Die Koinzidenz entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Am selben Tag, als Sika in Brüssel den Best of European Business Award für ihre starke Präsenz in Europa erhielt, weihte Konzernchef Ernst Bärtschi in Suzhou, China, eine neue Fabrik ein. Mit dem Ziel, vom wachsenden asiatischen Markt noch besser zu profitieren. Es ist im Übrigen nicht die erste, es ist die sechste Produktionsanlage der Spezialitätenchemie-Firma im Reich der Mitte.

Den Preis nahm Konzernleitungsmitglied Silvio Ponti, Regionalleiter Europa Nord, entgegen. «Für mich war es ein schöner Moment und für die Sika eine etwas gar grosse Sache», sagte Ponti in typisch helvetischem Understatement. Für einmal stand eine Firma im Rampenlicht, die den öffentlichen Auftritt nicht gerade sucht. Die Firma wolle, sagte Firmenchef Bärtschi jüngst, in aller Ruhe ihre Arbeit machen. Verliehen wurde Sika der Award für kleine und mittlere Unternehmen in der Kategorie Europapräsenz. «Das ausgewogene Verhältnis von Absatz- und Produktionsstandorten war einer der Gründe für die Wahl der Sika AG», sagte António Bernardo von Roland Berger Strategy Consultants in seiner kurzen Laudatio.

Unbestreitbar ist Sika eine zutiefst europäische Firma. Ihre Wurzeln liegen im Zentrum des alten Kontinents, im Gotthard. Als die Eisenbahn elektrifiziert wurde, mussten die Tunnels gegen Wassereinbrüche abgedichtet werden. Und das erste Produkt des Unternehmens mit Heimat in Baar ZG war ein wasserdichter Mörtelzusatz. Seither ging es mit der Firma aufwärts: Sie peilt in diesem Jahr die Umsatzgrenze von vier Milliarden Franken an. Zwei Drittel dieses Umsatzes generiert der Konzern in Europa, wo rund die Hälfte der 11 000 Mitarbeiter beschäftigt ist. In Europa liegen auch 23 der insgesamt 55 Produktionsstandorte.

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In Brüssel war Sika in guter Gesellschaft. 2000 Gäste aus der europäischen Politik und Wirtschaft waren ins Messezentrum «Tour et Taxis» zur Verleihung der insgesamt sieben Awards gekommen (siehe «Die sechs Gewinner» unten). Verliehen wurden sie von der internationalen Beratungsfirma Roland Berger Strategy Consultants in Kooperation mit dem Nachrichtensender CNN. Ausgewählt wurden die Preisträger in einem mehrstufigen Prozess aus rund 8000 herausragenden europäischen Firmen – zuerst in acht nationalen Ausscheidungen. Mit der «Best of European Business»-Initiative will Roland Berger europäische Spitzenunternehmen und deren Leistungen würdigen. «Wir sind selbst eine europäische Firma», sagt Roland-Berger-CEO Burkhard Schwenker, «deshalb fühlen wir uns dem Standort Europa besonders verpflichtet.»

Für Schwenker ist Sika die ideale Preisträgerin. Sika hat sich just aus Europa heraus eine international enorm starke Marktstellung geschaffen. Sie ist in 70 Ländern vertreten und verfolgt einen gezielten, aber nicht überhasteten Expansionskurs. Zielländer sind einerseits Märkte wie die USA, in denen die Sika relativ schwach vertreten ist, und anderseits solche wie China, die ein überdurchschnittliches Wachstumspotenzial aufweisen. In Mittel- und Osteuropa ist Sika in den letzten Jahren um 20 Prozent gewachsen. Sie vergibt aber auch das Heimspiel nicht leichtfertig: Der Bau einer neuen Fabrik in Düdingen FR ist beschlossene Sache. Die hohe Marktpräsenz in der Schweiz lässt durchaus noch Terrain für eine Expansion offen.

Sika, die aktuell rund drei Milliarden Franken in der Bauchemie (Beton und Zusatzstoffe) und eine Milliarde vor allem in der Autoindustrie (Klebstoffe, Folien) umsetzt, hat in den letzten Jahren buchstäblich abgehoben. In einer Studie berechnete die Bank Vontobel, dass die Firma von 2001 bis 2006 pro Jahr um 12 Prozent zulegte beziehungsweise bis 2009 noch zulegen wird. In spätestens zwei Jahren dürfte die Fünf-Milliarden-Grenze geschafft sein. Im selben Zeitraum, so schätzen die Vontobel-Analysten, stieg der Bruttogewinn um 14, das Ebitda um 15 und der Reingewinn um satte 26 Prozent.

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Ponti betont indessen: «Wir betreiben keine Umsatzbolzerei.» Sika, die Umsatzrakete, setzt auf organisches Wachstum. In der Vergangenheit wurde mit der Übernahme der Obwaldner Sarna nur eine grössere Akquisition über rund 400 Millionen Franken getätigt. Die Übernahmen in Deutschland und Kanada dienten eher der Abrundung der Geschäftsfelder. «Wir verfolgen eine duale Akquisitionsstrategie», sagt Ponti. Es gehe darum, die Technologieführerschaft zu erreichen und sich zugleich fokussiert zu entwickeln. Auf jeden Fall aber will Sika profitabel wachsen, wie Ponti betont: «Unser erklärtes Ziel ist es, dass das Ebit, also der Ertrag, stärker wächst als der Umsatz.»