«His Excellency» Dr. Jigmi Singay, Health Minister of Bhutan, war unzufrieden: Ein Grossteil der Medikamente im ungeordneten Lager der Basic Health Care Unit hatte das Verfallsdatum überschritten. Schwangerschaften wurden, wenn überhaupt, ungenügend kontrolliert, und über die Sterblichkeit von Müttern und Kindern bei der Geburt wurde keine Statistik geführt. Die meisten der 144 Häuser hatten noch offene Feuerstellen, weitgehend fehlten auch hygienisch einigermassen akzeptable Toiletten. Darum, so vermutete Jigmi, starben in der knapp 800 Menschen umfassenden Bevölkerung von Lunana noch zu viele Kinder und Mütter bei der Geburt, und deswegen sind Husten und Durchfallerkrankungen die häufigsten Diagnosen. Innert des nächsten Jahres müssten Verbesserungen nachweisbar sein, sonst habe das Konsequenzen, beschied der Minister den Verantwortlichen. Jodmangel-Kropf und Kretinismus habe man hier eliminiert, ebenso werde die Lepra und die Tuberkulose selten; noch aber bleibe vieles zu tun.

Fünf Tage lang waren wir vom Ende einer der viel versprechendsten Kandidatinnen für die «worst road of the world» durch Schlamm, Steine, dichte Wälder voller Blutegel und über 5200 Meter hohe Pässe nach Hedi, dem Hauptort von Lunana, 4200 Meter hoch, im äussersten Norden von Bhutan, gestiegen und gerutscht, auf Maultieren oder Yaks geritten, ab Mittag immer vom Regen durchnässt. Der Herr Minister wurde von zwei Polizisten mit Maschinenpistolen begleitet – dies der Etikette wegen, niemand wollte ihm ans Lebendige, auch die Bären hielten sich zurück. Allenthalben wurden wir freundlich mit Buttertee und Reis empfangen. Ich stolperte als persönlicher Gast seiner Exzellenz im Gefolge der Inspektionstour, gebeten, Vorschläge zur Hygieneverbesserung, zur Reduktion von perinataler Mortalität, zur Vorbeugung von Sturmfluten durch ausbrechende Gletscherseen und zu was auch immer zu machen.

Manchmal ging es mir durch den Kopf, dass mich noch nie ein städtischer, kantonaler oder eidgenössischer Politiker in meinem gut erreichbaren Spital visitiert hätte, um nach dem Schicksal und Wohlergehen meiner Patienten zu fragen. In Zürich beschränkt sich der Austausch mit oben auf Erörterungen von Finanziellem und Sparpaketen und auf die Diskussion der gewerkschaftlichen Sicht von Weltanschaulichem.

Abends gab es bei Kerzenlicht um den qualmenden Ofen Reis und Chili sowie schon am Morgen und Mittag dazu Buttertee. Anfangs nahm ich noch den Löffel, der für mich speziell bereitgelegt wurde, dann aber formte auch ich die Reiskugel mit der rechten Hand, wickelte Chili darum und ass. Die Hungerwachträume nach «Il Giglio», «Kronenhallen»-Schnitzel und meinem Lammbeuscherl lösten sich nach einem kräftigen Schluck heissem Aras, gebranntem Vergorenen von 20 bis 30 Prozent Alkoholgehalt.

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Am nächsten Tag offeriert mir «His Excellency» auf 5000 Metern ein Yak: «You better ride, we have twelve hours to go and the next passes are over 5400 meters!» Wir absolvierten schliesslich den Snowman Trek, der als einer der anspruchsvollsten der Welt gilt, in 12 statt in den üblicherweise vorgesehenen 28 Tagen. Tagwache ist jeweils um 4.30 Uhr, und dann folgen 10 bis 14 Stunden Marsch. Darum sitze ich dann auf dem riesigen Tier, zwei eindrucksvoll spitze Hörner direkt vor Beinen und Unterleib, das Yak ist von seiner neuen Last nicht begeistert, mein Hintern nach kurzer Zeit vom Holzsattel auch nicht. Wieder ziehen Träume von Wellnessferien im «Victoria-Jungfrau», der «Post» in Lech oder dem «Al Bustan» durch mein Gemüt; Ölmassage und Liegestuhl unter Palmen, beschlagene Weissweingläser und Riesencrevetten sind meine Fantasien. Und da könnte ich meine schlammverspritzte Überkleidung ablegen, die Schuhe, die seit einer Woche nicht mehr trocken geworden sind, einfach wegschleudern, die Blasen aufstechen und Wärme fühlen. Aber ich weiss, da wäre ich innert zwölf Stunden unzufrieden und würde mich nach den rauchigen Zelten der Yakhirten auf 5000 Metern zurücksehnen, nach ihren Geschichten von bedrohlichen Fabelwesen, ihren Gesängen und ihren Tänzen.

Und so suche ich weiterhin meine bescheidene Erleuchtung und träume von dem, was ich gerade nicht habe, denn nur das schätzen wir.

Prof. Dr. med. Oswald Oelz ist Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich und Extrembergsteiger