Als erstes fallen nicht Menschen, sondern Pflanzen im neuen Gebäude an der Max-Urich-Straße in Berlin-Mitte auf. Zwischen den kleinen Wäldern in dem fast 1000 Quadratmeter grossen Gemeinschaftsraum stehen ein paar Bänke und Tische, dahinter eröffnen sich weite Fensterfronten mit Blick auf die deutsche Hauptstadt. Hier ist Merantix eingemietet und hat sich zum Ziel gesetzt, Europas erste Anlaufstelle für Künstliche Intelligenz zu werden. Noch läuft aber nicht allzu viel in den beiden Stockwerken, in denen Merantix eingemietet ist. Man läuft durch lange Gänge, seitlich eröffnen sich hinter Glasscheiben grosszügige Räume in denen junge Leute vor Bildschirmen sitzen, an der Seite stehen Fixie-Fahrräder, wieder Pflanzen, zwischendrin ein Flipchart, dann wieder leere Flächen und einsame Vitra-Sitzmöbel. 

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Gerade als sich ein guter Ausblick auf den Fernsehturm eröffnet, hört man zwei Stimmen, die auf Schweizerdeutsch sprechen. Auch wenn in Berlin nicht unmöglich, wir der Schweizer Dialekt meist zwischen Hochdeutsch und Englisch verschluckt. Einer der beiden Mitgründer des KI-Campus ist in der Schweiz aber kein Unbekannter: Serial-Entrepreneur Adrian Locher, der mit dem Verkauf von Deindeal zu Geld kam.

Seit 2016 baut er mit Merantix in Berlin Startups mit einem Fokus auf Künstliche Intelligenz auf. Sein Venture-Capital-Unternehmen umfasst mittlerweile sechs Startups, darunter auch eins, welches KI beispielsweise zur Früherkennung bei Brustkrebs einsetzt. Eröffnet wurde der KI-Campus am 1. April dieses Jahres in einem imposanten Neubau, der mit seiner gigantischen Grösse in Zürich kaum umzusetzen wäre.

5400 Quadratmeter auf zwei Stockwerken hat Merantix gemietet, rund 20 Millionen Franken werden in den nächsten zehn Jahren hineingepumpt. Davon sei auch ein Teil von dem Erlös aus dem Deal von Deindeal von Adrian Locher. Bei KI muss mit der grossen Kehle angerührt werden, damit Europa den Vorreitern USA und China noch die Stirn bieten kann. Merantix beansprucht dabei rund einen Fünftel für sich, der andere Platz wird an KI-Startups vermietet. Und zwar ohne Gewinnstreben. Inzwischen hat Locher fast alle Plätze auf dem Campus vermietet, es arbeiten rund 600 Personen hier. «Es ist kein Geschäftsmodell, sondern es geht um ein Ökosystem für KI in Europa.», sagt Locher.

Eingespieltes Schweizer Duo

Swiss-Power mitten in Berlin strahlt auch Janette Wiget aus. Die Absolventin der Uni St.Gallen kam vor drei Jahren ins Boot und ist jetzt mit 28 Jahren Chief Financial Officer bei Merantix. Zusammen mit Adrian Locher und dem Bremer Co-Founder Rasmus Rothe halten die beiden Ausschau nach vielversprechenden Startups und Finanzierungsmöglichkeiten.

Das Duo aus der Schweiz scheint eingespielt zu sein. Wiget erklärt die Geschäftsmodelle der hier ansässigen Startups, Locher schwärmt von den Möglichkeiten, die sich hier in Berlin eröffnen. Davor war der Unternehmer nämlich eine Zeit lang im Silicon Valley, bis er sich entschieden hat, Europa in Sachen Künstliche Intelligenz auf die Sprünge zu helfen, damit es nicht den Anschluss verliert. Locher hat sich schliesslich entschieden, diesen KI-Campus in Berlin und nicht in den Staaten aufzubauen. Zürich oder gar Lochers Heimatstadt Bern standen nie zur Diskussion als Standort. Dafür sei der Standort zu klein, wenn man wirklich global denken wolle. 

