Der Militärdienst dauerte noch zwei Wochen. Danach sollte für den jungen Alfred «Fredy» Gantner ein neuer Lebens­abschnitt beginnen – in den Vereinigten Staaten. Es kam anders: Die Brigham Young University (BYU) lehnte seine Bewerbung ab. Der schulische Rucksack würde für das MBA-Studium nicht ausreichen, schrieb die Mormonen-Universität in Provo im US-Bundesstaat Utah.

Die Aufnahme sei bloss ein formeller Akt, hatte es vor dem Wehrdienst geheis­sen. Also hatte Gantner seinen Job als Händler an der Schweizer Börse in Zürich gekündigt. Auf den damals 23-Jährigen wartete auf einmal eine unbekannte Zukunft: «Kein Job, keine Wohnung, gepackte Koffer, ein Ticket nach Salt Lake City», erinnert sich Gantner. Er flog trotzdem hin, «wollte mehr wissen über diese komischen Leute», die ihn seit einiger Zeit stark beeinflussten.

Heute ist er 44 Jahre alt, Gründer und Präsident des Zuger Private-Equity-Hauses Partners Group, zigfacher Millionär, Vater von fünf Kindern – und Mormone. Gantner zählt im säkularisierten Europa zu einer kleinen Minderheit. Von den weltweit 14 Millionen Mitgliedern der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints (LDS), so der offizielle Name der Mormonen, lebt die Hälfte in den USA, dem Gründungsstaat der relativ jungen Glaubensgemeinschaft (siehe «Strenge Regeln»). Europa zählt 650 000 Mitglieder, die Schweiz spielt mit ihren 8000 Mitgliedern im Promillebereich. Davon sind geschätzte 4000 bis 5000 aktiv.

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Mormonen sind hier eine Randerscheinung, als Verein eingetragen und nicht als offizielle Kirche anerkannt, leben sie fast gänzlich unbemerkt von der Öffentlichkeit. Doch in den letzten Monaten haben die Medienberichte über Mormonen in rascher Kadenz zugenommen. Denn nicht nur die Republikaner fiebern dem 6. November entgegen, auch die Mormonen folgen gespannt der Ausmarchung unter den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten. John F. Kennedy war der erste Katholik, Barack Obama der erste Schwarze im weissen Haus. Sollte sich der Republikaner Mitt Romney gegen den Amtsinhaber durchsetzen, würde erstmals ein Mormone das mächtigste Amt der Welt ausüben. Mormonen sind in der US-Wirtschaft längst eine Selbstverständlichkeit und leiten internationale Multis – wie Mitt Romney.

Der Selfmademan gründete 1984 mit zwei Partnern die Private-Equity-Firma Bain Capital und hat es zu einem dreistelligen Millionenvermögen gebracht. Auch im Parlament haben Mormonen einen grossen Stellenwert. Im Kongress sind sie oft übervertreten. Aktuell amtieren neben dem demokratischen Mehrheitsführer Harry Reid vier weitere Senatoren im Capitol. Und auch im Showbusiness verstecken sich die Kirchenanhänger nicht. Schauspieler und Shooting Star Ryan Gosling bekennt sich zur Kirche wie auch Schriftstellerin Stephenie Meyer, Autorin der «Twilight»-Saga.

Gut ausgebildet. In der Schweiz kennt man allenfalls die Missionare, die mit ihren etwas zu gross geratenen Anzügen und den schwarzen Namensschildchen durch die Strassen ziehen. Doch es gibt auch andere, die «Mormons in Swiss Business», Schweizer die zum Mormonentum konvertiert sind oder, wie die meisten, hineingeboren wurden. «Ärzte, Anwälte, Akademiker. Mormonen sind im Allgemeinen sehr gut ausgebildet», sagt Gantner, bekanntestes Gesicht der Mormonen in der Schweizer Wirtschaft.

Was für Mitt Romney gilt, gilt auch für Unternehmer in der Schweiz. «Mormonen haben einen starken Drang, auf eigenen Füssen zu stehen, eine eigene Firma aufzubauen. Selbständigkeit und Unabhängigkeit sind stark in der Kirchenkultur verwurzelt und leiten sich aus einer bewegten historischen Entwicklung ab, welche über weite Strecken von religiöser Verfolgung geprägt war», so Gantner. Gemäss diesem unternehmerischen Credo finden sich viele Schweizer Mormonen in KMU. Dazu zählen etwa Mark Prohaska, der erfolgreich Defibrillatoren importiert, oder Matthias Weidmann, der vor mehr als 20 Jahren in Frauenfeld Ilamed, ein Institut für Labormedizin, gegründet hat. 2006 verkaufte er seine Aktien an Futurelab, die 2010 mit der Synlab-Gruppe fusionierte. Weidmann führt das Labor in Frauenfeld weiterhin, im Nebenamt wirkt er als Pressesprecher der Kirche.

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Auf etwas fokussieren, ein Ziel verfolgen, sich nicht ablenken lassen: «Der Geist soll den Körper dominieren und nicht umgekehrt», sagt Gantner. Das steckt bei den Mormonen in der DNA. Sie verzichten auf jegliche Substanzen, die das Bewusstsein trüben: Alkohol, Zigaretten, Kaffee, Schwarztee, Medikamente nur im Krankheitsfall. «Suchtmittel können die Gesundheit schädigen und die Entscheidungsfreiheit rauben», sagt Gantner. Und die braucht es. Mormonen lernten von Kindesbeinen an, strukturiert zu denken, eine Agenda, einen Plan zu haben, was im Berufsleben vorteilhaft sei, sagte der frühere Dell-CEO Kevin Rollins im US-Magazin «Businessweek».

