Vor exakt einem Jahr, da war in der Industriestadt Winterthur der Himmel die Grenze. Mit geschwellter Brust kündigte Sulzer-Chef Klaus Stahlmann ein Umsatzplus von 6 und 8 Prozent an, jährlich. Von einer Umsatz­verdoppelung bis 2017 war gar die Rede. Zweifel wischte er so vom Tisch: «Wir ­haben eine Milliarde für Zukäufe.» Die An­sage an Aktionariat und Personal: Drehzahl hochfahren.

Heute, 12 Monate später, ist die Drehzahl gedrosselt. Von Umsatzverdoppelung ist keine Rede mehr, dafür von Personalabbau und Devestitionen, Spardiktat und sinkender Rendite. Und von Verunsicherung. Intern weiss niemand, nicht einmal die Geschäftsleitung, wie die aktuelle Konzernstrategie lautet. Soeben ist ein ­Restrukturierungsprogramm angelaufen, das 300 Stellen eliminiert, 100 davon im Hauptquartier in Winterthur.

Und sonst? Über Stahlmann, vor kurzem noch Mr. Wachstum, laufen intern Wetten, wie lange er sich im Sattel halten kann. Er selber soll schon mal gewitzelt haben, erzählen Kader, er wisse ja selber nicht, ob er in einem halben Jahr noch an Bord sei.

Anleger sind irritiert

Dass Stahlmann die Schubumkehr einleitete, sorgt auch unter Aktionären für ­Irritation. Dass er ausgerechnet die Division Metco, die rentabelste der vier Divisionen, verkaufen will, leuchtet wenigen ein. Das Gute: Der Verkauf dürfte 900 Millionen Franken einbringen. Metco soll der erste Streich sein. Der zweite: Abspaltung und Verselbstständigung der Division Chem­tech, die 725 Millionen Umsatz macht – und als Spin-off an die Börse gebracht werden könnte. Dieses Planspiel hält sich hartnäckig auf den Gängen.

Sulzer-Sprecherin Verena Gölkel sagt zu einer Chemtech-Abspaltung: «Wir haben derzeit keine bestimmte Intention, das Geschäftsportfolio jenseits des be­absichtigten Verkaufs von Sulzer Metco zu verändern. Natürlich ist es normale ­Geschäftspraxis, sein Portfolio regelmässig zu überprüfen.»

Den Reim, den sich das Kader macht: Während die Stäbe und das Top-Management der beiden schwächelnden Divisionen Pumpen und Turbo Services inte­griert und im Sulzer-Hochhaus in Winterthur vereint werden, wird die zum Verkauf stehende Metco, aber auch die Division Chemtech nicht tangiert. Die auf Verfahrenstechnik spezialisierte Chemtech als Anhängsel in einem integrierten Konzern beizubehalten – Stahlmann redet gerne von «einem Unternehmen» – macht wenig Sinn. Zudem passt die Chemtech-Expertise kaum zum Öl-, Gas-, Energie- und Wassergeschäft, das Stahlmann forcieren will.

Eine Grosszerlegung steht offenbar an: Künftig soll der Industriekonzern, sagen mehrere Quellen, bloss noch aus zwei ­Divisionen bestehen, Equipment und Services. Equipment umfasst das Wasser­geschäft sowie das Neu- und Ersatzteil­geschäft der Pumpen, die neue Division Services die Reparaturarbeiten an Pumpen und Turbinen. Dazu wird eine Matrix mit drei Regionen eingeführt. Angedacht ist damit bei Sulzer der grösste Umbau seit Jahrzehnten.

Absicht ist es weiter, das margenstarke und wenig zyklische Service-Geschäft auszubauen. Spannend, ob sich die gewachsenen Kulturen der alten Divisionen Pumpen und Turbo Services vereinen lassen. Letztere ist dynamischer Anbieter von Service-Dienstleistungen ausserhalb der Sulzer-Welt, während die Pumpen-Truppe primär eigene Aggregate wartet.

Der Verkauf von Metco und ein Spinnoff von Chemtech könnten 1,5 Milliarden Franken in die Kasse spülen, Geld, das für Zukäufe und Dividendenzahlungen zur Verfügung stünde. Das würde die Ak­tionäre freuen, allen voran den russischen Investor Viktor Vekselberg, der einen Drittel am Industriekonzern hält. Bis dato kam er nicht auf seine Rechnung. Sein geschätzter Einstiegspreis je Aktie lag weit über dem heutigen Kurs von 135 Franken.

Mit dem Verkauf und der Abspaltung würde der Konzernumsatz von 4 Milliarden auf 2,6 Milliarden Franken schrumpfen. Die letztes Jahr noch angekündigte Wachstumsstrategie – bis 2017 von 4 auf 8 Milliarden – wäre Makulatur.

Stahlmann, ein erfahrener Industriemanager aus Deutschland, trat Anfang 2012 voller Tatendrang an, doch ansprechende Resultate bleiben 2013 aus. Der Betriebsgewinn auf Stufe Ebit wird für dieses Jahr bei 8 Prozent und restrukturierungsbereiningt bei 9 Prozent liegen, was weitab vom Zielband von 11 bis 13 Prozent liegt. Dieses ist in Modifikation. Sprecherin ­Verena Gölkel: «Die Mittelfristziele zu Umsatzwachstum und Profitabilität wurden mit der Publikation der Halbjahres­ergebnisse im Juli ausgesetzt und werden nun über­arbeitet.»

