BILANZ: Frau Mittal, wann haben Sie das erste Mal Escada-Mode gekauft?

Megha Mittal: Das ist sicher zwölf Jahre her, vor meiner Hochzeit. Ich kaufte ein schönes, pfirsichfarbenes Cocktail-Top und einen roten Cashmere-Pullover. Ich besitze beides noch.

Seit kurzem besitzen Sie sogar den Konzern. Sind Sie glücklich damit?

Absolut. Ich bin begeistert – von der Mode, dem Team hier in München. Das alles strahlt Energie aus, Kraft und Willen.

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Das kann Escada nach der Insolvenz gebrauchen: Die Marke ist nach Jahren der Misswirtschaft am Boden.

Ich beschäftige mich nicht damit, was vor meiner Zeit war. Ich hätte Escada nicht erworben, wenn ich nicht an die Zukunft des Unternehmens glaubte. Als mir Konzernchef Bruno Sälzer sein Restrukturierungskonzept vorstellte, hat mich das überzeugt. Escada ist eine starke Marke.

Escadas Glanzzeit waren die achtziger Jahre. Das ist lange her.

Escada kann wieder glänzen! Wir müssen die Marke noch moderner machen. Gerade hat ein neues Designerteam angefangen. Escada hat das Potenzial, wieder Weltmarktführer zu werden. Das ist ein langer Weg, aber es wird gelingen!

Warum sollte das ausgerechnet Ihnen gelingen? Sie sind gerade 33 Jahre alt und nicht vom Fach.

Bei Escada sitzen die richtigen Leute. Wir bringen nun Ruhe in das Unternehmen. Wir investieren, wir sanieren, und wir geben dem Team die Zeit, die es benötigt.

Ihr Schwiegervater, Lakshmi Mittal, hat den grössten Stahlkonzern der Welt aufgebaut. Wie passen Stahl und Luxusmode zusammen?

Mode war immer meine Leidenschaft. Meine Eltern besitzen in Indien ein Baumwollunternehmen. Ich bin inmitten von Stoffen und Schnitten gross geworden.

Trotzdem haben Sie einen anderen Weg gewählt und in Amerika Finanzwesen studiert.

Man braucht für alles im Leben eine solide Grundausbildung. Wirtschaft gibt einem eine gute Verankerung. Ausserdem kann es nie schaden, eine Bilanz lesen zu können. Nach dem Studium habe ich ein Jahr lang in London bei Goldman Sachs gearbeitet, aber rasch gemerkt, dass das nichts für mich ist.

Die Mittals gehören zu den zehn reichsten Familien der Welt. Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, dass Sie gar nicht arbeiten müssen?

Nein, nie.

Sie haben zwei kleine Kinder, da bleiben viele Frauen erst mal zu Hause.

Sowohl in meiner Familie als auch in der meines Mannes haben wir ein sehr stark ausgeprägtes Arbeitsethos. Meine Mutter und meine Schwiegermutter haben immer gearbeitet.

Im Stahlkonzern arbeitet die ganze Familie. Ihr Mann ist Finanzchef, seine Schwester ebenfalls im Management. Ist das typisch indisch?

Ich weiss es nicht. Eigentlich arbeitet doch jeder so gut er kann. Oder ist das in Europa anders? Natürlich kann ich mir die Arbeit aussuchen, die mir Spass macht. Da bin ich privilegiert.

Ihr Schwiegervater hat sich aus äusserst ärmlichen Verhältnissen hochgearbeitet. Müssiggänger und Faulenzer mag er bestimmt nicht.

Sicher nicht. Aber wenn ich gute Gründe hätte, nicht zu arbeiten, wäre das auch in Ordnung. In unserer Familie hat jeder die Freiheit, sich zu entscheiden.

Wie kamen Sie auf die Idee mit Escada? Haben Sie einfach Geld verlangt, um eine Modefirma zu kaufen?

