Vor drei Wochen, da war Fatma Samoura im Element: Arbeitsbesuch bei der Deza, der Entwicklungsbehörde des Bundes, inklusive Antrittsvisite bei Amtsdirektor Manuel ­Sager. Es war ihre Welt, jene der früheren Uno-Diplomatin, die im Tschad, in Djibuti und Guinea gegen Hunger gekämpft hatte. 21 Jahre ihres Berufslebens war die 54-Jährige im Einsatz für das Gute.

Zurück im Büro in Zürich war wieder Alltag angesagt, oder besser – der alltägliche Ausnahmezustand. Negativschlagzeilen ums Museum, Sparprogramm, Ärger mit der Boulevardpresse, Zoff mit der britischen Premierministerin Theresa May.

«Un­gehörige Einmischung»

Diese kämpft für das englische Nationalteam, das am Freitag mit Mohnblume auf dem Trikot im Wembley-Stadion einlaufen will. Die «Poppies» sollen an jene Soldaten erinnern, die für die Krone starben.

Gemäss Artikel 4 der Fifa-Statuten, mahnte Samoura die Engländer schriftlich, seien politische oder religiöse Zeichen auf dem Platz verboten. Eine «un­gehörige Einmischung», reagierte May im Unterhaus auf die Ermahnung, ­­«höchst empörend» obendrein. Britanniens Bou­levardpresse beschimpft die Generalsekretärin als «senegalesische Bürokratin, die noch keinen Tag in der Privatwirtschaft» gearbeitet habe.

Was nicht ganz zutrifft, zumal Samoura nach ihrem Stu­dium während acht Jahren als Exportmanagerin beim Düngerhändler Senchim in Senegal tätig war. Die Kritisierte nahms gelassen und mahnte: «Grossbritannien ist nicht das einzige Land, das unter Kriegen litt.» Auch Länder in Afrika, wo sie herkomme, hätten Opfer zu beklagen.

Standfest auch nach innen

Der Streit mit May ist die erste grosse Nagelprobe der Fifa-Chefin, die seit ­Sommer im Amt ist. Kippen die Engländer, was wahrscheinlich ist, geht Samoura als Siegerin vom Platz. Bleiben sie stur, muss sie Sanktionen verhängen.

Dass mit ihrer Standfestigkeit zu rechnen ist, hat sie intern bewiesen. Zu spüren bekamen es ausgerechnet die ­Mitglieder des Fifa-Council, des Verwaltungsrats. Tagte das Gremium in Zürich, liessen sich die 30 Funktionäre in der ­Privatlimousine vom Luxushotel in der Stadt auf den Zürichberg chauffieren. Viel zu teuer, befand Samoura, unpässlich in Zeiten roter Zahlen. Nun gibt es einen Shuttle-Service. Der Council beschwerte sich im Präsidium. Es nützte nichts.

Heikle Konstellation

Freude bereitete Samoura derweil der Belegschaft, als sie das rigide Kleider­regime, das dem früheren Präsidenten Sepp Blatter so wichtig war, per Mail aus­ser Kraft setzte. Künftig müssen die dunkelblauen Massanzüge von Lezard nicht mehr bei jedem Event am Hauptsitz getragen werden. Elegant zwar, aber nicht uniformiert, heisst die neue Kleiderdevise.

Die Botschaft ist beim Personal angekommen. Da ist eine Pragmatikerin am Werk, bodenständig, umgänglich, direkt, eine auch, die zuhören kann – eine neue Tugend in der Fifa-Fussballwelt.

Keine Marionette

Ungelöst ist freilich weiter die Machtfrage im «House of Fifa». Ist es Präsident Gianni Infantino, der aus dem Hintergrund die Fäden zieht? Ist es die Generalsekretärin? Oder sind es ihre beiden Stellvertreter Marco Villiger und Zvonimir Boban? Sie selber, sagt eine Quelle, wisse selbst am besten, dass sie als Quereinsteigerin ein Handicap aufzuholen habe. Was sie aber auch schon in Mitarbeitergesprächen zum Besten gab: Wer glaube, sie sei eine Marionette Infantinos, der werde sich noch wundern.

Bislang ist es ihr allerdings noch nicht gelungen, letzte Zweifel über Kompetenz und Durchsetzungskraft zu verscheuchen. Klar, sie hat einen Präsidenten, der das globale Fussballgeschäft seit 20 Jahren kennt und der sich als «very acting chairman» sieht.

