Die Wettbewerbskommission (Weko) untersucht wegen möglicher Preisabsprachen mehrere Pharmaunternehmen, die den Wirkstoff Scopolaminbutylbromid herstellen und vertreiben. Der Verdacht: Die Zulieferer könnten den Verkaufspreis dieses Wirkstoffs hochgehalten und sich die Märkte nach Gebieten aufgeteilt haben. 

Scopolaminbutylbromid wird für Medikamente gegen krampfartige Bauchschmerzen, Nierenkoliken und Gallen- und Blasenkrämpfe eingesetzt – etwa im bekannten Krampflösemittel Buscopan. In der Schweiz ist Buscopan das einzige zugelassene Medikament mit diesem Wirkstoff. Das Mittel gegen Bauchkrämpfe ist rezeptfrei verkäuflich und nicht auf der Spezialitätenliste. Hergestellt wird es vom französischen Pharmaunternehmen Sanofi, das den Wirkstoff auch in die Schweiz importiert.

Nun ermittelt die Weko gegen elf internationale Pharmafirmen, darunter drei Schweizer (Alchem Europe, Linnea und DCS Pharma), drei deutsche (Boehringer Ingelheim, Globe Chemicals und Transo-Pharm), drei indische (Alchem Internationa, Alkaloids, Vital Laboratories), eine australische (Alkaloids of Australia) sowie eine aus Luxemburg (C2 Pharma). Die Firmen verkaufen Scopolaminbutylbromid an andere Medikamentenhersteller weiter.

Am 19. September führte die Weko an drei Firmensitzen in der Schweiz Hausdurchsuchungen durch, nämlich in Genf, Basel und Riazzino (TI). In derselben Woche stattete das EU-Kartellamt einem der verdächtigten Unternehmen einen Besuch ab. Ein Sprecher von Boehringer Ingelheim bestätigt gegenüber der «Handelszeitung», dass die Behörde Mitte September vor Ort Einsicht in Unterlagen nahm. 

EU-Kartellbehörde ermittelt

Denn gegen die Unternehmen im europäischen Ausland hat die Weko selbst keine Handhabe. Daher arbeitet sie im Rahmen des Kooperationsabkommens zwischen der Schweiz und der EU mit der Europäischen Kommission als der zuständigen Wettbewerbsbehörde zusammen.

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Auch Weko-Direktor Patrik Ducrey bestätigt, dass die EU-Kommission am Fall dran sei. Ob bereits eine formelle Untersuchung läuft, ist unklar, die Europäische Kommission hat sich auf Nachfrage nicht dazu geäussert.

Zu der Frage, wie die Preisabsprachen zwischen den Unternehmen genau aussehen und welche Märkte betroffen sind, wollte sich Ducrey zum jetzigen Stand der Untersuchungen nicht äussern. Das Verfahren könnte bis zu zwei Jahre dauern.

Das bekannteste Unternehmen auf der Weko-Liste ist Boehringer Ingelheim – zweitgrösster deutscher Pharmakonzern mit 17,5 Milliarden Umsatz im vergangenen Jahr und unter den 20 grössten Pharmaunternehmen der Welt. 

Boehringer Ingelheim stellt Scopolaminbutylbromid zwar her, vermarktet den Wirkstoff allerdings nicht selbst, sondern liefert ihn an C2 Pharma in Luxemburg, mit dem es einen exklusiven Liefervertrag hat. 

Millionenmarkt mit Buscopan

Früher stellte Boehringer Ingelheim Buscopan selbst her, bis das Unternehmen vor einigen Jahren den Bereich Consumer Health an die französische Sanofi verkaufte – und damit das Buscopan-Geschäft. Bis vor dem Verkauf an Sanofi erzielte der Konzern mit dem Präparat Buscopan im Jahr 2016 einen Umsatz von rund 236 Millionen Euro.

Sanofi könnte finanziell negativ durch die Preisabsprache betroffen sein. Auf Anfrage der «Handelszeitung» sagt eine Sanofi-Sprecherin, das Unternehmen sei nicht Teil der Untersuchung, stehe aber mit der Weko in Kontakt. Ob Sanofi durch die höheren Preise geschädigt worden ist, wisse das Unternehmen zum jetzigen Zeitpunkt nicht. 

Die Untersuchungen sind erst am Anfang. Mit dem Aufruf im Bundesblatt sucht die Weko nun nach weiteren Zeugen. Das Kartell könnte aufgeflogen sein, weil einer der Beteiligten Hinweise an die Wettbewerbshüter gab. Nach der Kronzeugenregelung würde dieser straffrei aus dem Kartellverfahren hervorgehen. Sanofi jedenfalls hat sich nach Auskunft der Unternehmenssprecherin bei der Weko nicht beschwert.

Vitaminkartell mit Rekordbussen

Der Fall erinnert an das Vitaminkartell, das Ende der 90er Jahre aufflog. Damals waren etwa 60 Firmen weltweit in eine Preisabsprache für Vitamine involviert. Die EU-Kommission verhängte 2001 Rekordbussen von 855 Millionen Euro gegen acht Unternehmen, darunter Roche und BASF. Die Hauptlast hatte Roche mit 462 Millionen zu tragen. Die USA hatten zuvor bereits eine halbe Milliarde Dollar Busse gegen die Basler verhängt.

Die Weko ermittelte zwar auch in dem Fall, konnte aber aufgrund der damaligen Gesetzeslage keine Busse gegen Roche aussprechen. Erst seit 2005 können die Schweizer Wettbewerbshüter direkte Sanktionen verhängen. Je nach Schwere des Verstosses gegen das Wettbewerbsrecht und der Grösse der betroffenen Märkte, können dies zwei- oder dreistellige Millionenbeträge sein.