Rund 100 Kilometer entfernt von der Apple-Zentrale im US-amerikanischen Cupertino soll etwas Geheimes vor sich gehen. Auf einem ehemaligen Nasa-Flughafen, der Crows Landing Air Facility, werden auf 1500 Hektar Fläche mitten im Nichts autonome Fahrzeuge getestet. Auch Bosch, Mercedes und VW sollen hier ihre Prototypen getestet haben, berichteten US-Medien Anfang vergangenen Jahres.

Seitdem hat sich viel getan: Im April 2018 ließ der US-Bundesstaat Kalifornien erstmals auch Pkw ohne Lenkrad und Pedale im Straßenverkehr zu – und der Westen der Vereinigten Staaten, in dem auch das weltbekannte Silicon Valley liegt, wurde quasi zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten für den Test selbstfahrender Autos.

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So oft müssen Fahrer eingreifen.

Quelle: welt.de
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Begrenzt wird die Testfreude unzähliger Unternehmen nun wohl nur noch durch die technischen Limitationen und die strengen Augen des Department of Motor Vehicles (DMV) – vergleichbar etwa mit deutschen Straßenverkehrsbehörden. Diese sammeln in jährlichen „Disengagement-Berichten“ unter anderem, wie oft Menschen beim Test autonomer Fahrzeuge korrigierend eingreifen mussten oder in welchen Augenblicken das System die Kontrolle an den Sicherheitsfahrer zurückgab.

Fahrer müssen alle 1,1 Meilen eingreifen

Jetzt hat die staatliche Behörde für den Zeitraum von Dezember 2017 bis November 2018 Zahlen für alle Organisationen vorgelegt, die in Kalifornien eine Lizenz zum Betrieb autonomer Fahrzeuge haben – zumindest zwischenzeitlich. Denn das DMV hat die Werte wieder zurückgezogen – warum, ist nicht bekannt. Erst im Laufe der Woche sollen sie dauerhaft veröffentlicht werden. Mario Herger, der im Silicon Valley das Beratungsunternehmen Enterprise Garage Consultancy leitet, hat die Werte gesammelt. Im Vergleich zum Vorjahr hat die Liste einen prominenten Neuzugang: Apple. Denn auch der Smartphone-Riese hat erstmals einen Bericht über die Eingriffe seiner Testfahrer eingereicht.

Das Ergebnis dürfte dem i-Konzern gar nicht gefallen: Denn Apples Testfahrer mussten pro 1000 zurückgelegten Meilen insgesamt 871,65 Mal eingreifen. Das entspricht einem Eingriff jede 1,1 Meilen. Im Vergleich dazu verzeichnete Waymo, Googles verlängerter Arm für autonomes Fahren, nur 0,09 Eingriffe pro 1000 Meilen. Hier griffen Testfahrer also nur alle 11.154 Meilen einmal in die Manöver der intelligenten Autos ein.

Insgesamt waren im untersuchten Zeitraum 321 Fahrzeuge im autonomen Testbetrieb in Kalifornien unterwegs. Mit 162 Fahrzeugen belegt General Motors den ersten Platz, gefolgt von 62 angemeldeten Apple-Fahrzeugen. Deutsche Branchengrößen wie BMW oder Mercedes blieben im mittleren einstelligen Bereich zurück.

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Über das Autoprojekt von Apple wird schon seit Jahren spekuliert. Erst wollte der iPhone-Konzern dem Vernehmen nach ein eigenes Auto bauen und hatte schon Prototypen entworfen. Doch dann wurde dieser Plan aufgegeben und das deutlich verkleinerte Entwicklungsteam konzentrierte sich auf die Entwicklung von Roboterauto-Software. Dafür schickt Apple mit Kameras und Laserradaren aufgerüstete Fahrzeuge auf die Straßen in Kalifornien.

Rechnet Apple die Zahlen absichtlich schlecht?

Angesichts der hohen Eingriffszahlen liegt die Vermutung nahe, Apple habe nun auch sein Software-Vorhaben sprichwörtlich gegen die Wand gefahren. Doch die Angaben sind mit Vorsicht zu lesen: Denn die „Disengagements“ werden auf freiwilliger Basis gemeldet – und Unternehmen können sich hier einige Freiheiten erlauben, welche Vorfälle und Daten gemeldet werden.

Apple kritisierte das System deshalb bereits 2017: „Apple ist der Ansicht, dass die öffentliche Akzeptanz für die Weiterentwicklung autonomer Fahrzeuge von wesentlicher Bedeutung ist. Der Zugang zu transparenten Daten über die Sicherheit der getesteten Fahrzeuge wird dafür von zentraler Bedeutung sein. Die derzeitigen und geplanten Meldepflichten führen nicht zu diesem Ergebnis“, teilte der Konzern damals in einem Brief mit.

So wird in der Statistik etwa nicht erfasst, aus welchen Gründen die Fahrer wieder die Kontrolle über die Testautos ergriffen. Unternehmen, die auf anspruchsvollen Teststrecken unterwegs sind, müssen so wahrscheinlich häufiger in die Fahrabläufe eingreifen. Auch die Anweisung, wie vorsichtig oder risikofreudig die Tests ablaufen sollen, verändert die Zahl der Eingriffe.

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Soll zudem etwa der Übergang zwischen autonomen und manuellem Fahren getestet werden, würde das die Zahlen ebenfalls in die Höhe treiben. Und selbstverständlich beeinflusst auch der jeweilige Entwicklungsstand der Soft- und Hardware die Zahl der Eingriffe. Apple etwa schickte in der vergangenen Periode erstmals einen Bericht an das kalifornische DMV. Die Google-Tochter Waymo hingegen hatte schon 2015 insgesamt 57 Fahrzeuge gemeldet.

Angesichts der Zahlen wird im Netz sogar spekuliert, dass Apple absichtlich schlechte Zahlen meldet, um nicht die Aufmerksamkeit auf seine selbstfahrenden Autos zu lenken. Denn das Projekt befindet sich aktuell im Umbruch. Ende Januar entschied der Tech-Konzern, seine Arbeit an der Software für selbstfahrende Autos abermals neu zu strukturieren: Der unter dem Namen „Projekt Titan“ bekannt gewordene Bereich sei um mehr als 200 Mitarbeiter verkleinert worden, berichtete der US-Sender CNBC. Ein Apple-Sprecher bestätigte dem TV-Kanal, dass es Entlassungen gegeben habe und verwies darauf, dass sich das Team in diesem Jahr auf bestimmte Bereiche fokussiere.

Apple sehe aber weiterhin großes Potenzial bei autonomen Systemen, betonte der Sprecher. Zu Apple war im vergangenen Sommer Doug Field zurückgekehrt, der zuletzt eine zentrale Rolle bei der Fahrzeugentwicklung des Elektroautoherstellers Tesla gespielt hatte. Der jetzige Umbau bei Apple könnte entsprechend eine Neuordnung unter Field sein.

Dieser Artikel erschien zuerst in «Die Welt» unter dem Titel: Rechnet Apple seine Zahlen absichtlich schlecht?