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Position
Die Schlüsselrolle der Schweiz-Chefs

Steiniges Terrain: Schweiz-Chefs kämpfen an vielen Fronten

Kleiner Markt, heikler Posten: Schweiz-Chef in einem grossen Konzern zu sein, ist eine gute Referenz für höhere Weihen.

Von Seraina Gross
am 17.07.2018

Die Westschweiz war empört. Novartis hatte die Schliessung ihres Standorts im waadtländischen Nyon bekannt gegeben, 300 Angestellten drohte der Stellenverlust. Die Situation war heikel: Angst vor Jobverlust in einer Region, die sich wirtschaftlich erst gerade wieder aufgerappelt hatte, Topmanager, die auf Tauchstation waren, Demonstrationen – eine undankbare Geschichte.

Den Kopf herhalten musste er: Pascal Brenneisen, bei Novartis damals gerade Länderchef Schweiz geworden. Ein Ernstfall kurz nach Amtsantritt. Während Tagen pendelte er zwischen Basel, Bern, Lausanne und Nyon, verhandelte mit Bundes- und Regierungsräten, stand der wütenden Belegschaft Rede und Antwort.

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Länderchef Schweiz – mehr als einer von vielen

Die Episode von 2012 zeigt: Die Rolle des Schweizer Länderchefs hat es in sich. Kleines Land, kleiner Markt, dafür viel Aufmerksamkeit und eine Menge zu tun, wenns brenzlig  wird – die Funktion sei «tricky» und nicht zu unterschätzen, sagt Clemens Hoegl, Headhunter bei Egon Zehnder. «Der Länderchef Schweiz ist nicht nur einer von vielen, auch in grossen Konzernen hat er immer eine Sonderstellung», sagt Guido Schilling, Managing Partner bei Guido Schilling Partners.
 


Gewiss, im Grundsatz gilt: je wichtiger der Markt, desto wichtiger der Länderchef. Chefs von Schlüsselmärkten wie den USA sind in internationalen Unternehmen nun einmal wichtiger als Mister und Misses Schweiz. Die Internationalisierung hat den  «Schweizern» nicht gerade in die Hände gearbeitet, die Musik spielt anderswo. Roche machte 2017 mit Pharma 291 Millionen Franken Umsatz in der Schweiz, global waren es 41 Milliarden. Nestlé erwirtschaftet noch 1,5 Prozent seiner Umsätze in der Schweiz.

Eine Rolle am Scharnier von national und international

Andere segeln mit dem Schub der Wachstumsmärkte im Rücken, der Schweiz-Chef verwaltet die Restbestände in der «Heimat». Doch das greift zu kurz, denn beim Länderchef Schweiz gelten andere Regeln. Seine Bedeutung geht übers Operative hinaus – zumal die Verantwortung für den Markt Schweiz bei Konzernen wie Syngenta und Novartis gar nicht mehr zum Ressort gehört.

Die Nähe zum Hauptsitz macht die Rolle verzwackt: Viele Gegenüber in und ausser Haus; ein deutscher oder amerikanischer Konzernchef, der mit dem «Meccano» von Volksinitiative und Referendum nicht zurechtkommt und gebrieft werden muss, Gewerkschaften, die wegen rüder Entlassungsmethoden an die Medien gehen.

Klein, aber fein: Erfolg am Heimmarkt ist wichtig

Dazu kommt der Druck, am Heimmarkt zu punkten – sofern er denn noch zum Portfolio gehört. «Erfolg im Heimmarkt ist entscheidend fürs Renommee des ganzen Unternehmens, auch wenn er wirtschaftlich nicht mehr so bedeutend ist», sagt Schilling. Scharnierfunktion zwischen lokal und international und gleichzeitig zu Hause brillieren: Wer diese Aufgabe erfolgreich meistere, der brauche sich um seine berufliche Zukunft kaum mehr Sorgen zu machen, so der Kadervermittler.

Das Paradox dabei: Die Internationalisierung der Konzernleitungen führt mitunter dazu, dass die Rolle des Schweiz-Chefs aufgewertet wird. So geschehen bei Novartis, wo Matthias Leuenberger nicht mehr nur «Delegierter», sondern «Länderpräsident» ist, seit André Wyss aus der Konzernleitung ausschied und zum Baukonzern Implenia wechselte. «Je weniger Schweizer in der Chefetage, desto wichtiger wird der Länderchef als Meinungsbildner in allem, was die Schweiz angeht», sagt Schilling. Zur Erinnerung: Bei den zwanzig SMI-Unternehmen haben mittlerweile die Hälfte aller Konzernleitungsmitglieder ­einen ausländischen Pass.