Dafür hat er gute Gründe: «Wir glauben, dass wir in Europa KI wieder nach vorne bringen können», sagt Locher. Die Forschung, das Talent in Europa sei gut, aber «wir kriegen es in Europa nicht hin, weil wir zu wenig Risiko eingehen und nicht unternehmerisch denken», sagt Locher. Die KI-Forschung in Europa sei weiter fortgeschritten als in China oder USA. Bei der Wahl nach dem Standort in Europa stellte sich die Wahl zwischen London und Berlin.

Die «run rate», also das Kapital, welches für ein solch forschungsintensives Feld wie KI benötigt wird, werden durch die Personalkosten beeinflusst. Diese haben auch mit den Lebenshaltungskosten zu tun die in Berlin tiefer sind. Es sei auch kein Zufall, dass Tesla seine Gigafactory neben Berlin aufbaut - sei es die Nähe zum Regulator, aber auch die Attraktivität für Talente. «Das war für uns entscheidend - wo kriegen wir die Talente hin?», sagt Locher. Bereits bei Deindeal sei das Team auch schon sehr international gewesen, aber immer wenn ein Mitarbeiter aus einem Land, welches nicht in der Personenfreizügigkeit integriert war, stammte, brauchte es eine Sonderbewilligung aus Bern

Produktionsfläche für Ideen

Locher betont, im Campus wolle man einen ständigen Dialog zwischen Gründern, Investoren, Forschenden und Unternehmen schaffen. «Wir schaffen das nur, wenn wir alle zusammen daran arbeiten», ergänzt Wiget. Dabei geht es nicht nur um die Startups, die Merantix fördert, sondern der Campus soll die Leute aus dieser Szene zusammenbringen. Diese Vernetzung soll nicht nur innerhalb von Berlin, sondern in ganz Europa stattfinden. 

«Der konstante Austausch im Ökosystem muss global stattfinden», betont Wiget. In Europa werde nämlich viel Forschung in Sachen KI betrieben – so natürlich auch in der Schweiz an der ETH und EPFL. Solche Hochschulen von Weltrang gibt es in Berlin nicht. Locher vertraut darauf, dass die Talente trotzdem nach Berlin kommen. «Berlin strahlt eine hohe Anziehungskraft aus. Leute aus aller Welt kommen gerne in die Stadt», sagt Locher. Er bezeichnet den Campus auch als «Produktionsfläche für Ideen». Anstatt Maschinen würden aber Menschen hier Ideen kreieren. Ideen, die sich mit Automation beschäftigen.

Künstliche Intelligenz oder Artificial Intelligence als Schlagwort? Das Automationslevel werde in den nächsten Jahren ständig steigen, ein grosser Fortschritt sei heute im Medizinbereich zu beobachten. «Das Internet vor 20 Jahren war auch viel Schall und Rauch und es gab kaum Traction, wurde beim Crash Anfang 2000 für tot erklärt. Doch heute ist der Impact des Internets klar erkennbar. So wird es auch bei KI sein», sagt Locher.

Es gebe aber ein enormes Potenzial, aber in einigen Jahren wird KI beispielsweise in einem Spital überall präsent sein. KI könne auch nicht als Gesamtes betrachtet werden, sondern das sei von den Anwendungen und der Industrie sehr unterschiedlich, sagt Locher. Welche Anwendungen würden hier aus dem Campus entstehen? Locher ist zuversichtlich, in möglichst vielen Bereichen. KI sei eine Grundlagentechnologie, und werde noch zu mehr Veränderungen führen als das Internet. 

Früher standen hier Maschinen von AEG, tausende Menschen haben hier an grossen Maschinen gearbeitet. Das sei auch eine Parallele zu Künstlicher Intelligenz. «KI ist heute wie der Strom von damals», sagt Locher. Sie werde die ganze Welt durchdringen. Programmieren sei wie Lesen, Rechnen und Schreiben. Der KI-Campus soll den so wichtigen Wissenstransfer in die Wirtschaft sicherstellen und Gründer auf der Suche nach Investoren unterstützen. 

