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Detailhandel
Migros-Lieferanten in der Saftpresse

Fabrice Zumbrunnen, CEO Migros an der Bilanzmedienkonferenz in Zuerich am Dienstag, 27. Maerz 2018. (KEYSTONE/Walter Bieri)
Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen: Er schlägt im Konzern neue Töne an. Quelle: © KEYSTONE / WALTER BIERI

Erst hat Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen einen Stellenabbau durchgesetzt. Nun verlangt er auch harte Zugeständnisse von den Lieferanten.

Von Andreas Güntert
am 20.02.2019

Die Affiche klang harmlos: «Einladung zum Migros-Lieferantenanlass» stand im Brief, der kurz vor Weihnachten 2018 bei den wichtigsten Migros-Zulieferern eintraf. Arglos notierten sich die fünfzig Empfänger, vom Konsumgütermulti bis zum KMU, Ort und Zeit: Technopark Zürich, 25. Januar 2019, von 10 bis 11 Uhr 30, anschliessend Stehlunch.

Einige wunderten sich: Kollektiver Lieferantentreff? Das hatte man mit der Migros im neuen Jahrtausend noch nie erlebt.Seit Fabrice Zumbrunnen an der Spitze des orangen Riesen steht, erleben Geschäftspartner, Öffentlichkeit und die über 100 000 Migros-Angestellten viel Neues.

Raus aus der Komfortzone

Drei Wochen nach seinem Stellenantritt im Januar 2018 rief der neue Migros-Boss seine Kader zusammen und machte sie mit dem Effizienzprogramm vertraut, das er aufgegleist hatte. Name: «Fast Forward».

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Message: Raus aus der Komfortzone, Fett abbauen.In der Folge sprach Zumbrunnen auch öffentlich etwas an, was in der jüngeren Geschichte der Migros selten eine Rolle gespielt hatte: der Gewinn. Jahrelang war die Migros auf Umsatzwachstum und Marktanteile aus; der Profit war bei der Genossenschaft ein eher zufälliges Produkt. Das Problem: Dieses Produkt schrumpft seit 2015. Allein 2017 sackte der Migros-Gewinn um 24 Prozent ab. Dem neuen Chef schwante: Wenn mitten in der digitalen Transformation die Gewinne wegbrechen, fehlen die Mittel, um fit zu werden im Kampf geben ausländische Online-Giganten.

Big Arbeitgeber is watching you

Zumbrunnen drückte den Alarmknopf. Und setzte Mitte 2018 ein hartes Zeichen: Abbau von 290 Stellen in der Zentrale. In der Folge wurden in fiebriger Hast weitere Effizienzprogramme eingeführt. Weit oben auf der Agenda: schlankere Zusammenarbeit zwischen Zentrale und den zehn Genossenschaften.

Nebenwirkung: verunsichertes Personal. Wer mit den falschen externen Personen über seinen Kummer sprach, musste damit rechnen, dass seine Telefondaten kontrolliert wurden. Botschaft nach innen: Big Arbeitgeber is watching you. Als sich die Migros gegen Ende 2018 auf dem Weg sah, die Firma intern zu entschlacken, stand der nächste Schritt an: Einkaufskosten drücken. Kurzum: Lieferantenanlass.

«Ansprache wie Börsenkonzern»

Erschienen war Zumbrunnen zu dem Event im Technopark nicht alleine. An seiner Seite: der neue Marketing-Chef Matthias Wunderlin und – wichtig um Konsens mit den zehn Genossenschaftsfürsten zu demonstrieren – Anton Gäumann, Geschäftsleiter Migros Aare, der grössten Zelle im Zehnerverbund.

«Eine Art Rütlirapport», sagt ein Lieferant, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will, «Zumbrunnen sprach von der Notwendigkeit des Kostensparens.» Das Motto: Migros-Zentrale, Genossenschaften und die Migros-Industrie hätten ihren Teil geleistet – nun müssten die Lieferanten Hand bieten. Eine Migros-Sprecherin bestätigt den Anlass im Technopark:«Es ist korrekt, dass ein Informationsanlass am 25.Januar zusammen mit den wichtigsten Lieferanten stattgefunden hat. Wir haben dabei die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen im Detailhandel aus der Sicht der Migros dargelegt und unsere eigenen Anstrengungen im Interesse der Kunden aufgezeigt.»

