Wenige verstehen in diesem Land mehr von der Macht. Und kaum jemand versteht die Macht wie er. Es ist kein schöner Spruch, wenn Vasco Pedrina beteuert, er wolle «keinen Personenkult betreiben». Es geht ihm nicht um die Macht für sich selber, sondern für die Bewegung, die er anführt. Schliesslich hat er es vor dreissig Jahren als Trotzkist so gelernt.

Damals zerfiel die ausserparlamentarische Linke in Splittergruppen, die sich gegenseitig erbitterter bekämpften als den Klassenfeind. Die leninistischen Progressiven Organisationen (Poch) setzten auf die Eliten, die in den Parlamenten als Vorkämpfer auftreten sollten; die trotzkistische Revolutionäre Marxistische Liga (RML), die spätere Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), glaubte an die Bewegung der Werktätigen, die sie wieder zu Arbeitskämpfen anstacheln wollte – damals mit geringem Erfolg.

Wie der 1950 geborene Pedrina, Bäckerssohn aus Airolo und Wirtschaftsstudent in Freiburg, kämpften die führenden Köpfe rund um die Uhr für die Partei. Sie entwickelten gesellschaftliche Analysen und entwarfen langfristige Perspektiven, wie die Arbeiterklasse die Macht erringen sollte. Und auch diese Elite machte sich auf zum langen Marsch durch die Institutionen – nicht in der Politik, sondern in den Gewerkschaften.

Vasco Pedrina stieg 1980 als Sekretär beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) ein und wechselte 1988 zur Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI), wo er bald das Präsidium eroberte. Ab 1995 führte er mit Smuv-Chefin Christiane Brunner auch den SGB, und seither näherten sich Bau- und Metallarbeiter an, bis zur Fusion in der Unia, die GBI und Smuv Ende 2004 besiegelten. Dabei zog Vasco Pedrina seine Seilschaft von alten Trotzkisten immer nach, vor allem die Vordenker Andreas Rieger und Hans Hartmann. In der mächtigsten Gewerkschaft sitzen deshalb Männer an einflussreichen Stellen, die – wie Altgediente höhnen – «noch kein Mitglied vor Ort organisiert haben».

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Die Sozialdemokraten galten in der GBI wenig. Seit der Fusion passen sich denn auch die Spitzen des sozialdemokratisch geprägten Smuv an. Renzo Ambrosetti geniesst den Titel des Co-Präsidenten, André Daguet vertritt als Kommunikationschef die harte Linie gegenüber der Öffentlichkeit: Der Nationalrat und Ex-Generalsekretär der SP lernte einst von Peter Bodenmann, wie man Kampagnen führt – dieser bemühte sich als SPS-Präsident vergeblich um den Schulterschluss mit den Gewerkschaften.

In der Unia setzt sich der Kurs der GBI durch, sichtbar an den Arbeitskämpfen vom Flughafen-Taxi bis zu Swissmetal: Der Meister des Streikführens ist der Alt-Trotzkist Hansueli Scheidegger. Nur wenn sie im eigenen Unternehmen Niederlassungen aufheben und Arbeitsplätze abbauen, handeln die Unianer wie Kapitalisten – aber selbstverständlich geschieht das im Interesse des werktätigen Volkes.

Die Bundesgenossen

Nicht einmal als Co-Präsident des SGB liess sich Vasco Pedrina zu einer Kandidatur für den Nationalrat drängen. Getreu der trotzkistischen Doktrin, dass die wahre Macht in den Händen der Werktätigen liegt, strebte er nie ein Amt in der Politik an.

Dank Verbündeten im Parlament setzt er seinen Willen dennoch durch: gegenüber Wirtschaftsminister Joseph Deiss, der den Gewerkschaften vor der Abstimmung über die Freizügigkeit weit entgegenkam, und vor allem bei den Sozialdemokraten, wo die Syndikalisten den Tarif durchgeben. So die SP-Nationalräte und Unia-Geschäftsleitungsmitglieder André Daguet und Jean-Claude Rennwald, die den hemdsärmligen Stil der Gewerkschafter gegenüber den Genossen mit weissem Kragen pflegen. Oder Paul Rechsteiner, der Pedrina als SGB-Präsident ablöste und auch vor Gericht vertritt.

Bei den Grünen und den Alternativen im Nationalrat brauchen die Gewerkschafter diesen Brachialstil nicht: Hier sitzen alte trotzkistische Vertraute wie der Zuger Jo Lang oder die Waadtländerin Anne-Catherine Menétrey. Und die Bernerin Therese Frösch: Mit ihr lebte Pedrina einst in einer WG.

Die Sprachrohre

Wie liessen sich die Massen besser mobilisieren als mit den Massenmedien? Die Trotzkisten, die einst das Sektiererblättchen «Bresche» verteilten, führen ihren Kampf jetzt via Schweizer Fernsehen und «Blick»: Die Streiks der letzten Monate waren eine erstklassige (unbezahlte) PR-Kampagne.

Unter den vielen Fernsehjournalisten, die den Gewerkschaften freundlich gesinnt sind, steht ihnen eine besonders nahe: Irene Loebell. Die Frau von SGB-Präsident Paul Rechsteiner machte sogar Beiträge über Gewerkschaftsthemen, bis der mit der Linken vertraute Chefredaktor Ueli Haldimann dies abstellte.

Zum besten Propagandisten kam Vasco Pedrina unverhofft: Der Walliser GBI-Sekretär Beat Jost trat vor fünf Jahren gegen ihn an – und wurde kaltgestellt. Der Bodenmann-Vertraute führt den Arbeitskampf seither im «Blick» und im «SonntagsBlick».

Der Ersatzbänkler

In den bei Gewerkschaftern beliebten Gremien wollte Vasco Pedrina nie Sitzungsgelder kassieren. So auch nicht im überbevölkerten Verwaltungsrat der Suva, wo die Arbeitnehmervertreter 16 von 40 Mitgliedern stellen, darunter SGB-Sekretärin Colette Nova als Vizepräsidentin. Das einzige Mandat mit Macht verlor er vor zwei Jahren, als der Bankrat der Nationalbank verkleinert wurde. In diesem gewichtigen Gremium sitzt mit Serge Gaillard, dem Vordenker des Gewerkschaftsbundes, aber immer noch ein alter Trotzkist.

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