Volkswagen kann den europäischen Autovermieter Europcar übernehmen. Das französische Unternehmen teilte am Mittwoch mit, man habe sich mit einem Konsortium unter Führung des Wolfsburger Autokonzerns geeinigt. Demnach erhalten die Europcar-Eigner 50 Cent je Aktie. Der Sixt-Konkurrent wird so mit 2,5 Milliarden Euro bewertet. Einschliesslich Schulden und Pensionsverpflichtungen liege der Unternehmenswert von Europcar bei 2,9 Milliarden Euro, teilte Volkswagen mit. Der VW-Aufsichtsrat habe der Transaktion zugestimmt.

Der Preis erhöht sich um einen Aufschlag von einem Cent je Aktie, wenn mehr als 90 Prozent der Aktien angedient werden. Hedgefonds, die zusammen 68 Prozent der Europcar-Aktien halten, sagten den Angaben zufolge bereits fest zu, das Angebot anzunehmen. Die Offerte soll bis Ende September bei der französischen Börsenaufsicht eingereicht werden. Die Übernahme soll im Schlussquartal 2021 oder im ersten Quartal 2022 abgeschlossen sein.

Aufbau einer Mobilitätsplattform

Im ersten Anlauf hatte Volkswagen zusammen mit dem an Europcar beteiligten Finanzinvestor Attestor und dem grössten VW-Importeur in den Niederlanden, Pon Holdings, 44 Cent je Europcar-Aktie geboten, war aber abgeblitzt. Danach wurden die Gespräche mit den an Europcar beteiligten Hedgefonds fortgesetzt - und Volkswagen kam dank der aufgestockten Offerte ans Ziel.

Volkswagen-Chef Herbert Diess kündigte an, Europcar solle eine zentrale Rolle beim Aufbau einer Mobilitätsplattform bekommen. Kunden nutzten zunehmend Abo-Modelle und Carsharing als Alternative zum eigenen Auto. Europas führender Autovermieter verfüge über ein breites Netz von Stationen an Flughäfen, Bahnhöfen und in Innenstädten. «Mit ihrem modernen Flottenmanagement und dem breiten Stationsnetz wird Europcar dazu beitragen, dass Volkswagen seine ambitionierten Ziele für den Ausbau von Mobilitätsdiensten schneller erreicht», erklärte Diess.

Umbau zum Technologiekonzern

Reuters hatte bereits im Juni 2020 berichtet, dass VW mit dem Gedanken spielte, Europcar zurückzukaufen. Wegen der Vielzahl der Eigner zog sich eine Einigung hin.

Volkswagen verfügt unter der Marke WeShare bereits über Aktivitäten im Carsharing und bietet mit Moia Mitfahrdienste an. Dieses Geschäft soll in den nächsten Jahren ausweitet werden. Der Konzern will sich von einem klassischen Automobilhersteller zu einem Technologiekonzern wandeln, der neben E-Autos und selbstfahrenden Fahrzeugen sein Geld auch mit Software und digitalen Diensten verdient.

Europcar gehörte bereits Ende der 1990er Jahre zu Volkswagen. 2006 verkauften die Niedersachsen den Autoverleiher und begründeten dies damit, dass sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren wollten. In der Corona-Pandemie geriet der Autovermieter durch die Einschränkungen im Reisesektor massiv in Bedrängnis und musste Ende 2020 restrukturiert werden. Nach einem Schuldentausch in Aktien und einer Kapitalerhöhung hielten seither mehrere Hedgefonds die Mehrheit an dem Unternehmen.