Neuer Chef, neue Zeiten. Stahlmann-Vorgänger Ton Büchner, ein begnadeter Kommunikator, pflegte den partizipativen Führungsstil und setzte auf starke Divisionen. Stahlmann setzt auf One-Company. Teamsitzungen sind unter ihm out, in aber Einzelmeetings mit dem Chef. Zudem musste sich der ehemalige MAN-Execu­tive erst einarbeiten, während Büchner 17 Jahre im Industriekonzern wirkte.

Was alles noch etwas komplizierter macht: Der aktuelle Personalabbau in Stab und Kader fällt mit dem Umzug ins neue Headoffice im Sulzer-Hochhaus zusammen. Jetzt ziehen Leute in den Turm ein, die in ein paar Wochen wieder ausziehen werden, unfreiwillig. Zudem braucht es dann wohl nicht mehr die 14 angemieteten Stockwerke, sondern vielleicht nur noch deren 10 bis 12. Ohnehin steht der Umzug unter einem schlechten Stern. Eigentlich hätte der Umzug bereits im Frühsommer abgeschlossen sein sollen. Geplante Kosten: 2 Millionen Franken. Mittlerweile soll sich die Summe auf das Dreifache belaufen, weil technisch nachzubessern war.

Stahlmann, der nun auf Sparen setzt, rührte anfänglich mit der grossen Kelle an, baute Stäbe aus, stiess Projekte an. Darunter sechs zur Förderung der Innovationskraft, allesamt mit beeindruckenden Namen: Co-Innovating with Customers and Clients oder Idea Conversion and Exe­cution. Über handfeste Resultate aber ist noch wenig bis zum Personal durchgedrungen. Die Abteilung Corporate Stategy and Acquisition, ehedem mit drei Mann bestückt, wurde auf 13 Personen hochgefahren, darunter teure Boston-Berater. Der Spähtrupp nahm als Erstes den deutschen Konkurrenten KSB ins Visier, doch die Avance scheiterte. Nun wird das Akquisitions-Team offenbar auf die Vor-Stahlmann-Ära eingedampft. Ohnehin sollen in den nächsten 12 Monaten keine grösseren Zukäufe in Angriff genommen werden.

Abgebaut werden soll auch im Con­trolling, in der Personalabteilung und in der Kommunikation. Sprecherin Gölkel: «Derzeit läuft das Konsultationsverfahren mit der Arbeitnehmervertretung und den Sozialpartnern – gegen Ende November ist klar, wie viele Stellen gesamthaft in Winterthur abgebaut werden. Erst dann wird auch entschieden, wo genau wie viele Stellen abgebaut werden.»

Stäbe, Projekte, Umtriebigkeit: Derweil wird am grössten Projekt, der Integration der Technologie-Plattform, seit über zwei Jahren herumgebastelt. Heute ist der dritte Chief Information Officer – eine ehema­lige Novartis-Managerin – am Werk. Fleissig werden an Arbeitsplätzen Windows XP und Office 2003 durch Windows 7 und ­Office 2010 ersetzt, während bereits neuere Versionen verfügbar sind. Das Projekt, angereichert mit externen Beratern, dürfte 35 bis 40 Millionen Franken verschlungen haben, schätzen IT-Experte. Ein Beteiligter: «Ein Fass ohne Boden.»

Der CFO auf der Watchlist

Das teure IT-Problem baute sich unter den Augen und in der Verantwortung von Finanzchef Jürgen Brandt auf. Der CFO stehe deswegen offenbar zuoberst auf Stahlmanns Watchlist; sein ­Abgang würde nur wenige überraschen. Brandt wird auch angelastet, dass er die Erwartungen der Analysten und Aktionäre nicht mit genügend Souplesse bewirtschaftete. Alteingesessene trauern den ­Tagen von Peter Meier nach, dem ehemaligen Finanzchef, welcher zu Kuoni wechselte und dort als ­heisser Kandidat für den Posten des CEO gehandelt wird.

Anderthalb Jahre nach Stellenantritt ist Klaus Stahlmann bis aufs Äusserste gefordert – Personal abbauen, Kulturen verschmelzen, Stäbe zentralisieren, Kunden akquirieren, Zukäufe integrieren, Inves­toren pflegen und obendrauf rentabler ­werden. Im Nacken hat er mit Manfred Wennemer, erprobter Industrieller aus Deutschland, seit Frühling einen neuen Verwaltungsratspräsidenten. Dieser geniesst das Vertrauen von Grossaktionär Vekselberg und gilt als unabhängig.

In Wennemers Strategiegremium glaubt man an eine Wende zum Besseren und an steigende Kurse. Just ein Tag nach Ankün­digung des durchzogenen Halbjahresergebnisses, das die Aktie südwärts schickte, kaufte ein Verwaltungsrat Sulzer-Aktien im Wert von 5 Millionen Franken.

 

Konzernstruktur: Neue Organisation

Konzernstruktur: Neue Organisation

Ikone
Sulzer ist ein Aushängeschild der Maschinenindustrie. Die Renova- Gruppe von Milliardär Viktor Vekselberg hält 31 Prozent am Konzern. Seine Vertrauten im Verwaltungsrat sind Vladimir Kuznetsov und Marco Musetti.

Einbruch
In den letzten Jahren bewegte sich Sulzer auf stabilem Wachstumspfad. Seit diesem Sommer mehren sich Schwächezeichen. Der Aktienkurs ist um 20 Prozent eingebrochen. Mit einem Restrukturierungsprogramm und dem Verkauf der Division Metco soll die Trendwende geschafft werden. Kürzlich verkündete CEO Stahlmann einen Stellenabbau.

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