Paul O’Neill gab sich ungewohnt siegesgewiss. Die amerikanische Regierung werde künftig auf die rückhaltlose Anwendung der bestehenden Bilanzierungsregeln pochen, versprach der sonst eher blasse US-Finanzminister Anfang März vor dem renommierten Economic Club of Chicago. «Wir erwarten mehr Transparenz bei den Quartalsberichten und werden neue Regeln für die Bestrafung von Firmenchefs durchsetzen.»

Was den als zögerlich geltenden Exchef des Aluminiumriesen Alcoa derart auf Trab gebracht hatte, war allen Zuhörern klar, auch wenn O’Neill die Erwähnung von Enron in Chicago tunlichst vermied. Der Skandal um den Energiehändler hat in den USA eine erregte Debatte über Konzernethik und die Verantwortung von Firmenchefs losgetreten. Hatte bis vor kurzem kaum ein Unternehmenschef das Wörtchen «Risiko» in der Agenda, ist seit dem Bankrott des einstigen Highflyers aus Houston auch dem letzten Chief Executive klar: Nicht mehr nur die Krise an den Märkten oder fehlende Innovationen können Aktiengesellschaften in den Ruin stürzen, sondern auch Schwächen in der Rechnungslegung. Das böse Wort von der «Enronitis» machte die Runde: Wer auch nur in Verdacht geriet, seine Bilanz schöngerechnet zu haben, wurde mit dramatischem Kursverfall bestraft.
Konzernchefs werden für ein Fehlverhalten künftig
wohl stärker büssen müssen – rechtlich und finanziell.
Doch auch Aufklärer O’Neill steht unter erheblichem Druck. Schliesslich gelang es seinen Untersuchungsgremien bisher nicht, juristisch verwertbare Vorwürfe gegen die ehemaligen Enron-Chefs Jeffrey Skilling und Kenneth Lay zu erheben. Dem Finanzminister fehlen die rechtlichen Hebel: Die Gesetze, an die sich Konzernchefs halten müssen, sind zu lasch. Bisher können Unternehmenslenker nur belangt werden, wenn sie ihre Aktionäre bösartig und aktiv in die Irre geführt haben. Geht es nach O’Neill, sollen in Zukunft Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder auch dann bestraft werden können, wenn sie grob fahrlässig gehandelt oder ihren Anteilseignern aus reiner Nachlässigkeit geschadet haben. Und die zuständigen Manager müssen dafür sorgen, dass den Investoren, aber auch den Mitarbeitern genügend Informationen über die wirtschaftliche Lage und die Erfolgsaussichten des Unternehmens gegeben werden.

O’Neill sitzt einem neu bestellten Gremium von Politikern und Regulierern vor, das im Auftrag von US-Präsident George W. Bush die Folgen des Enron-Debakels für die Bereiche Unternehmensführung und Veröffentlichungspflichten diskutiert. Auch der US-Notenbankchef Alan Greenspan und Harvey Pitt, der Chef der US-Wertpapieraufsicht SEC, gehören dem Reformkomitee an. Das Gremium berät unter anderem, wie die Kontrollen von Wirtschaftsprüfern künftig verschärft werden könnten. Ausserdem erwägt die Gruppe, eine neue Kommission zur Selbstkontrolle von Unternehmenschefs einzuführen. Dieser Ausschuss könnte dann etwa im Auftrag von Aktionären Untersuchungen starten und intervenieren. Auch ist es möglich, dass die Börsen NYSE und Nasdaq neue Kontrollkompetenzen erhalten. Pitt hat die beiden Börsen bereits angewiesen, rechtlich zu prüfen, ob ihre Verträge mit gelisteten Unternehmen eine schärfere Kontrolle zulassen.

Nicht nur rechtlich, auch finanziell könnten Konzernchefs künftig die Folgen von Fehlverhalten deutlicher zu spüren bekommen. So plädierte Pitt dafür, Unternehmensleitern jene Gewinne wieder abzunehmen, die sie eingestrichen haben, wenn sie kurz vor einem Kurseinbruch Aktien verkauft haben. Geld zu kassieren, das man nicht verdient hat, sei «unamerikanisch», sagte Pitt zu diesem möglichen Durchgreifen gegen Insidergeschäfte.

Ausgesprochen zügig hatte sich Washington in den Wochen nach dem Kollaps von Enron auf den Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen LLP eingeschossen. Dessen Chef, Joseph Berardino, warf Ende März entnervt das Handtuch. Der Wirtschaftsprüfer steht am Pranger, weil er die dubiose Enron-Buchführung abgesegnet hat. Der für Andersen wohl finale Keulenschlag kam aus dem Justizministerium: eine Anklage wegen Justizbehinderung, weil im Andersen-Büro in Houston im Herbst kistenweise Enron-Dokumente vernichtet worden waren. Mehr als 60 Grosskunden in den USA hatten Andersen in der Folge gekündigt. Auch die US-Regierung wies die Ministerien an, auf Andersens Dienste zu verzichten. Der Wirtschaftsprüfer fiel daraufhin auseinander. «Die Klage hat das Schicksal von Andersen besiegelt», sagt Arthur Bowman, der den Branchendienst Bowman’s Accounting Report herausgibt.

