Wir stehen im IC-Doppelstockzug von Zürich nach Lausanne Anfang November. Gerade war das WC noch in Betrieb. Ein Gast tritt ein. Vor der Türe stehen Fahrgäste schlange: Sie haben die WC aller Zweitklasswagen abgeschritten – doch vergeblich. Eine einzige Toilette ist in Betrieb, ihre letzte Hoffnung. Als der Fahrgast herauskommt, passiert das Unglaubliche: Die WC-Anzeige wechselt auf Rot. Die Türe wird automatisch gesperrt und damit ist auch diese letzte Toilette zu.

Eine Mutter rennt mit ihren Kleinkindern in Richtung erste Klasse. «Schon unglaublich, dass die SBB nicht einmal den Basisdienst sicherstellen können», ärgert sich der Bahnreisende Thomas Weg. Er trifft diese Situation häufig an: «Ihr Management ist unfähig.» Ein Toiletten-Management-Problem?

Hauptursache: Verstopfungen durch Bahnkunden

Mitnichten, sagen die SBB. Man warte die Toiletten regelmässig. Dank Füllstandsmeldern sei auch eine zusätzliche Entleerung von Tanks, die früher voll sind als erwartet, «relativ gut planbar». Die SBB hätten «in den letzten Jahren die Kapazität für die Toilettenentleerung mit zwei neuen mobilen Anlagen erhöht», sagt ein Sprecher. Der Personalbestand sei «unverändert» geblieben.

Nicht planbar seien Verstopfungen, weil Passagiere sperrige Dinge hineinwürfen, die ebenfalls zu Sperrungen führten. Solche würden in gewissen Fällen «auch unterwegs» behoben. Manchmal reiche «ein Reset» durch die Zugbegleiter. Kurzum: Die Hauptursache für Störungen «an modernen Toiletten» seien Verstopfungen, für die die SBB nicht verantwortlich gemacht werden können.

Zugbegleiter sind verärgert

Anders klingt es, wenn man das SBB-Personal in den betroffenen Zügen darauf anspricht. Oft sprudelt es aus ihnen nur so heraus: «Wir haben es statt, von Passagieren dauernd wegen gesperrter Toiletten angepfiffen zu werden», sagt der Zugbegleiter in einem IC, der von Genf nach Bern Anfang Oktober unterwegs ist. Auch er sieht das SBB-Management dafür verantwortlich.

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Seit Jahren werde beim Personal und im Unterhalt gespart – «auch bei den Toilettenentleerungen». Die Lage habe sich zugespitzt. Ende September sei sie kulminiert in einem IC-Doppelstockzug von Genf nach St. Gallen: «Ein WC im ganzen Zug ist benützbar gewesen.» Dieser Fall machte beim Personal die Runde. Alle befragten Zugbegleiter hörten davon.

Bemerkenswert ist, dass die SBB über keine Angaben zur Frequenz der Sperrungen verfügen. Wie häufig sind Toiletten in IC-Doppelstöckern auf der Rennstrecke Genf–BernZürichSt. Gallen retour voll oder verstopft? Wie lange zirkulieren geschlossene Toiletten im Zug, bis sie entleert und funktionstüchtig werden?
Wie viel Prozent der nicht benutzbaren Toiletten befinden sich in der zweiten Klasse? Wie viele Fahrgäste sind täglich von nicht benützbaren Toiletten betroffen? «Die gewünschten statistischen Angaben werden nicht erhoben», antwortet ein Sprecher.

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Auch lehnt er es ab, die verantwortliche Person zu nennen. Es sei «aus unserer Sicht nicht zielführend, eine Person zu nennen». Der oberste Chef für den Personenverkehr ist Toni Häne, seit 48 Jahren bei den SBB.

«Es müssen genügend WC zur Verfügung stehen, die sauber sind und zuverlässig während der Betriebszeit funktionieren»

Die Antworten der SBB weisen auf ein systematisches Problem hin: Erstens fehlt den Verantwortlichen die Übersicht. Ohne statistische Zahlen zur Häufigkeit und Dauer der Störungen steuern sie den Unterhalt im Blindflug. Die Wartungsintervalle erfolgen nicht auf gestützte Zahlen.

Zweitens weisen die beobachteten und berichteten Einzelfälle darauf hin, dass die Toiletten vor allem gesperrt sind, weil sie nicht hinreichend geleert werden – und nicht, weil sie durch Gegenstände verstopft werden. Aller Wahrscheinlichkeit sind die WC auf der Paradestrecke Genf–Lausanne schneller voll, als es die SBB wahrhaben wollen.

Und drittens, selbst wenn die WC überwiegend wegen unsachgemässer Benützung verstopft sein sollten, können die SBB sich nicht aus Verantwortung herausreden. Es gehört zur Basisausstattung jedes Restaurants, jedes Arbeitgebers und jedes Fernverkehrsanbieters, Toiletten anzubieten. «Es müssen genügend WC zur Verfügung stehen, die sauber sind und zuverlässig während der Betriebszeit funktionieren», fordert denn auch die Präsidentin des Kundenverbandes Pro Bahn, Karin Blättler.

Die Problematik hat sich verschärft

Im Ausland, etwa in Deutschland, sei auf Fernverkehrszügen Reinigungspersonal an Bord, «das die Sauberkeit auch während der Fahrt sicherstellt». In der Schweiz wäre dies auch lösbar, sagt Blättler. «Eine Reinigungsperson könnte alle zwei bis drei Stunden pro Fernverkehrszug mitfahren und für Sauberkeit sorgen.» Blättler widerspricht den SBB auch in zwei weiteren Punkten: «Die WC-Problematik hat sich verschärft. Die Umstrukturierung und der Personalabbau haben dazu beigetragen.»

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Bahnkunde Thomas Weg empfiehlt SBB-Präsidentin Monika Ribar, «sich anstelle von wolkigen Zukunftsstrategien den Grunddienstleistungen zu widmen» – und eilt davon, um ein WC zu finden.