Wieder einmal sind es chinesische Investoren, die bei den europäischen Investmentbanken und Übernahmeberatern alles ins Rollen bringen. Diesmal geht es um den Bau von Lokomotiven und seit einigen Wochen ist klar: Der chinesische Konzern CRRC will den tschechischen Schienenfahrzeughersteller Škoda Transportation übernehmen – ­einen Konkurrenten von Peter Spuhlers Stadler Rail.

Niemand zweifelt daran, dass die Karten in der Branche neu gemischt werden, sollte der 2-Milliarden-Dollar-Deal zustande kommen. CRRC, der weltgrösste Schienenfahrzeugkonzern, könnte erstmals direkt in Europa als vor Ort produzierender Akteur mit lokalem Know-how auftreten. Im hochregulierten Bereich des öffentlichen Transportes ist das entscheidend.

660 Millionen Franken blockiert

Das Problem ist nur: Die Übernahme von Škoda Transportation ist ein heisses Eisen. Der Grund sind hängige Verfahren in der Schweiz gegen einige der mutmasslich aktuellen oder ehemaligen Eigentümer des Zugbauers. Diese tschechischen Manager sind vor drei Jahren vom Bundesstrafgericht in Bellinzona erstinstanzlich wegen Betrugs und qualifizierter Geldwäscherei zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. In der Angelegenheit sind in der Schweiz auf Antrag der Bundesanwaltschaft noch immer 660 Millionen Franken blockiert. Gegenwärtig befindet das Bundesgericht über den Fall. Eine Verjährung droht nicht unmittelbar. Trotzdem warten alle Beteiligten auf ein klärendes Urteil.

Doch die tschechischen Manager müssen nicht nur das Bundesgericht fürchten. Auch Tschechien ist nun in dieser Angelegenheit überraschend aktiv geworden. Im Oktober schlug die dortige Antikorrup­tionspolizei vor, Strafanzeige gegen sechs Personen einzureichen, darunter die mutmasslich starken Männer, die bei Škoda Transportation im Hintergrund wirkten. Gut informierte Kreise berichten, ein Strafverfahren sei bereits eröffnet.

Transaktionen über Freiburg und Zug

Der Fall geht auf die Privatisierungswelle in Tschechien in den 1990er Jahren zurück. Damals – so heisst es in den Akten des Bundesstrafgerichts in Bellinzona – hätten mehrere Manager des staat­lichen Kohlekonzerns Mostecká Uhelná Společnost (MUS) im grossen Stil Vermögenswerte des Unternehmens unterschlagen. In einer ersten Phase ging es um umgerechnet mehrere hundert Mil­lionen Franken.

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Mit dem Geld kauften die Manager heimlich Aktien von MUS und übernahmen den Konzern schliesslich vollständig, um ihn einige Jahre später mit sattem Gewinn weiterzuverkaufen. Eine entscheidende Rolle bei diesem Coup spielten Schweizer Firmen in Freiburg und Zug, über welche zahlreiche Transaktionen abgewickelt wurden. Mehr als 1 Milliarde Franken sollen sich schliesslich in der Verfügungsgewalt der tschechischen Manager angesammelt haben. Ein grosser Teil davon lagerte in der Schweiz.

Geld auf hundert Schweizer Konten

660 Millionen Franken liess die Bundesanwaltschaft auf hundert Konten von Schweizer Banken blockieren. Doch viele weitere Millionen Franken dürften den Weg in andere Gesellschaften im Ausland gefunden haben, welche die Manager laut tschechischen Berichten allerdings ebenfalls kontrollierten. Zu ihnen gehöre etwa die Firma Appian.

Und diese Firma Appian steht wieder im Scheinwerferlicht: Sie hatte 2003 das tschechische Konglomerat Škoda übernommen, als es im Zuge der Privatisierungswelle zur Disposition stand. Das Geld für den Deal stammte mutmasslich aus dem MUS-Coup und tschechische Medien sprachen von ähnlichen unlauteren Machenschaften wie bei der MUS-Übernahme. Gerichtlich erhärtet wurde das allerdings nie; die Beteiligten beteuerten stets ihre Unschuld.

Teures Angebot

Škoda wurde schliesslich verschlankt und als Zugbauer Škoda Transportation unter anderem an die Manager von Ap­pian verkauft, also zum Teil an dieselben Leute, gegen welche die Bundesanwaltschaft jahrelang ermittelt und Aktenordner angelegt hatte.

Für potenzielle Käufer von Škoda Transportation sind solche Umstände immer unangenehm. Es bleibt Unsicherheit. Doch für den Interessenten CRRC bietet sich eine einmalige Chance. Bisher gelang es keinem chinesischen Hersteller, in Europa Fuss zu fassen. CRRC soll 2 Milliarden Franken für Škoda Transportation bieten. Das gilt in der Branche als viel. Offenbar will CRRC unter allen Umständen vorankommen.

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