Vor zwei Jahren bin ich zum Schluss gekommen, dass mich Mode am meisten interessiert, und habe meinem Mann und meinem Schwiegervater vorgeschlagen, eine Modemarke zu erwerben. Sie haben mich dazu ermutigt und mich unterstützt. Dafür bin ich ihnen noch heute dankbar. Zwei Jahre lang habe ich gesucht. Ich habe mir 25 Unternehmen in Europa angeschaut. Bei Escada passte alles, von der Tradition bis zum Potenzial zur Weltmarke.

Sie werden auf jeden Fall noch mehr investieren müssen als den Kaufpreis.

Das ist richtig. Aber meine Familie und ich sehen Escada als Langzeitinvestment. Schon Ende 2010 sollte das Schlimmste vorbei sein. Vielleicht können wir in diesem Jahr bereits einen Gewinn erzielen. Falls nicht, dann eben 2011. Schliesslich habe ich Escada nicht gekauft, um damit Geld zu verlieren.

Sie sind der neue Chairman. Wie sieht Ihre Rolle aus?

Ich unterstütze den Vorstand bei der strategischen Ausrichtung der Marke.

Sie sind das neue Escada-Gesicht – jung, hübsch, exotisch. Solche Kundinnen hat Escada doch gar nicht.

Oh doch. Schauen Sie sich die Hollywood-Schauspielerinnen an. Natürlich kaufen die Escada.

Und wie steht es damit in Indien, Ihrer Heimat?

Da gibt es Escada noch nicht, aber wir werden dort bald starten. Ebenso in
China und Japan. Das sind sehr interessante Märkte, die wir noch nicht erreichen. Indien liegt mir natürlich besonders am Herzen.

Was planen Sie ansonsten?

Es ist etwas früh für konkrete Aussagen, der Kauf ist ja gerade erst abgeschlossen. Aber Escada wird sicherlich nicht lange beschränkt bleiben auf die beiden Damenmodelinien. Wir denken über neue Produkte nach, über Kosmetik beispielsweise. Möglich wäre auch ein Relaunch der Kindermode. Ausserdem träume ich von einer Herrenlinie.

Wer Kleider schneidert, kann auch Anzüge nähen?

Escada eignet sich auch als Herrenmarke. Bruno Sälzer hat für meinen Mann und meinen Schwiegervater zwei wunderbare Wintermäntel fertigen lassen, als sie zu den Verkaufsgesprächen nach München kamen. Die beiden sind die ersten männlichen Escada-Träger.

Bauen Sie Luxusmode zum zweiten Standbein des Mittal-Konzerns aus?

Escada soll natürlich wachsen. Aber ich habe nicht vor, weitere Modemarken zu kaufen, falls Sie das meinen.

Man sieht Sie häufig in der Designabteilung. Wollen Sie selbst kreativ werden?

Nein. Ich bin einfach neugierig, deshalb stehle ich mich gelegentlich hinein. Aber ich mische mich nicht ein.

Escada ist extrem teuer. Wer gibt ein paar tausend Franken für ein Kleid aus?

Es gibt weltweit viele treue Kundinnen, denen die Qualität so viel wert ist. Aber Sie haben recht: Für viele sind wir zu teuer. Deshalb werden wir die Preise um etwa zwanzig Prozent senken.

Sie haben Escada dem Sohn des Gründers, Sven Ley, weggeschnappt. Er behauptet, für Sie sei das hier nur ein Spielzeug.

Mich interessiert nicht, was andere sagen. Aber für ein Spielzeug ist Escada definitiv zu anstrengend! Ausserdem geht es um ein Traditionsunternehmen mit knapp 3000 Mitarbeitern. Ich kämpfe für deren Arbeitsplätze.

Kosmopolitische Inderin: Megha Mittal (33) ist Geschäftsfrau mit einem Faible für Luxus. Sie stammt aus einer Fabrikantenfamilie in Hyderabad und hat in den USA Finanzwesen studiert. Dort lernte sie ihren Mann Aditya Mittal kennen, den Erben der indischen Stahldynastie. 1998 heiratete das Paar in Kalkutta und zog nach London. Megha Mittal verlegte sich auf Innenarchitektur. Im November 2009 erwarb sie den Modekonzern Escada.