Auch die grossen Wall-Street-Häuser könnte die Affäre Enron noch in Bedrängnis bringen. Ermittler des US-Kongresses nehmen derzeit Mitarbeiter von Banken wie Merrill Lynch, Lehman Brothers, Citigroup, Wachovia, Credit Suisse First Boston und JP Morgan Chase in die Mangel. Im Zentrum steht dabei die Frage, weshalb die Analyseabteilungen der Banken ihre Kaufempfehlungen aufrechterhalten haben, obwohl Enron bereits tief in der Krise steckte. Bei den Ermittlungen des US-Kongresses soll herausgefunden werden, ob Enron Druck auf die Banken ausgeübt hat. So sei vorstellbar, dass der Energiehändler damit gedroht habe, den Geldhäusern das lukrative Beratungsgeschäft zu entziehen. Vor allem geht es um den Vorwurf, Enron habe die Vergabe von Beratungsaufträgen an die Investition in ihre umstrittenen Partnerschaften geknüpft. Insgesamt gab es bei Enron fast 3000 derartige ausserbilanzliche Partnerschaften. Mit ihrer Hilfe wurden die Gewinne künstlich aufgebläht; zugleich konnte das Unternehmen Schulden verstecken, während sich einige wenige Manager bereicherten. Den Wall-Street-Banken droht auch von anderer Seite Ungemach: Tausende ehemaliger Enron-Aktionäre wollen Häuser wie Goldman Sachs, Salomon Smith Barney und JP Morgan Chase und UBS PaineWebber verklagen, weil sie die Aktie von Enron zu lange auf ihrer Empfehlungsliste hatten, ihnen Geld geliehen oder sich um Beratungsaufträge bemüht haben. «Die Klage kommt», sagt der Justiziar des US-Gewerkschaftsbundes AFL-CIO.

Derweil nimmt der Druck auf US-Unternehmen zu, ihre Bilanzierungspraktiken zu ändern. Als erstes Grossunternehmen kündigte der IT-Konzern IBM an, man werde künftig mehr Details zum Unternehmensergebnis veröffentlichen. Die IBM-Aktie hatte gewaltige Einbussen nach Berichten hinnehmen müssen, das Unternehmen habe bei der Bilanzierung zwar keine illegalen, aber doch unübliche Methoden angewandt. IBM sei «das erste Unternehmen dieser Grösse, das mit dem neuen Bilanzmikroskop untersucht wird», sagte Robert Willens, Analyst bei der Investment-Bank Lehman Brothers. Er erwarte, dass künftig die Bilanzen sämtlicher Unternehmen kritischer als bisher geprüft werden.

Und das aus gutem Grund: Wurden die US-GAAP-Normen in der Vergangenheit als Inbegriff einer fairen und vertrauenswürdigen Bilanzierung gepriesen – man sprach von einem System der gläsernen Taschen und sah in ihm einen Garanten gegen plötzliche Unternehmenspleiten –, gab es nach Enron ein böses Erwachen. Die Realität zeigte: Die Qualität der publizierten Rechnungslegungsdaten hängt nicht allein von den einzelnen Bilanzierungsnormen ab. Vielmehr wird sie vom Bilanzierungsumfeld, insbesondere aber von der Mentalität des Bilanzierenden, den Anforderungen des Kapitalmarkts und den Kontrollmechanismen geprägt. Vor Enron galt die Rechnungslegung in den USA als eine tragende Säule der Öffentlichkeitsarbeit eines Unternehmens. Diese Sichtweise ist jetzt angekratzt.
Die immer engere Verknüpfung zwischen Entlöhung und
Aktienkurs verstärkt die Gefahr von Bilanzdelikten.

Zu Mauscheleien führt vor allem der Erwartungsdruck an den Bilanzierenden selbst. Von einem erfolgreichen Unternehmen wird erwartet, dass gesetzte Umsatz- und Gewinnziele erreicht oder gar übertroffen werden. Der aussen stehende Analyst oder Investor geht dabei von der Einhaltung abgegebener Prognosen aus. Werden diese Erwartungen nicht erfüllt, wird das Unternehmen vom Kapitalmarkt gnadenlos abgestraft. Der Siegeszug der Shareholder-Value-Konzepte hat diese Entwicklung der Orientierung an Kennzahlen noch verstärkt und so den Leistungsdruck auf das Management erhöht. Vor diesem Hintergrund werden die Erwartungen faktisch zu einer um jeden Preis zu erfüllenden Vorgabe. Das so genannte Earnings-Game oder Earnings-Management verführt dazu, das Bilanzrecht nicht im Sinne einer möglichst fairen Bilanzierung auszulegen. Getreu dem Motto, dass alles erlaubt ist, was nicht ausdrücklich verboten ist, neigt der Bilanzierende dazu, bestehende Spielräume auszureizen und Lücken zu nutzen. Die Grenze zwischen dieser Grauzone und dem Bilanzdelikt wird fliessend.

