Sie haben zwei Jahre lang für Amazon gearbeitet, mit ­einem Büro auf dem gleichen Stock wie der Firmengründer. Wie ist Jeff denn so?
Andreas Weigend: Ein toller Typ, hochintelligent. Jeff Bezos kann im Bruchteil einer Sekunde vom makroskopischen in den mikroskopischen Bereich umschalten. Das habe ich in dieser Art noch nie bei jemandem gesehen.

Ein anstrengender Mensch?
Überhaupt nicht. Nach jedem Meeting in Bezos’ Büro kommt man mit der doppelten Energiemenge raus, die man reingetragen hat. Wobei da wohl ein Unterschied zwischen europäischer und US-amerikanischer Führungskultur mitspielt: In den USA wissen die Chefs, dass Animation ein wichtiger Teil ihres Jobs ist.

Amazons Paraderolle: überall Daten sammeln und ­verwenden. Wie heikel ist das?
Was die Menschen hassen, ist, wenn Firmen Daten inkompetent erheben oder sie gegen ihre Kunden verwenden. Bei Amazon ist das anders: ein einziger Knopfdruck – und es funktioniert. Pure Datenkompetenz.

Wenn ein Unternehmen schon alle Daten abfischt, soll es das wenigstens richtig machen?
Etwa in der Art, ja. Ein Unternehmen zwingen, Daten zu löschen, macht jedenfalls keinen Sinn. Auch deshalb nicht, weil die Kunden es überhaupt nicht mögen, ihre Informationen immer wieder neu einzugeben.

Aber natürlich gibt es da ein Thema, das ich «Datendilemma» nenne. Daten können für alles mögliche verwendet werden. Die ultimative Testfrage dazu: Entstehen dem Kunden Nachteile daraus, dass seine Daten gespeichert und verwendet werden?

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Sollten Unternehmen wie Amazon ihre Kunden dafür ­bezahlen, dass sie der Firma mit ihren Daten die Grundlage dafür liefern, noch mehr Business zu machen?
Das ist eine Frage, die von veralteten Denkmustern zeugt. Die Daten eines einzelnen Users sind ja an und für sich wertlos; erst die aggregierte und anonymisierte Datenmenge hat einen Wert.

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Geld wäre die falsche Menge, um Daten abzugelten. Der Konsument erhält ja etwas Wertvolles von Amazon: intelligente Entscheidungshilfen.

Drohen aus der aggregierten Datenfülle überhaupt ­keine Gefahren?
Bestimmt gibt es Gefahren. Aber wohl solche, die wir heute noch gar nicht sehen. Der korrekte Umgang mit ­Daten ist immer auch eine Frage der Fairness. Und diese muss man zuerst einmal definieren.

«Selbst Milliardenstrafen bringen hier rein gar nichts.»

Wie soll man ein Unternehmen fair sanktionieren, wenn es zu dominant oder zu datenmächtig wird? Es in ­Einzelteile aufbrechen?
Das ist keine gute Lösung, weil der Konsument dabei verliert. Kunden profitieren bei den heutigen Tech-Firmen meist von der Verbindung von Dingen, die zuvor nicht verbunden waren. Empfehlungen oder Erfahrungen von anderen Usern etwa. Oder sie profitieren von Wissen, wie es früher kaum abrufbar war, etwa bei ­Google Maps. Wie viel würden die Menschen zahlen, nur damit Google nicht abgestellt wird?

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Sind finanzielle Strafen die bessere Lösung?
Davon würde ich abraten, weil auch vermeintlich hohe Summen wenig bewirken. Selbst Milliardenstrafen bringen hier rein gar nichts.

Wenn man einmal eine ­solche Summe durch die Anzahl der Kunden eines Tech-Unternehmens teilt, kommt man darauf, dass das oft weniger als 1 Euro pro User ist. Dafür gibts ja nicht mal einen Kaffee.

Welches ist die harte Währung der Sanktionierung, mit möglichst abschreckender Wirkung?
Am stärksten wirkt da wohl das Gefängnis.

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