen und unter schwierigen Klimabedingungen zu leben.

 

Niggli

Urs Niggli ist ein Schweizer Agrarwissenschaftler und Vordenker des biologischen Landbaus. Seit 1990 leitet er das Forschungsinstitut für biologischen Landbau im aargauischen Frick

Quelle: ZVG

Das Ackerland würde nicht reichen

Denn das weltweite Ackerlandland werde nicht reichen, um genügend pflanzliche Proteine für bald einmal 9 bis 10 Milliarden Menschen anzubauen, sagt Urs Niggli. Das heisst, man müsste heutiges Weideland in Ackerland umwandeln, um pflanzliche Proteine herzustellen – und «das ist etwas vom Schlimmsten fürs Klima überhaupt: Es gibt kaum einen anderen Prozess, bei dem so viel CO2 freigesetzt wird, wie wenn Weide- in Ackerland umgewandelt wird».

«So paradox es klingen mag, aber wir werden – zumindest vorübergehend – nicht auf tierische Proteine verzichten können, wenn wir das Klima wirklich retten wollen».

Urs Niggli, FibL
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Was dem Klima droht, wenn eine bis anhin ungenutzte Fläche kultiviert wird, zeigt ein Beispiel aus dem Kongo-Becken. Dort entdeckten britische und kongolesische Wissenschaftler vor ein paar Jahren eines der grössten Hochmoorgebiete. Die Cuvette Centrale hat eine Fläche von 145'000 Quadratkilometern, ist also gut drei Mal so gross wie die Schweiz.

Die Forscher kamen zum Schluss, dass das Moor mehr als 30 Milliarden Tonnen Kohlestoff bindet. Würde es kultiviert, so würde diese ganze Menge an Kohlestoff freigesetzt. Dabei würde so viel CO2 ausgestossen, wie die USA in den vergangenen zwanzig Jahren in die Atmosphäre absetzten – was einer gewaltigen Klimabombe gleichkäme.

In den USA wird 40 Prozent der Agrarfläche für Futtermittel verwendet

«Es ist gut, wenn möglichst viele auf pflanzliche Proteinalternativen umsteigen und wenn das bereits erschlossene Kulturland wieder für menschliche Nahrungsmittel nutzen», sagt der Biopionier. Dass Kulturland dafür verwendet werde, um Tierfutter anzubauen, sei ökologisch verheerend. Doch die Lösung aller Probleme sei der Veganismus nicht. «So paradox es klingen mag, aber wir werden – zumindest vorübergehend – nicht auf tierische Proteine verzichten können, wenn wir das Klima wirklich retten wollen».

Die Studie zum Thema

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Zur Zeit werden weltweit 8 Prozent der Agrarfläche für den Anbau von Futtermitteln verwendet. In Deutschland liegt der Anteil bei bei 30 Prozent, in den USA bei über 40 Prozent. 68 Prozent der Agrarfläche weltweit sind Grünflächen, 24 Prozent werden werden für den Anbau von Nahrungsmitteln für den Menschen genutzt. In Deutschland liegt der Anteil der Grünfläche bei nur 28 Prozent.