Der Hauptsitz als Gravitationszentrum

Doch der Hauptsitz ist auch Gefahrenzone: Das zeigt sich  beim Reputationsmanagement, das im Umfeld des Headquarters viel anspruchsvoller ist als in einer x-beliebigen Ländergesellschaft. Schlechte Nachrichten drehen in der «Heimat» nun einmal viel stärker als anderswo. Hier sind die Analysten, hier hat die internationale Finanzpresse ihre Korrespondenten. Skandale wirken verheerend.

Die Nachricht, dass Nestlé eine Nichtregierungsorganisation infiltriert hatte, ging vor ein paar Jahren um die Welt – mit entsprechenden  Konsequenzen fürs Image; der kürzliche Abbau von ­Stellen in Deutschland sorgte dagegen nur vor Ort für Schlagzeilen. «Das Reputationsmangement ist anspruchsvoller geworden, gerade im Umfeld der Konzernhauptsitze», sagt Josef Ming, Partner bei Bain & Company. Die Regulatorien einzuhalten, genüge nicht mehr; es zähle immer auch die öffentliche Meinung darüber, was fair sei und was nicht. «Da kann es schnell passieren, dass eine ­Abmachung mit einer Steuerbehörde zur Makulatur wird.»

Der Hauptsitz funktioniert wie ein Verstärker

Doch die Hauptsitzlogik funktioniert auch im Positiven. Wer sich als Länderchef Schweiz gut ­anstellt, der kann Dinge wieder ausbügeln, die ­anderswo im Konzernuniversum schiefgelaufen sind. Zudem: Positivmeldungen aus der Konzernzentrale färben immer auch auf den Schweiz-Chef ab. «Die Nähe zum Hauptsitz wirkt wie ein Verstärker – im Positiven und im Negativen», sagt Clemens Hoegl von Egon Zehnder.

Die Nähe zum Hauptsitz ist die grosse Chance des Schweiz-Chefs. Das beginnt ganz banal damit, dass er derjenige ist, der vor Ort ist, wenn der Hauptsitz, zum Beispiel für ein grosses internationales Reorganisationsprojekt, einen Länderchef braucht. «Die Funktion führt dazu, dass man sich schneller als andere mit internationalen Fragen beschäftigen muss», sagt Thomas Meyer, Country Managing Director bei Accenture. Länderchef Schweiz sei deshalb immer noch eine sehr gute Station, wenn man als Schweizer in einem internationalen Konzern Karriere ­machen wolle.

 

Der Länderchef Schweiz als Sprungbrett: Bestes Beispiel dafür ist Eugenio Simioni, der nach seiner Zeit als Schweiz-Chef bei Nestlé zum Chef Cor­porate Communications & Public Affairs aufstieg, einer Funktion, bei der er direkt an Konzernchef Mark Schneider rapportiert.

Gut scheint der Schweiz-Effekt auch in der Versicherungswirtschaft zu funktionieren. Philipp Gmür war Chef der Helvetia Schweiz, bevor er Stefan Loacker an der Konzernspitze beerben konnte.

Vom Buhmann zum Helden

Den Sprung geschafft hat auch Antimo Perretta, dem das Kunststück gelang, sich als Chief Execu­tive Officer Schweiz von AXA in der Pariser Zentrale bemerkbar zu machen, was auch damit zu tun gehabt ­haben dürfte, dass die Franzosen am Schweizer Versicherungsmarkt ganz schön verdienen. Seit 2017 ist er Europachef und Mitglied des Axa Group Management Committee.

Novartis-Mann Pascal Brenneisen konnte der Belegschaft in Nyon schliesslich verkünden, dass der Standort nicht geschlossen, sondern im ­Gegenteil sogar ausgebaut werde. Seither ist er in der Westschweiz so etwas wie der Held von Nyon. Dass die Produktion wenig später in ein Joint ­Venture mit GSK überführt wurde und seit kurzem sogar ganz in den Händen der Briten ist, konnte auch er nicht verhindern. Pascal Brenn­eisen selbst kehrte Novartis zwei Jahre später nach 22 Jahren Firmenzugehörigkeit den Rücken. ­Mission accomplished.