Merantix ist mit Universitäten und Forschungseinrichtungen wie der Technischen Universität, der Charité, der Humboldt-Universität und der Freien Universität im Austausch. Auch Vertreter von den grossen deutschen Konzernen würden hier «regelmässige vorbeikommen», vor ein paar Wochen seien Vertreter von Novartis hier gewesen, sagt Locher. Diese global operierenden Unternehmen würden dort hingehen. «We think global, we act local», sagt Locher. Das Merantix-Ökosystem funktioniere auch mit den eigenen Startups, die bereits sehr früh mit den Konzernen in Kontakt kommen – auch um bei KI-Anwendungen die notwendigen, grossen Datenmengen zu erhalten. 

Vegane Kosmetik

Noch herrscht die Stimmung eines Coworking-Spaces und nicht die wie in einem Campus, auf dem Leute ständig die Köpfe zusammenstecken und sich vor Flipcharts. Das ändert sich aber alle paar Meter und alle paar Tage. In einem Glaskasten sitzen eine Handvoll junge Leute und sprechen über ihre Laptops hinweg miteinander. In einem anderen Büro sitzt nur eine Person, in der Cafeteria trinken ein paar Kaffe, nur die Sitzungszimmer scheinen noch nicht so rege in Gebrauch zu sein. Das hat aber auch damit zu tun, dass Berlin noch Wochen zuvor im Lockdown stand. Inzwischen gebe es aber auch Panels mit Dutzenden von Teilnehmern. «Das ist ein Ort der Vernetzung und wir wollen, dass jeder der mit KI zu tun hat und nach Berlin kommt uns besucht», betont Locher.

Es würden nun immer mehr Veranstaltungen stattfinden: Vorträge, Workshops, Brainstormings. Sitzecken, Meetingräume, eine Küche für gemeinsames Kochen - all das soll die Leute zusammenbringen. Trotz des üppig vorhandenen Platzes – etwas, von dem Zürcher Entrepreneurs nur träumen – scheint die neue Arbeitsweise der Post-Corona-Zeit auch hier angekommen zu sein. Die Leute treffen sich hier auf Meetings, werden am Coden ist, kann das auch Zuhause tun», sagt Locher. Hört man sich bei den Mietern, seien die 500 Euro Miete pro Monat gerechtfertigt. Vor allem auch, weil sich hier alle mit dem gleichen Thema beschäftigen würden, heisst es. 

In einigen der fest installierten Büros sitzen beispielsweise die Mitarbeiter von Cambrium, ebenfalls eine Ausgründung von Merantix. Wie so oft bei KI ist nich sofort zu verstehen, was Cambrium genau macht, obwohl sich Gründer Mitchel Duffy bemüht. Das Startup entwickelt mit Hilfe von KI neuartige Proteine. So haben sie beispielsweise eine vegane Anwendung für den Kosmetikbereich kreiert, die davor nur aus tierischen Materialien hergestellt werden konnte. Wichtig für sie sei die Vernetzung im Campus, aber in ihrem Falle auch die Arbeitsteilung. Die Proteine würden in einem Labor anderswo in der Stadt entwickelt, aber auf dem Campus könne man sich über Themen wie Wachstum unterhalten. Das passt zum Unternehmergedanke von Adrian Locher: «Ich möchte die besten Ideen mit den besten Leuten zusammenbringen, diese validieren und dann in den Markt bringen. Ich mag es, Leute herauszufordern.» Merantix investiere 1 bis 3 Millionen Franken aus dem Fonds, in dem institutionelle Investoren drin sitzen, die Entscheidung liege aber beim Board, zu dem Adrian Locher und Janette Wiget zählen. Locher fühlt sich wohl in seiner Rolle: Bei Deindeal musste er sich als CEO um hunderte von Leute kümmern, jetzt könne er die Teams rund um Merantix selbständiger laufen lassen. Er wolle talentierte Leute anlocken, die dann wiederum ihr «eigenes Ding machen».

Adrian Locher hat eine klare Vision für die Zukunft: «Der KI-Campus in Berlin wird in ein paar Jahren nur einer der Standorte weltweit sein». Auch Janette Wiget wird ihn noch eine Weile weiter auf dem Weg begleiten. «Ich mag Berlin, aber in der Schweiz kann ich auch noch später sein.»