Den Zürichsee vor Augen, den Etzel im Rücken. Die Führungsetage des Stromriesen Axpo traf sich Anfang 2007 in malerischem Ambiente zum Kader­meeting. Im Kongresshotel in Pfäffikon SZ herrschte Festlaune. Denn die Gewinne sprudelten. Ertragsperle war die Handelstochter EG Laufenburg. Um 119 Prozent kletterte ihr Gewinn im Vorjahr – auf knapp eine Viertelmilliarde. Es war das beste ­Ergebnis in der Unternehmensgeschichte.

Emanuel Höhener stand auf dem Zenit seines Erfolgs. Als EGL-Chef war er massgeblich für die Erfolge von Axpo verantwortlich. Seine Stromhändler nutzten in den Boomjahren vor der Finanzkrise geschickt das Preisgefälle im sich öffnenden, noch schwach regulierten europäischen Markt. Daneben setzte Höhener voll auf Italien. Im südlichen Nachbarland plante und realisierte er mehrere Gaskombikraftwerke. Die italienische Elektrizität aus ­eigener Produktion soll den jährlichen Gewinn mit jedem neuen Werk um 30 bis 50 Millionen Franken erhöhen.

Umstrittene Beraterverträge

Doch an der Bar des Kongresshotels kühlte sich vor fünf Jahren die Stimmung ab. Plötzlich sei über Korruption geredet worden, erinnert sich ein Manager, der damals beim Kadermeeting dabei war. «2007 gab es leider Gerüchte bei der EGL, dass es zu Bestechungen gekommen sei», erklärt Mirko Roš, der Anwalt von Höhener. Zu den Umständen wollen sich der ehemalige EGL-Chef, der heute als Verwaltungsrat der Renova-Tochter Avelar Energy amtet, und sein Rechtsvertreter nicht äussern. Der Streit tobt nun seit Jahren, auch vor dem Richter. Er wurde mehr und mehr zum Hahnenkampf der Strombarone.

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Heute kursieren unterschiedliche Versionen darüber, was damals die Gerüchte ausgelöst hatte. Der ­damals anwesende Axpo-Manager erzählt vom «infamen Vorwurf», dass Höhener italienische Regionalpolitiker mit mehreren hunderttausend Euro bestochen haben soll. Die Gelder seien in Zusammenhang mit Kraftwerksprojekten geflossen. Eine andere Quelle aus dem damaligen Top-Management spricht von einem System von Beraterverträgen, welche die EGL im südlichen Nachbarland unterhalten habe. Die Gerüchte stünden in Zusammenhang mit ­einer ­Auftragsvergabe, weiss schliesslich ein ­Bekannter Höheners. So erhielt der italienische Kraftwerksbauer Ansaldo ein Jahr zuvor den Zuschlag für den schlüs­selfer­tigen Bau der Gaskombiwerke. Es handelt sich um einen Grossauftrag über 490 Millionen Euro. Der Vergabeentscheid sorgte damals für heftige Kritik von Schweizer ­Industriekonzernen, die bei der Vergabe auf Heimatschutz pochten.

Wirklich klar ist derzeit nichts. Fest steht einzig, dass Höhener noch im Winterhalbjahr 2007 seinen Rücktritt als EGL-Chef bekannt gab. Ein «aus persönlichen Gründen gefällter Entscheid», wie es im damaligen Pressecommuniqué heisst. «Geschäftsleitung und Verwaltungsrat ­waren darüber betrübt, dass Emanuel ­Höhener aus freien Stücken kündigte», ­erklärt ­Axpo-Verwaltungsratspräsident Robert Lombardini im Rückblick.

Im darauf folgenden Herbst trat Hö­hener dann auch offiziell aus der EGL-­Geschäftsleitung zurück. Doch die internen Gerüchte um die umstrittenen Geschäftspraktiken der Stromhändlerin in Italien hielten sich hartnäckig. Schliesslich reagierte die Axpo-Spitze: «Es gab Gerüchte von Mitarbeitern, die in Zusammenhang standen mit vermeintlichen Unregel­mäs­sigkeiten bei Kraftwerksprojekten der EGL in Italien», bestätigt Lombardini. «Und zwar, wie und weshalb gewisse Beratungsmandate in Italien vergeben wurden.» ­Daraufhin habe der Axpo-Verwaltungsrat zunächst eine interne Untersuchung an­geordnet. Sie hätten die ­Gerüchte in keiner Weise erhärten können. Schliesslich habe man 2008 eine mehrmonatige Untersuchung durch eine externe Prüfungs­gesellschaft angeordnet. Dabei seien sämt­liche bestehenden Verträge der EGL in ­Italien eingehend durchleuchtet worden. «Es konnten keine Beweise festgestellt werden, die diese ­Gerüchte gestützt hätten», betont Lombardini.