Migros Brief
Schreiben der Migros an die Lieferanten. Unterschrieben wurde es von Konzernchef Fabrice Zumbrunnen und Marketing-Chef Matthias Wunderlin.
Quelle: Screenshot

Am Lieferantenanlass, sagt ein weiterer Lieferant, «wurden keine konkreten Nachlässe gefordert, aber man wurde streng ermahnt, dass man sich bezüglich der Preise nur mit den zuständigen Einkäufern besprechen dürfe.» Wer versuche, über Vorgesetzte einzusteigen, würde mit solchen «Top-to-Top»-Gesprächen negative Auswirkungen erleben.

Der Ton im Technopark: unzimperlich, hart, entschlossen. «Eine Ansprache wie bei einem börsenkotierten Konzern», so der Eindruck eines Lieferanten. Wer bis zu dem Zeitpunkt ruhig geblieben war, begann jetzt zu zittern. Weil mehr von der Sorte ­kommen würde. Im Einladungsbrief stand es deutlich: «In den nächsten Tagen respektive Wochen erhalten Sie von unserem Einkauf Terminvorschläge für ein dem Anlass nachgelagertes Gespräch.»

«Absurde Forderungen»

Mittlerweile haben viele Lieferanten eine erste Gesprächsrunde hinter sich. Und wurden dabei in den Schwitzkasten genommen. Die Migros-Einkäufer fuhren hart drein: «Da wurden zum Teil ohne Grundlagen absurde Forderungen gestellt» erinnert sich ein Lieferant, «definitiv nicht Migros-like.»

Ein weiterer Lieferant berichtet: «Wenn wir sonst um ein halbes Prozent feilschen, wurde nun plötzlich eine Reduktion von 5 bis 10 Prozent gefordert, also das Zehn- bis Zwanzigfache des üblichen Rahmens.» Das sei «absolut unmöglich.»

Fabrice Zumbrunnen, CEO Migros an der Bilanzmedienkonferenz in Zuerich am Dienstag, 27. Maerz 2018. (KEYSTONE/Walter Bieri)
Fabrice Zumbrunnen: Der Migros-Chef fordert Zugeständnisse von Lieferanten.
Quelle: © KEYSTONE / WALTER BIERI

Lage verstanden, Vorgehen nicht

Dass die Migros im Umbruch ist und sich rüsten muss für schwierigere Zeiten, verstehen die Lieferanten: «Das Unternehmen ist wahrscheinlich in der grössten Transformation seiner Geschichte», sagt einer von ihnen, «aber mit diesem Vorgehen gefährdet die Migros ihre Reputation.»

Gerade für Schweizer KMU gehe es ans Eingemachte, sollte die Migros mit ihren Maximalforderungen durchkommen. «Wenn wir so in die Saftpresse kommen, müssen wir Jobs abbauen», sagt einer, der nicht ins Lager der Multis à la Procter & Gamble, Carlsberg oder Mondelez gehört. Viele Lieferanten sehen den Push der Migros zudem nicht als Investition in ihre Preis-Leistungs-Führerschaft, sondern als interne Gewinnmaximierung. Erzielt durch Ausspielen der orangen Dominanz.

«Migros betreibt keine Gewinnmaximierung»

Dem widerspricht die Firma: Die Migros als Genossenschaft betreibe keine Gewinnmaximierung. Der orange Riese sieht die Preis-Problematik anderswo: «Wir stellen fest, dass die Einkaufspreise ein teils nicht wettbewerbsfähiges Level erreicht haben.

Die Migros selber sieht sich zusätzlich mit sogar teilweise massiven Preiserhöhungen seitens einzelner Lieferanten konfrontiert.» Man sei «explizit nicht bereit, höhere Lieferpreise auf die Kunden abzuwälzen.» Und man sei selber auch nicht «in der Lage, dieses aktuelle Ungleichgewicht finanziell zu kompensieren.»

Aktuell laufen weitere «nachgelagerte Gespräche». Ihr Ausgang ist ­ungewiss. Sicher, so sagt ein Lieferant, sei nur eines: «Wenn die Migros mit ihren Maximalforderungen Erfolg hat, wird es kritisch für uns. Sehr kritisch.»