Liebe Leserinnen und Leser

Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Ich mag vom Gezänk um Swiss, Unique und den aufgeflogenen Staatsvertrag mit Deutschland nichts mehr hören.

Der ganze Vorgang zeugt von Inkompetenz, von Besserwisserei, von Überforderung, von Zynismus, und er offenbart ganz gewiss mangelndes Verantwortungsbewusstsein. Im ganzen Schlachtenlärm ist nicht eine Stimme zu hören, die glaubwürdig Führung verspricht.
Die Politik ist auf allen Ebenen in der Konkordanz gefangen, die Politiker befinden sich permanent im Wahlkampf. Die Managements und Verwaltungsräte von Swiss und Unique wissen nicht recht, ob sie nun einen privatrechtlichen oder doch eher einen politischen Job zu verrichten haben.

Die selbst ernannten Experten maximieren ihren Marktwert, indem sie den Medien alles liefern, was diese verlangen. Und die handelnden Personen in beiden Unternehmen geben dazu mit ihrer verwirrenden Informationspolitik die Steilpässe.

Die Medien selber liefern jeweils jene Orientierung, die von den verschiedenen Anspruchsgruppen gewünscht wird: Die Lärmgeplagten bekommen, was sie hören wollen, Mitarbeiter, Aktionäre, Steuerzahler und Standortlobbys auch. Was dabei verloren geht, ist die Orientierung. Nur was die Piloten angeht, herrscht in allen Lagern Übereinstimmung: Sie sind und bleiben die Parias. Dabei sind sie die Einzigen, die wirklich wissen, was sie wollen.
Nun ist einzuräumen, dass das Geschäft mit dem Fliegen komplex und schwierig zu steuern ist. Da die Fliegerei aber für ein Land auch eine eminente strategische Bedeutung hat, liegt es auf der Hand, wer in erster Linie Leadership schuldig bleibt: der Bundesrat und speziell Verkehrsminister Moritz Leuenberger. Er ist von Gesetzes wegen der «Chefpilot» des Landes und müsste den Leistungsauftrag an die Betreiber der Infrastruktur formulieren, selbstverständlich unter Berücksichtigung der aktuellen Marktentwicklung. Denn ohne nationale Luftverkehrsstrategie ist alles nichts.

Gleichzeitig ist der Bundesrat als Treuhänder der Steuerzahler der grösste Swiss-Aktionär. Als solcher hätte er die Pflicht und Schuldigkeit, über seinen Verwaltungsrat Peter Siegenthaler die Strategie für eine «Swiss II» einzufordern. Es wäre doch das Normalste auf der Welt, eine neue Strategie zu entwerfen, wenn die alte offenkundig nicht greift.
Und warum sollte man eine solche neue Strategie nicht mit einem neuen Luftverkehrsabkommen mit Deutschland kombinieren? Dann könnte die Lufthansa im Gegenzug das Swiss-Paket des Bundes übernehmen ? und «unsere» Airline nach den strategischen Auflagen aus Bern weiterfliegen lassen, in einer dem Heimmarkt angepassten Grösse sowie unter Fortführung bewährter Swiss-Spezialitäten.

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Dazu würde viel (marktwirtschaftlicher) Mut gehören und der Verzicht auf ein paar (politische) Tabus.

Medard Meier

PS: Bei Redaktionsschluss erreicht uns die Meldung, dass unser Interviewpartner Michail Chodorkowski (Seite 174) zum grössten Merger Russlands ansetzt. Der von ihm beherrschte Energieriese Yukos übernimmt den Rivalen Sibneft: Yuksi wird mit 18 Milliarden Barrel Reserven der weltweit viertgrösste Ölkonzern sein. Auf ihn wird 29 Prozent der russischen
Erdölförderung entfallen. Mit einer Marktkapitalisie- rung von 35 Milliarden Dollar ist Yuksi das grösste Börsenunternehmen Russlands. «Mit diesem Schritt», so Chodorkowski, «kommen wir unserem Ziel näher, ein Leader im globalen Energiemarkt zu sein.»