Nicht für alle Profi-Kicker ist Fussballspielen der einzige Lebensinhalt. Günter Netzer vertrieb sich abends als Gastronom mit eigener Disco in der Mönchengladbacher Altstadt die Zeit, Uli Hoeness bastelte neben dem Toreschiessen schon fleissig an der Managerkarriere.

Was Mathieu Flamini allerdings nebenbei so unternimmt, zeugt von einer neuen Dimension der Freizeitgestaltung. Arsenal Londons Mittelfeldspieler hat sich nämlich klammheimlich daran gemacht, den Energiemarkt zu revolutionieren. Mit Lävulinsäure. Das ist der Stoff, in dessen Erforschung der Franzose viel Arbeit und noch mehr Geld gesteckt hat.

Riesiger Absatzmarkt

Es handelt sich dabei um eine jener chemischen Verbindungen, die das Potenzial besitzen, Erdöl als Energieressource komplett zu ersetzen. Würde das gelingen, ginge Flamini als einer der Vorreiter in die Geschichte der alternativen Technologien ein.

Mit der von seiner Firma GFBiochemicals entdeckten Methode könnte der momentan noch relativ aufwendig gewonnene Stoff günstig hergestellt werden. Lävulinsäure dient dabei als Basis zur Erzeugung weiterer Grundchemikalien, die normalerweise aus Erdöl gewonnen werden. Bislang war eine industrielle Produktion der Chemikalie immer gescheitert. Der Absatzmarkt für das Produkt ist riesig. Er wird auf rund 22 Milliarden Euro geschätzt, Tendenz steigend.

Firmengründung in der Zeit beim AC Mailand

Flamini gründete die Firma bereits 2008 während seiner Zeit beim AC Mailand. …Ich habe mich schon immer für Umweltschutz, Klimawandel und solche Dinge interessiert», sagt der 31-Jährige der britischen «Sun». «Und ich habe mir deswegen Sorgen gemacht.» Nächtelang steckten er und sein Freund Pasquale Granata die Köpfe zusammen und überlegten, in welche Unternehmung sie ihr Geld am besten investieren können. «Irgendwann stiessen wir dann auf die Lävulinsäure.»

Damals war der Stoff jedoch nicht mehr als ein grosses Versprechen, seine Verarbeitung teuer, und die Forschung stand noch am Anfang. Also tat sich der Fussballspieler mit dem Polytechnischen Institut der Universität Mailand zusammen und heuerte in Anna Maria Raspoli Galletti eine von Italiens renommiertesten Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der biochemischen Forschung an. Ihr gemeinsames Ziel war es, den Markt für die Lävulinsäure zu öffnen und damit fossile Ressourcen einzusparen.

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Manche Forscher noch vorsichtig

Ein Schritt dahin ist nun gemacht. Offenbar hat GFBiochemicals ein Verfahren entwickeln können, das Lävulinsäure zu einer echten Alternative auf dem Markt der erneuerbaren Energien macht. Allerdings sind manche Forscher noch vorsichtig, was die Bedeutung dieser Entdeckung betrifft. Sie sehen in dem Verfahren höchstens eine Art Grundlagenarbeit, der weitere Entwicklungsprozesse folgen müssten.

«Die Lävulinsäure ist sicherlich eine von etwa 30 Plattformchemikalien, die in Zukunft als Basis für die alternative Energiegewinnung dienen könnten», sagt Birgit Kamm, die am deutschen Institut für Bioaktive Polymersysteme in Brandenburg forscht. Entscheidend sei aber, aus welchem Rohstoff die Lävulinsäure produziert wird. «Von 'grüner Technologie' lässt sich nur dann sprechen, wenn die Lävulinsäure nicht aus Nahrungsmitteln gewonnen wird», so Kamm.

Firma mit 80 Angestellten

Inzwischen gibt Flamini zu, dass seine Firma tatsächlich Weizen- und Maisabfälle verwendet. Das trübt zwar die Energiebilanz des Verfahrens, dennoch wurde im Sommer mit der industriellen Produktion begonnen. Das Unternehmen beschäftigt am Standort Caserta bei Neapel 80 Mitarbeiter, weitere Niederlassungen in Mailand, den Niederlanden und demnächst auch in den USA. «Dass uns das im krisengeplagten Italien gelungen ist, macht mich besonders stolz», sagt er.

Jürgen Klankermayer, Leiter des Instituts für Technische und Makromolekulare Chemie an der Technischen Hochschule Aachen, sieht die Technologie positiv: «Man muss in der Wissenschaft mit dem Wort vorsichtig sein, aber das ist schon eine kleine Revolution.» Aus der Lävulinsäure lasse sich ein «ganzer Blumenstrauss» energieintensiver Produkte herstellen, für deren Produktion ansonsten fossile Ressourcen verwendet werden. «Lösungsmittel, Polymere sowie Kraftstoffe auf biogener Basis mit neuen und oftmals verbesserten Eigenschaften», so Klankermayer.

Umweltschutz und Reichtum

Flamini ist jedenfalls überzeugt von dem Potenzial seiner Investition. Das technologische Verfahren zur Gewinnung von Lävulinsäure hat sich seine Firma patentieren lassen. Sollte sich der Stoff durchsetzen, könnte er nicht nur einen Beitrag zum Umweltschutz liefern, sondern den Kicker sehr reich machen.

Obwohl der Fussballspieler mit seinen Vereinen stets in drei Wettbewerben im Einsatz war, fühlte er sich in seinem Hauptberuf nicht ausgelastet und kümmerte sich leidenschaftlich um sein Forschungsabenteuer. «Es half mir dabei abzuschalten, auf andere Gedanken zu kommen», sagt der ehemalige Nationalspieler. «Vor allem aber bot es mir eine intellektuelle Herausforderung.»

Nicht einmal die Familie wusste davon

Erzählt hat er von seinem ungewöhnlichen Projekt niemandem. Die Firma gründeten sein Partner und er so diskret wie möglich, seither hielt sich der Fussballstar stets im Hintergrund. Weder seine Familie noch seine Mitspieler wussten von dem Engagement. Auch mit Arsenal-Trainer Arsene Wenger sprach er nicht über seine Nebentätigkeit. Sieben Jahre lang hielt er die Forschung geheim. Erst vergangene Woche ging Mathieu Flamini an die Öffentlichkeit. «Ich wollte erst damit rausrücken, wenn wir wirklich einen Durchbruch erzielt haben.»

Dieser Artikel ist zuerst auf unserer Schwester-Publikation «Die Welt» unter dem Titel «Arsenal-Profi macht 20-Milliarden-Euro-Entdeckung» erschienen.