Nur 35'000 US-Dollar — eine Preisansage an Kunden und die Konkurrenz. Mit dem Model 3 plant Tesla den Schritt in den Massenmarkt. Bis vor einigen Monaten waren Autos aus dem Hause Tesla wegen der hohen Preise der Model S und X nur Premium-Kunden vorbehalten. Doch durch die Massenproduktion sollen die Kosten sinken — für Tesla und die Kunden.

Soweit die Theorie, denn mittlerweile ist bekannt, dass die Wirklichkeit anders aussieht. Der Albtraum ist eingetreten: Tesla kommt mit der Produktion nicht hinterher. Es ist das Szenario, vor dem Kritiker gewarnt haben: Der Erfolg könnte zum Problem werden, sollte Tesla die Bestellungen nicht schnell abarbeiten können.

260 statt geplanter 1500 Stück

In Zahlen ausgedrückt: Tesla hat kürzlich bekanntgegeben, dass bis Ende September 260 Stück des Model 3 hergestellt worden sind, geplant waren 1500. Verantwortlich dafür sollen Probleme der automatischen Fertigungsstrasse sein. Das US-Wirtschaftsblatt «Wall Street Journal» berichtet, dass bis vor kurzem sogar noch wesentliche Teile der Autos per Hand gefertigt worden seien. Tesla bestreitet das.

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Doch eines dürfte klar sein: Tesla hat sich den Schritt in den Massenmarkt sicher leichter vorgestellt. Automobil-Experte Guido Reinking ist angesichts der jüngsten Probleme beim Elon-Musk-Unternehmen nicht überrascht: «Für die Massenproduktion benötigt ein Konzern auch die entsprechenden Fähigkeiten — das ist alles andere als trivial. Spätestens jetzt weiss das auch Tesla», sagt er im Gespräch mit Business Insider.

«In der Produktions-Hölle»

Wegen der Probleme bei der Fertigung des Model 3 verschiebt sich auch die Präsentation des Elektro-Lkw — bereits zum zweiten Mal. Musk erklärte, Tesla befinde sich «in der Produktions-Hölle», weshalb der Termin nun auf November geschoben wird, nachdem er bereits von September auf Oktober verlegt worden war.

Damit häufen sich Nachrichten, die man so nicht aus dem Hause Tesla kennt. Tesla steht für Vision, für Innovation und Neues — nicht für Lieferschwierigkeiten oder Terminverschiebungen. Experte Reinking sieht nur einen Ausweg: «Wenn Elon Musk sein Geschäft nicht schnellstens verkauft, dann wird es eng. Musk sollte die Chance nutzen, dass vielleicht ein etablierter Autobauer mit den Tesla-Autos sein Portfolio erweitern möchte — denn allein wird Tesla in der Branche nie Geld verdienen.»

Aktienkurs stabil

Ein deutscher Autobauer werde aber wohl nicht zuschlagen, so Reinking. Früher sei VW ein möglicher Kandidat gewesen — nach dem Wirbel um den Abgasskandal habe sich das jedoch geändert. Die deutschen Autokonzerne würden lieber selbst versuchen, das neue Tesla zu werden, so Reinking.

Dass die Tesla-Kunden und -investoren dem Konzern weiterhin die Treue halten, zeigt ein Blick auf den Aktienkurs. Das Papier hat noch keinen grossen Einbruch vollzogen, trotz der ungewohnten Anhäufung «unschöner» Nachrichten.

Jünger von Tesla

Die Erklärung dafür liegt laut Reinking auf der Hand: «Die Kunden von Tesla sind auch gleichzeitig Jünger von Tesla — die nehmen nichts Negatives wahr. Sie verzeihen Elon Musk auch schlechte Nachrichten, weil sie von ihm überzeugt sind und weil Tesla eben kein Autobauer ist. Für Tesla ist es natürlich grossartig, solche Kunden zu haben, die auch mal ein Auge bei schlechten Nachrichten zudrücken — das zeigt die Stärke der Marke.»

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Und doch ist Reinking überzeugt, dass Tesla als Autobauer niemals Geld verdienen wird. «Elon Musk muss versuchen, mit einer anderen Vision Geld zu verdienen — ob ihm das gelingt, was mit den Autos nicht gelungen ist, sei aber dahingestellt.» Durch den Schritt in den Massenmarkt und verhältnismässig niedrige Preise könnte es gerade diese Preisansage und der daraus resultierende Erfolg sein, der Tesla im Automobilbereich grosse Probleme beschert.

Dieser Text erschien zunächst bei «Business Insider Deutschland» unter dem Titel «Elon Musk steht vor Problemen, die Teslas Zukunft gefährden».

 

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