Es läuft, für die Familie Bertarelli. Die siebtreichste Familie der Schweiz hat ihr Vermögen von 2018 auf 2019 um 1 Milliarde auf 14,5 Milliarden Franken vermehren können. Das ­jedenfalls schätzt die «Bilanz» in ­ihrer aktuellen Reichenliste.

Bei diesen Summen kann es sich das bekannteste Familienmitglied, Ernesto Bertarelli, natürlich locker leisten, auch mal ein paar Millionen in ein höchst riskantes, aber umso glamouröseres Investment zu stecken: Bertarelli hat sich Anteile am britischen Kult-Autobauer Aston Martin gesichert. Seine Aktien sind aktuell gut 20 Millionen Franken wert.

Tech ergänzt Biotech

Doch der Fokus von Geschäftsmann Bertarelli liegt nicht auf Spielzeug für Männer, die gerne ein bisschen wie James Bond sein möchten. Umso mehr, als er schon eine 96-Meter-Jacht und einen Privatjet von Bombardier hat.

Bertarelli investiert hauptsächlich so, wie es sich für einen mehrfachen Vater und Multimilliardär mit Pharma- und Biotech-Vergangenheit und langem Horizont gehört: Er setzt auf vielversprechende Life-Sciences-Firmen sowie auf Geschäfts- und Wohnimmobilien allererster Güte – mit Fokus in der Schweiz und in London. Von ­diesem Mix aus Langfristigkeit und Risikofreude sollen später auch noch die Kinder der Bertarellis ihren Lebensunterhalt bestreiten können.

Doch Bertarellis Engagement als Investor geht seit kurzem deutlich über seine angestammten Branchen hinaus. In zunehmend höherer Kadenz setzt er nun auch auf Tech-, IT- und Softwarefirmen und hat dafür sogar eine eigene Investmentfirma gegründet: Forestay Capital mit Sitz in Genf. Sie hat eben den erfahrenen Risikokapitalinvestor Randy Castleman – einen Spezialisten für Robotik, künstliche Intelligenz und Bio-­Informatik – in den Verwaltungsrat geholt. Kurz: Bei Bertarelli ergänzt Tech nun Biotech.

Forestay Capital gehört organisatorisch – wie fast alle Beteiligungsgesellschaften der Bertarellis – zum Family Office Waypoint mit opera­tivem Sitz in Genf und juristischem Sitz auf Jersey.

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Besonders am Tech-Herzen liegt Bertarelli das US-Unternehmen Wasabi Technologies. Es bietet Unternehmen grundsätzlich wenig aufregende Cloud-Speicher­lösungen an. Aber: Wasabi behauptet, sechsmal schneller und 80 Prozent günstiger zu sein als Cloud-Gigant Amazon. Der Claim hat Bertarelli so überzeugt, dass er nicht nur mit Forestay an einer Finanzierungsrunde mitgemacht hat, sondern gleich auch als Privatperson.

Ebenfalls doppelt investiert ist Bertarelli in das Proptech-Unternehmen Fornova – mit Forestay und Waypoint. Fornova mit Sitz in London gibt Hoteliers ein Werkzeug an die Hand, mit dem sie den goldenen Erfolgsschlüssel des Gastgewerbes – den Umsatz pro Gast – einfacher handhaben können. Fornova analysiert zugängliche Datenquellen auf der ganzen Welt, mit dem Ziel, dass der Hotelier seinen Umsatz steigern, seine Kosten reduzieren und seine Auslastung optimieren kann.

Auch in das Westschweizer Unternehmen Bluebotics hat Bertarelli via Forestay Capital investiert. Bluebotics ist im Bereich autonomes Fahren tätig. Aber nicht bei Autos und nicht draussen auf der Strasse. Der Fokus von Bluebotics liegt auf Lagerhallen und Logistikzentren, wo Kleinfahrzeuge in grosser Zahl unterwegs sind. ABB, Ruag, Nestlé gehören zu den Kunden. Und selbst die Nasa setzt die Technologie aus Saint-Sulpice ein.

Ex-Serono-Mann an der Spitze

Letztes Beispiel für ein Tech-Investment von Bertarelli unter dem Dach von Forestay ist das belgische Startup Icometrix. Es analysiert ­mithilfe von KI die Bilder von me­dizinischen Magnet­resonanz-­Geräten und Computertomografen und hilft Ärzten.

Allen Forestay-Engagements gemeinsam ist, dass die Firmen bereits über ein funktionierendes Geschäftsmodell verfügen und nicht nur Träume verkaufen. Geleitet wird Forestay übrigens von einem alten Weggefährten Bertarellis aus Serono-Zeiten: Frederic Wohlwend. Er war IT-Chef bei Serono und nach dem Verkauf der Firma an Merck deren Digitalchef.

Das Bertarelli-Investment, das derzeit am meisten Aufmerksamkeit bekommt, ist Zwift (siehe das Shirt auf dem Bild). Zwift ermöglicht virtuelle Velo- und Laufrennen auf dem Heimtrainer im Wohnzimmer. Für Gümmeler, Mountainbiker, Triathleten und Langstreckenläufer. Man kann zum Beispiel aus Spass die Alpe d’Huez hochfahren und sich mit Velo-Profis oder Freunden rund um den Globus messen. Oder ganz ernsthaft trainieren. Ob Bertarelli mit seiner Kirsty in Gstaad selbst zwiftet, ist nicht bekannt.