Der Dow Jones hat erstmals die Marke von 20 000 Punkten durchbrochen, Anleger setzen trotz den turbulenten ersten Regierungstagen auf einen Trump-Boom. Sie hingegen gelten als Pessimist. Wohin steuern wir jetzt?
Marc Faber: Zunächst einmal: Als amerikanischer Bürger hätte ich für Donald Trump gestimmt und sicher nicht für Hillary Clinton. Ich denke, Trump ist für Gesellschaften besser als die Sozialisten um Barack Obama und Clinton. Auch für den Weltfrieden ist Trump vermutlich die bessere Wahl. So ist die Entscheidung der US-Bürger eher positiv zu bewerten.

Aber?
Der Protektionismus, den Donald Trump verfolgen will, wird Amerika natürlich nicht in eine bessere wirtschaftliche Lage führen, geschweige denn das Land plötzlich reich machen. Die grossen Konzerne arbeiten heute rund um den Globus sehr effizient.

Also muss Amerika produktiver werden?
Das Problem der US-Wirtschaft sind nicht die niedrigen Arbeitskosten in anderen Ländern oder Subventionen anderer Regierungen. Amerika hat in den vergangenen Jahren sehr wenig investiert, etwa in modernere Produktionstechniken. Das Land ist heute in vielen Bereichen nicht mehr konkurrenzfähig.

Im Gegensatz zum Beispiel zu Mexiko?
Es gibt viele produktive Unternehmen wie General Motors, die in Mexiko moderner als in den USA produzieren. Die tiefen Arbeitskosten sind nicht der entscheidende Faktor. Sonst wäre auch die Schweiz international nicht wettbewerbsfähig. Für die USA gibt es einen weiteren Nachteil, der leider auch für weite Teile der westlichen Welt gilt: Die Bürokratie für Unternehmen ist immens, vor allem für Gründer. Eine neue Firma aufzubauen ist oft ein riesiges Unterfangen.

Aber genau da will Trump ansetzen. Seine Politik gilt als wirtschaftsfreundlich. Warum so pessimistisch?
Kürzlich habe ich einen interessanten Artikel von Chicago-Professor Luigi Zingales gelesen. Demnach wird Trumps Politik ohne Zweifel wirtschaftsfreundlich sein, aber sicher nicht marktfreundlich. Das mag wie eine Nuance erscheinen, ist aber ein fundamentaler Unterschied.

Inwiefern?
Eine wirtschaftsfreundliche Politik begünstigt existierende Unternehmen auf Kosten künftiger Generationen. Eine marktfreundliche Politik verbessert hingegen die Bedingungen für alle Unternehmen, nicht nur für einige favorisierte. Demnach schadet eine wirtschaftsfreundliche Politik langfristig nicht nur der Wirtschaft, sondern auch den Unternehmen, die ursprünglich davon profitiert haben.

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Trump will nicht nur Importe mit Strafzöllen belegen, sondern auch heimische Unternehmen subventionieren – etwa mithilfe von niedrigeren Steuern.
Die Amerikaner träumen, wenn sie glauben, China und andere Länder würden solche Massnahmen auf sich sitzen lassen und tatenlos zusehen. Die US-Wirtschaft ist stark in China vertreten und will ihre Präsenz dort ausbauen. Aber Peking hat eine Vielzahl an Mitteln, um auf Trumps Politik zu reagieren, und kann US-Firmen leicht bestrafen. Etwa mithilfe von höheren Steuern oder zusätzlicher Bürokratie.

Stehen wir am Rande eines globalen Handelskrieges?
Das ist denkbar. Amerika ist heute viel weniger einflussreich als 1950. Da machte die US-Wirtschaftsleistung noch etwa die Hälfte der globalen Produktion aus. Dieser Wert ist bis heute auf 22 Prozent zusammengeschmolzen. In der Industrie hat China die USA schon lange überholt und der amerikanische Markt hat für die asiatischen Länder keine primäre Bedeutung: Der Grossteil der Exporte geht in andere Schwellenländer. Früher sagte man: Wenn Amerika niesst, erkältet sich Asien. Dieses Sprichwort gilt nicht mehr.

Das sehen viele Ökonomen anders und hoffen auf eine stärkere Erholung der Weltwirtschaft dank trumpschen Konjunkturprogrammen in den USA.
Ich sehe nicht, wie Washington solche Programme finanzieren kann. Die US-Wirtschaft ist überschuldet. Das macht es sehr schwer bis unmöglich, Amerika wieder gross zu machen.

