Es war ein Freitagnachmittag im April. Am Sitz des Industriekonzerns Sulzer hatten erste Angestellte bereits das Wochenende eingeläutet. Dann platzte die Bombe in den USA: Die US-Regierung setzte Viktor Vekselberg auf die Sanktions­liste. Der Sulzer-Grossaktionär galt wegen seiner angeblichen Nähe zur russischen Regierung plötzlich als Persona non grata in Washington.

Die Banken begannen sofort damit, die Konten von Sulzer einzufrieren. Schon am Samstag funktionierten die Firmenkreditkarten nicht mehr. Geschäfte in Dollar waren ab sofort untersagt. Sulzer drohte, in kurzer Zeit zahlungsunfähig zu werden. Eine Woche lang herrschte Ausnahmezustand. Die Aktie crashte, war nachher monatelang im Taumelmodus und schloss das Jahr schliesslich auf dem tiefsten Stand seit der ­Finanzkrise.

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Sulzer-Präsident Peter Löscher nutzte die Gelegenheit. Der ehemalige Kapitän des deutschen Milliardentankers Siemens, einst ein treuer Weggefährte von Viktor Vekselberg, kaufte zum Jahresschluss 12'000 Aktien des Schweizer Traditionshauses, wie ein Abgleich des Geschäftsberichts in Verbindung mit Informationen der Schweizer Börse SIX zeigt. Unternehmenssprecher Rainer Weihofen bestätigt die Transaktion. Peter Löscher sagt: «Ich wollte mit diesem Eigen­investment ein deutliches Zeichen setzen, denn ich war und bin von der fundamentalen Stärke von Sulzer überzeugt.»

Vorweihnachtlicher Millionendeal

Der Wert des Aktienpakets belief sich zum Zeitpunkt des Kaufes auf über 1 Million Franken. Löscher investierte, als die Aktie bei knapp über 80 Franken notierte (siehe Grafik unten). Mittlerweile liegt der Kurs um die 110 Franken. Heisst im Umkehrschluss: Der Sulzer-Präsident hat ein goldenes Händchen gehabt. Sein Investment hat einen Drittel an Wert gewonnen. Das sind über 300 000 Franken Gewinn in knapp vier Monaten – bei ­einem Jahreslohn von zuletzt 765 000 Franken.

Sulzer
Quelle: Handelszeitung

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Löscher profitiert von einem Run auf die Sulzer-Aktie. Das Papier legte in den vergangenen Wochen einen Höhenflug hin. Die Titel des Indus­triekonzerns gehören zu den besten Schweizer Investments in diesem Jahr. 

Sulzer schlägt den Markt um Längen. Der Swiss Performance Index SPI hat im gleichen Zeitraum nur 15 Prozent zugelegt. Und die Titel von Sika, Rieter und OC Oerlikon – alle gehören Sulzer-intern zur Benchmark – haben in der Spitze maximal 27 Prozent an Wert gewonnen, bleiben also klar ­hinter der Performance von Sulzer.

Das Ganze ist sehr zum Wohl­wollen von Löscher. Auffallend ist aber der Zeitpunkt des Zukaufs. Der Sulzer-Präsident tätigte den Millionendeal am 10. Dezember. Zwei Tage später verschickte das Unternehmen ein börsenrelevantes Communiqué. Inhalt: Die Geschäftsleitung wird ­verkleinert und die Pumpendivision – notabene die umsatzstärkste Abteilung des Konzerns – unter neue Führung ­gestellt.

Die beiden Ereignisse stünden aber in keinem kausalen ­Zusammenhang, betont Sulzer-Sprecher Weihofen. Der Verwaltungsrat habe die personelle Restrukturierung erst am 11. Dezember behandelt – also einen Tag nach dem millionenschweren Aktiendeal und einen Tag vor dem offiziellen Communiqué. «Peter Löscher befand sich jederzeit in Übereinstimmung mit den geltenden Gesetzen und Vorschriften», so Weihofer.

Ausverkauf vor Akquisition

Es ist nicht das erste Mal, dass ein kursrelevantes Ereignis mit einem Deal von Peter Löscher zusammenfällt. Der Industrieveteran, der Sulzer seit 2014 lenkt, trennte sich Ende ­Oktober 2017 von einem Sulzer-Ak­tienpaket im Gegenwert von knapp 4 Millionen Franken, wie Unterlagen der Schweizer Börse zeigen. Löscher machte seinerzeit alle Sulzer-Aktien zu Geld, die er frei verkaufen durfte. Er hielt nur noch jene Aktien, für die ein Handelsverbot galt. Weihofer bestätigt auch diese Transaktion.

Peter Loescher und Viktor Vekselberg

Peter Löscher (links) und Viktor Vekselberg (rechts): Löscher präsidiert Sulzer, Vekselberg dominiert mit 48,8 Prozent das Aktienkapital der Firma.

Quelle: Keystone

Wieder bewies Löscher einen ausgeprägten Riecher. Die Aktie notierte zum Zeitpunkt des Verkaufs auf einem Mehrjahreshoch. In den Wochen danach verlor sie aber massiv an Wert, unter anderem wegen der dramatischen Sanktionslage in den USA, aber auch, weil die Fabriken schlecht ausgelastet und das Verkaufsvolumen rückläufig waren. Die Ausgaben für das Fitnessprogramm «Sulzer Full ­Potential» lagen noch immer weit über den Einsparungen.

Neue Zahlen aus dem Geschäftsbericht zeigen ausserdem, dass ein vermeintlicher Hoffnungsträger ein Minus erwirtschaftete*. Anfang 2018 übernahm Sulzer das US-Unternehmen JWC Environmental. Die Winterthurer zahlten über 211 Millionen Franken für die auf die Abwasserbehandlung spezialisierte Firma aus Kalifornien. Das macht die Akquisition zum zweitteuersten Deal der letzten vier Jahre. Der Beitrag zum Gewinn der Gruppe war aber ­negativ. Unterm Strich blieb 2018 ein Nettoverlust von fast 3 Millionen Franken auf einen Umsatz von 85 Millionen Franken.

Zwischen der Ankündigung des Kaufs von JWC und dem Verkauf von Löschers Aktienpaket liegen gerade einmal 52 Tage – oder sieben Arbeitswochen. Sulzer-Sprecher Weihofen betont aber, dass Löscher zum Zeitpunkt des Verkaufs nichts vom Deal wusste. Das Dossier sei dem Verwaltungsrat Ende Oktober noch nicht vorgelegt worden. Löscher habe schlicht «die offensichtlich attraktive Bewertung der Sulzer-Aktien» genutzt, heisst es. Der Sulzer-Präsident selbst verzichtet auf einen Kommentar zum Verkauf.

Greg Poux-Guillaume, CEO Sulzer

Greg Poux-Guillaume: Aus dem Top-Management hält nur der Sulzer-CEO mehr Aktien als Peter Löscher.

Quelle: Keystone

* In einer ersten Version stand, dass der «vermeintliche Hoffnungsträger kränkelte». Sulzer wehrt sich gegen diese Wortwahl und hält fest: «Im Jahr 2018 trug die JWC-Gruppe bei einem Umsatz von CHF 85 Millionen ein betriebliches EBITA von rund CHF 17 Millionen zum Konzernergebnis von Sulzer bei. Ein Nettoverlust von CHF 3 Mio. resultierte aus Abschreibungen auf immateriellen Vermögenswerten (Patente, Kundenbeziehungen und Technologie) nach der Akquisition von JWC und damit verbundenen einmaligen Transaktionskosten.»