Fokus, Fokus, Fokus: Das ist die Botschaft des Mario Irminger. Und der neue Migros-Chef lässt diesem Schlachtruf Taten folgen. Der orange Riese, der in den letzten zwei Jahrzehnten übermütig und unter-kontrolliert in die Breite wuchs, soll rigoros abgespeckt werden. Ideen-Labor Sparrow Ventures: eingestampft. Brillen und Hörgerätehändlerin Misenso: rausverkauft. Hotelplan Group und Mibelle: auf der Resterampe. Melectronics: bereits entsorgt. SportX, Micasa, Bike World, Do it + Garden – nichts wie weg damit.

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Diese rasante Reorganisation fordert nicht nur interne Opfer, sie verwirrt auch ihre 2,3 Millionen Eigentümerinnen und Eigentümer. Also die Genossenschafter, denen die Migros qua Saga gehört. So gross ist die M-Konfusion offenbar, dass der orange Riese diese Woche in seinem «Migros-Magazin» gleich zwei Seiten freimacht, um der geneigten Leserschaft (und Kundschaft) den Umbau zu erklären. Dass die Miros am Grundproblem ihrer aufreibenden genossenschaftliche Zehnteilung krankt, steht dort natürlich nicht. Dafür gedrechselter Berater-Sprech: «Schlankere Strukturen und weniger Komplexität ermöglichen Investitionen in neue Läden und tiefere Preise

Migros-Umbau: Excel-Liste versus Mitarbeiter-Motivation

Was Mario Irminger anpackt, ist nötig. Zu lange hat sich der orange Riese mit Wachstumsplänen verlustiert, die ihn vom eigentlichen Pfad und von der Rentabilität weggeführt haben. Klar, als Genossenschaft steht nicht der Profit oben auf der Purpose-Liste. Aber ohne stabile Gewinne lassen sich die ambitionierten Investitionen nicht stemmen. Und ein oranger Riese, der fast nur dank seiner Bank floriert und damit ein Klumpenrisiko in der Erfolgsrechnung hat, ist wohl auch nicht im Sinne des Erfinders.

Wie sehr Irminger ins Räderwerk greift, ist ihm wohl bewusst. In einem Interview mit der «Sonntagszeitung» braucht er dafür ein Wort, das man oft auf dem Pausenplatz, aber selten aus der Teppichetage hört: «Krass». Der Migros-Chef nennt seinen Plan, in den Supermärkten vermehrt Produkte aus der eigenen Industrie in die Gestelle zu bringen und dafür weniger beliebte Markenartikel auszulisten, «einen krassen Bruch» zur bisherigen Strategie. Recht hat er.

Was aber ebenso krass ist: Der Migros-Chef will die eigene Industrie einerseits mit einem weitgehenden Verzicht auf Ausland-Exporte herunterfahren – und anderseits im Inland gleichzeitig wieder hochfahren. Ob er damit neben allen anderen maximal-invasiven Eingriffen dem System nicht zu viel zumutet und sich so beim Ab- und Umbau nicht selber verzettelt?

Eines darf auch ein Migros-Chef nie vergessen: Was auf seinen Excel-Listen steht, ist das eine. Wie man dabei aber die verbliebenen Leute motiviert und auf die anstehende Reise mitnimmt, das andere. Und dieses andere ist dann oft krasser als gedacht.

 

 

Andreas Güntert
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