Ist Trumps Politik das letzte Aufbäumen einer Weltmacht im Abstieg?
Mit Sicherheit. Natürlich muss Trump etwas für seine Wählerschaft tun. Aber die US-Politik ist in vielerlei Hinsicht sehr inkonsequent. Nehmen Sie die angekündigten Zölle auf Stahl aus China: Die USA importieren wesentlich mehr davon aus Brasilien und Mexiko. Stahlzölle würden auch die Wirtschaft Vietnams schwer treffen – aber genau dieses Land wollen die USA eigentlich als Bollwerk gegen China für sich gewinnen.

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Sie halten nicht viel von der US-Politik.
Dass Russland und China in den vergangenen Jahren enger zusammenarbeiteten, liegt doch vor allem an der Politik der Amerikaner. Sie haben Russland in der Ukraine unter Druck gesetzt. Amerika befördert sich selbst ins Abseits.

Wie müssen Schweizer Firmen jetzt gegenüber Trump auftreten?
China und Russland haben das sehr gut gemacht, indem sie sich in den vergangenen Wochen kaum zu Trump geäussert haben. Keiner kann daran zweifeln, dass diese Länder sich kaum etwas von ihm sagen lassen. Da ist es an der Zeit, dass auch Schweizer Firmen in Washington eine klare Haltung vertreten und sich nicht einschüchtern lassen. Denn die Amerikaner gehen gegen ausländische Konzerne oft willkürlich vor. Das hat man zuletzt wieder bei den Strafen gegen die Deutsche Bank oder Volkswagen gesehen.

Was bedeuten diese geopolitischen Kämpfe für die Börsen?
Die bleiben davon natürlich weitgehend unbeeindruckt. Entscheidend ist, wie viel Geld die Notenbanken drucken. In den letzten zwei Jahren hat etwa die US-Notenbank ihre Bilanzsumme nicht erhöht. Aber das ändert sich, sollte die Wirtschaft schwächeln oder die Zinsen stark steigen. Dann könnte die Fed schnell ein neues Anleihekaufprogramm auflegen. Das wäre dann das vierte innert wenigen Jahren.

Was empfehlen Sie Anlegern?
Es ist ein grosses Risiko, alles in Aktien zu investieren. Ich würde diversifizieren und in Immobilien, Bargeld, Edelmetalle und Obligationen anlegen – auch wenn Obligationen nicht sehr attraktiv sind.

Welche Märkte lohnen sich?
Die amerikanische Börse ist viel teurer als die meisten Börsen auf der Welt. Da bin ich sehr skeptisch. Das gilt auch für den Dollar. Die meisten Analysten erwarten in diesem Jahr ja einen starken Greenback. Davon halte ich nichts. Ich setze auf einen Wertzuwachs des Euro – und favorisiere Schwellenländer.

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Welche Schwellenländer?
Letztes Jahr ist Brasiliens Börse auf Dollarbasis um 66 Prozent gestiegen, Russland legte um etwa 55 Prozent zu, Kasachstan um etwa 60 Prozent. Das waren grosse Bewegungen, die aber von einem sehr tiefen Niveau kamen. Das kann weitergehen. Ich sehe aber auch für europäische Märkte noch Luft nach oben, für die Schweiz oder Deutschland. Vor allem würde ich mich aber auf Osteuropa konzentrieren, dort sind die Bewertungen jetzt relativ niedrig.

Und Asien?
Auch dort sind die Bewertungen günstig, etwa in Singapur oder Hongkong. Und die Dividenden sind mit 4 oder 5 Prozent hoch. Ich habe da vor allem Immobiliengesellschaften im Auge, die heute deutlich unter dem Buchwert notieren.

Eher Blue Chips oder Nebenwerte?
Wenn Sie graue Haare haben wollen, gehen Sie ins Minengeschäft. Es braucht viel Geld und Zeit, dort etwas aufzubauen. Gleichzeitig wird das Angebot an Rohstoffen knapper. Deshalb würde ich auf Minengesellschaften setzen. Viele Titel haben in den vergangenen Monaten 80, 90 Prozent verloren und nur einen Bruchteil des Verlusts wieder aufgeholt.

Wie sieht es am Schweizer Markt aus?
Die Gesellschaften haben sehr grosse Barbestände, sind relativ gut geführt und stellen Qualitätsprodukte her. Die sind auf dem Weltmarkt gefragt. Deshalb sehe ich dort ebenfalls Potenzial.

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