Beratung für Hunderttausende Franken

Zudem ist er unter Zeitdruck: In anderhalb Jahren stehen die nächsten Präsidentenwahlen an. Bis dann muss er den Milliardenkonzern zurück auf Wachstumskurs bringen, mit neuen Sponsoren, mit Sparmassnahmen. Kein einfaches Unterfangen, zumal er den Landesverbänden neue Finanzgeschenke versprochen hat und den Weltverband digital aufrüsten will.

So steht es jedenfalls in der Roadmap «Fifa 2.0: The Vision for the Future». Diese hat er im Präsidentenbüro – zusammen mit der amerikanischen Beratungsfirma Teneo entwickelt. Die geschäftstüchtigen Consultants sind omnipräsent und stellen dem Verband pro Monat 850'000 Franken in Rechnung. Bei der Präsentation der ­Zukunftsvision sass Generalsekretärin ­Samoura zwar neben Infantino, doch es redete nur einer – der Präsident. Noch ­haben der umtriebige Walliser und seine wichtigste Mitarbeiterin die richtige ­Balance nicht gefunden.

Infantinos Leute

Kompliziert ist es, weil in den letzten Wochen die Geschäftsleitung neu bestellt wurde. Es sitzen nun diverse Leute aus dem Infantino-Umfeld an zentralen Schaltstellen im Verband.

Da ist Zvonimir Boban, einer der beiden Stellvertreter Samouras. Der ehemalige kroatische Nationalspieler ist ein enger Freund Infantinos. Der neue Direktor Marketing und Kommerzielles, Philippe Le Floc’h, war früher Marketing-Chef der Uefa unter Generalsekretär Infantino. Auch
 Samouras neuer Bürochef, Urs Kluser, hat die letzten Jahre bei der Uefa verbracht. Die branchenfremde Generalsekretärin muss also mit einer Geschäftsleitung ­zurande kommen, die sie nicht selber bestellt hat.

Risikoreicher Führungsstil

Für die krisenerprobte Exdiplomatin ist die brisante Konstellation offenbar kein Problem. Sie setzt auf Kompetenz und ­Delegation. Dieser Führungsstil ist bei der Fifa ungewöhnlich – und nicht ohne Risiko. Klar, der eine Stellvertreter, Marco Villiger, ist ein Selbstläufer. Er ist seit Jahren Chef­jurist und bestens vertraut mit sämtlichen Risiken im Betrieb.

Hingegen mottet es im Geschäftsbereich von Samouras zweitem Stellvertreter Zvonimir Boban. Der ehemalige Mittelfeld-Crack des AC Milan ist gemäss kroatischen Medienberichten in einen gröberen Rechtsstreit mit einem ehemaligen ­Geschäftspartner verwickelt, dabei hat die Justiz Privatkonten blockiert.

Museum mit 32 Millionen Verlust

In der Fifa hat er den heiklen Fall des Museums zu lösen, der längst auch im ­Verwaltungsrat für Unruhe sorgte. Denn die Kosten des noch jungen Zentrums sind längst aus dem Ruder gelaufen. Gemäss «Handelszeitung»-Recherchen werden Museum und integrierter Gastrobetrieb dieses Jahr mit einem Betriebsverlust von über 32 Millionen Franken abschliessen, fürs nächste Jahr ist ein Defizit von 20 ­Millionen prognostiziert.

Der Handlungs­bedarf ist also gross, aber Boban hat bislang ­ausser dem Rausschmiss des Direktors nicht viel vorzuweisen gehabt. Die Lage ist vertrackt: Infantino möchte das Museum rückbauen und wichtige Exponate an den Hauptsitz transferieren. Samoura will am Prestigeprojekt festhalten und setzt auf einen abgespeckten Businessplan – und Infantino-Intimus Boban muss liefern.

Mit dickem Portmonnaie

Es ist ein Paradebeispiel, wie locker man in der Blatter-Ära mit den Millionen umsprang. Swiss Life, die Liegenschaftsbesitzerin, hatte 2014 einen Mietvertrag mit der Anwaltskanzlei Lenz & Staehelin ausgehandelt, doch dann kam Blatter angebraust, überbot die Anwälte und schloss ­einen Vertrag über 40 Jahre ab – mit Option auf Verlängerung. Dann liess er das Gebäude für 130 Millionen umbauen und kaufte gleich noch das nah gelegene Hotel Ascot für 27 Millionen dazu. Und ortete nach der gigantischen Fehlinvestition auch noch «vielversprechende Synergien».

Ausgerechnet Fatma Samoura, die ehemalige Krisendiplomatin aus Afrika, darf den Grössenwahnsinn jetzt stoppen.

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