Durch die immer enger werdende Verknüpfung zwischen der Entlöhnung des Managements und dem Aktienkurs wird diese Tendenz noch verstärkt. In den USA spielen aktienbasierte beziehungsweise unternehmenswertorientierte Vergütungsmodelle für das Management inzwischen eine grosse Rolle. Dass das Management diese Auswirkungen auf die Vergütung in die Bilanzierungsentscheidung einbezieht, ist allzu verständlich.

Die Untersuchung der Enron-Pleite fördert denn auch ein bislang kaum vorstellbares Mass an krimineller Energie bei Topmanagern zu Tage. Verluste und Risiken wurden systematisch vertuscht. Die Bosse versorgten sich derweil mit lukrativen Verträgen. Der demokratische Senator Joseph Lieberman, Vorsitzender des Ausschusses für Regierungsangelegenheiten im US-Senat, brachte seine Empörung auf den Punkt: Der Kapitalismus in seiner heutigen Form baue zu sehr auf den Eigennutz. Der Nobelpreisträger Gary Becker von der University of Chicago argumentierte dagegen, bei aller Tragik um den Bankrott von Enron habe die Marktwirtschaft hier eine enorme Selbstreinigungskraft bewiesen: Der faule Apfel Enron wurde aussortiert, ohne dass dabei die gesamte Energieversorgung des Landes zusammengebrochen wäre – den Umschlag von Gas und Elektrizität hatten nach der Pleite Enrons schnell Konkurrenten übernommen.

Gleichzeitig habe die Marktwirtschaft eine ureigene Institution zu bieten, die ein wirksames Korrektiv bilde: den Finanzmarkt. Im Fall Enron habe er mehr als deutlich reagiert. Nach der grössten Pleite der Wirtschaftsgeschichte laute die Botschaft der Märkte mehr denn je: Mit frischem Geld kann nur rechnen, wer eine klare Struktur, eine eindeutige Strategie und saubere Bücher vorweist.

In einem waren sich Lieberman und Becker allerdings einig: Wo viel Geld im Spiel ist, kann auch viel erschlichen werden. Und deshalb müsse es in der Wirtschaft Spielregeln geben, über deren Einhaltung im Extremfall auch der Staat zu wachen habe. Und genau hier liegt das Problem in Zeiten der Globalisierung. Experten – egal ob vom Staat oder von Privaten bezahlt – fällt es zunehmend schwer, multinationale Konzerne zu überblicken. Wenn etwa, wie im Fall Enron geschehen, namhafte Wirtschaftsprüfer gefälschte Bilanzen testieren, muss dies nicht heissen, dass sie bestochen waren. Solches Versagen ist immer häufiger auch schlicht das Ergebnis von Überforderung.

Derweil ruderten Paul O’Neill und seine Kollegen nach wuchtiger verbaler Anfangsoffensive schon wieder ein Stück zurück. Kritiker des Reformgremiums bemängelten bereits, dass es bisher keine verbindlichen Vorschläge vorgelegt habe und immer noch debattiere. Ein zweites Komitee, das Bush nach der Enron-Pleite eingesetzt hat und das neue Richtlinien für Rentenverträge erarbeiten soll, hat bereits einen schriftlichen Bericht vorgelegt. Die Bush-Regierung dürfte nur ungern, so der Vorwurf, gegen jene Topkonzerne vorgehen, die den Wahlkampf des Präsidenten mitfinanziert haben. Zu einer Vereinfachung zivilrechtlicher Klagen von Aktionären gegen Unternehmenslenker wird es vorerst wohl auch nicht kommen. Allein die Wertpapieraufsicht, die Börsen oder das neu zu schaffende Selbstkontrollgremium sollen künftig härter durchgreifen können.

O’Neill liess damit seine weit reichende Reformidee fallen, Konzernchefs künftig den Abschluss einer Versicherung zu verbieten, die sie vor Kosten aus Aktionärsklagen schützt. Nun sagte O’Neill, er zweifle daran, ob er diese Idee wirklich dem US-Präsidenten vorlegen solle. Wenn Konzernchefs Aktionären willentlich schadeten, würde die Rechtsschutzversicherung ja sowieso nicht zahlen.
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