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Ungeachtet dessen reichte Höhener Anfang 2009 vor Bezirksgericht Strafklage wegen Ehrverletzung gegen Axpo-Konzernchef Heinz Karrer und den seinerzeitigen EGL-Finanzchef Andreas Rudolf ein. Axpo-Verwaltungsratspräsident Lombardini bestätigt den Sachverhalt: «Ja, Herr Karrer ist leider von der Klage betroffen.» Höheners Anwalt Roš erklärt zu der Klage schriftlich: «Im Rahmen des Ehrverletzungsprozesses geht es für meinen Mandanten darum, ­herauszufinden, wer diese Gerüchte ursprünglich gestreut hat.» Die beiden Beklagten, Karrer und Rudolf, wollen sich zur laufenden Ehrverletzungsklage nicht äussern.

Der unschöne Rechtsstreit zwischen den Männern zieht sich seit nun schon vier Jahren hin. Viel ist nicht mehr zu erwarten. Denn das mutmassliche ­Delikt ist verjährt. «Der Untersuchungsrichter konnte den Täter nicht ermitteln, weshalb damit zu rechnen ist, dass das Verfahren wegen absoluter Verjährung eingestellt wird», erklärt Roš.

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«Freispruch zweiter Klasse»

Für Höhener selbst sei die Sache aber erst abgeschlossen, wenn die Tinte auf den Gerichtsdokumenten trocken sei, heisst es aus seinem Umfeld. Eine Klagerücknahme ist damit wohl ausgeschlossen. Mit der Konsequenz, dass sowohl Karrer wie Rudolf sich mit einem «Freispruch zweiter Klasse» wegen Verjährung begnügen müssen, wie hierzu ein Jurist anfügt.

Die Vehemenz, mit welcher der ehemalige EGL-Chef juristisch gegen die ­Axpo-Führung vorgeht, überrascht. So soll Höhener noch mehrere Monate nach Ablauf der Verjährungsfrist vor Gericht einen umfangreichen Beweisantrag eingereicht haben. Dazu wurden Hausdurchsuchungen bei mehreren Personen gefordert. Angesichts der Verjährung lehnte das Gericht den Beweisantrag jedoch ab. Höhener selbst will sich dazu nicht äussern.

Ein Bekannter Höheners sieht hinter dem Rechtsstreit persönliche Animosi­täten. Der bald 68-Jährige sei ein Patron ­alter Schule, dem Vertrauen und Loyalität wichtig seien. Er fühle sich von der Axpo-Spitze – auch menschlich – ungerecht behandelt und sehe sich um seine Verdienste bei der EGL betrogen. Immerhin wurde er in Pfäffikon vor fünf Jahren ja noch als der grosse Star gefeiert.

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Steuerdelikte in Italien: Axpo soll Mehrwertsteuer umgangen haben

Ermittlungen
Die Mailänder Staatsanwaltschaft ermittelt gegen fünf hochrangige Mitarbeitende der italienischen Axpo-Tochter. Auch der Präsident des Verwaltungsrates und der Firmenchef von Axpo Italia stehen dabei im Visier der Behörden. Ihnen wird vorgeworfen, beim Handel mit CO₂-Zertifikaten – den sogenannten «certificati verdi» – Mehrwertsteuern in Millionenhöhe umgangen zu haben.

Beschlagnahmt
Die Verantwortlichen von Axpo Italia sollen in betrügerischer Absicht Rechnungen für fiktive Geschäfte in den Jahren 2009 und 2010 ausgestellt haben. In den Augen der Staatsanwaltschaft wiegt besonders schwer, dass es sich bei den Transaktionen um grenzüberschreitende Geschäfte handelte. Dazu soll Axpo Italia über eigens dafür gegründete Unternehmen CO₂-Zertifikate von ausländischen Unternehmen erworben haben. Vorsorglich beschlagnahmte die Mailänder Staatsanwaltschaft deshalb im November Sachwerte von Axpo im Wert von 80 Millionen Euro. Dies entspricht in etwa der vermuteten Höhe des Mehrwertsteuerdelikts. Solche Verfahren können Jahre dauern.

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Unschuldig
Die Axpo-Spitze betont, man nehme die Untersuchung der Mailänder Staatsanwaltschaft ernst. Es gebe jedoch keine Hinweise, dass die italienische Tochter sich in irgendeiner Weise etwas habe zuschulden kommen lassen. Offenbar sollen es Drittfirmen gewesen sein, die in Mehrwertsteuerdelikte verwickelt sind. (mil)