Langer Weg. Dieses eigentlich urrepublikanische, liberale Credo fasziniert auch Gantner. Er setzt sich ab Ende der achtziger Jahre verstärkt mit verschiedenen Religionen auseinander, diskutiert mit seiner konvertierten Schwester und seinem Schwager, sucht das Gespräch mit den Missionaren in der Schweiz, unter denen er bereits als Professional Investigator bekannt ist, wie er in einem Artikel über seinen Weg zum mormonischen Glauben schreibt.

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Als er 1991 ohne Studentenlegi in der Kleinstadt Provo ankommt, lebt er erst zwei Wochen bei einer Mormonenfamilie, danach teilt er sich ein Zimmer mit BYU-Studenten. Der Entscheid reift: Im November 1991, mit 23 Jahren, konvertiert Protestant Gantner zur Kirche Jesu Christi. Er kehrt in die Schweiz zurück, lernt in der Kirche seine künftige Frau kennen und besucht die nötigen Vorlesungen.

Im August 1992 landen die beiden erneut in Salt Lake City. Gantner schliesst seinen MBA 1994 an der BYU ab. Er heuert bei Goldman Sachs in New York an, seine Frau bei NBC. 1995 kehren sie erneut in die Schweiz zurück, ein Jahr später gründet Gantner die Partners Group.

Familie – Dreh- und Angelpunkt. Nun sitzt er in seinem verglasten Büro, im Vordergrund die Sandplätze des Tennisclubs Zug, in der Ferne der Deinikerwald. Vom USM-Gestell lächeln die Ehefrau – sie führt und besitzt das Maiensäss-Hotel Guarda Val in der Lenzerheide – und fünf Kindergesichter. «Die Familie kommt zuerst, dann die Kirche, dann das Geschäft», sagt Gantner, der tief im Sessel sitzt. «Würde mich die Kirche morgen auf Mission berufen, sässe ich innerhalb dreier Monate nicht mehr hier.» Eine bemerkenswerte Aussage für einen, der mit seinen Partnern innerhalb von sechzehn Jahren ein Unternehmen mit 600 Mitarbeitenden und einem Börsenwert von 4,4 Milliarden Franken aufgebaut hat.

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Gantners Weg ist aussergewöhnlich – selbst für einen Schweizer Mormonen. Die meisten werden in den Glauben hineingeboren. Wie Unternehmer Mark Prohaska. Der Winterthurer gründete vor 19 Jahren mit seiner Frau die Procamed und ist Generalimporteur von Defibrillatoren der Marke Zoll. Mit 15 Mitarbeitern macht er «5 bis 10 Millionen Franken ­Umsatz», sagt er. Genauer wird er nicht, Margen nennt er nicht. Sie seien nicht schlecht, ver­sichert er. «Ich bin dank meinem christlichen Glauben so erfolgreich», sagt ­Prohaska. Wer den ethischen und moralischen Grundsätzen der Kirche folge, könne fast nicht anders als Erfolg haben, findet er. Auch Prohaska kommt aus einem ursprünglich protestantischen Elternhaus. Die Eltern konvertierten nach Gesprächen mit jungen US-Mormonen, die in Winterthur missionierten.

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Prohaska ist ein gewiefter Vermarkter, schaltet für seine Geräte nationale TV-Spots und profitiert von ungewollter Publicity. September 2008: Alt-Bundesrat Hans-Rudolf Merz erleidet einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Im Spital in Herisau wird er mit einem Zoll-Defibrillator reanimiert – und fotografiert. Das Pressefoto wird später ausgezeichnet. Und als Nationalrätin Bea Heim im Juni 2006 mitten in der Nationalratsdebatte zusammenbricht, sind Prohaskas Geräte wieder zur Stelle. Die Genesene reicht darauf einen Vorstoss ein, dass die Ausbildung am Elektroschockgerät Teil des Nothelferkurses sein solle.

Prohaska und Gantner waren es auch, die im Vorfeld der Olympischen Spiele von 2002 in Salt Lake City Schweizer Journalisten auf den Besuch in der Mormonen-Metropole vorbereiteten. Selbst Beni Thurnheer kam damals ins «Marriott» in Zürich, in ein Hotel, das notabene ein Mormone aufgebaut hat.

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Es sind nicht nur die Glaubensgrundsätze, die Mormonen für ihren unternehmerischen Erfolg ins Feld führen.

England 1979: Mit den hart ersparten 11 000 Franken seines Lehrlingslohns in der Tasche landet der 21-jährige Mark Prohaska in der nordenglischen Stadt Leeds. Er ist auf Mission für die Kirche. «Das ist total freiwillig», sagt er. Allerdings wird von den jungen Mormonen erwartet, dass sie zwei Jahre auf Mission gehen. Die Lebensbedingungen sind hart. «Wir wohnten in einfachsten Flats, und es war beissend kalt. An den Innenwänden bildeten sich im Winter Eisschichten», erinnert er sich. Mit amerikanischen «Elders» klopft er an Tausende von Türen und spricht Passanten an. Die jungen Männer sind oft unwillkommen, werden zurückgewiesen. «Das war für mich die beste Investition an Zeit und Geld und eine hervorragende Lebensschule», die ihn auf das Unternehmer­leben vorbereitet habe, sagt Prohaska. Das findet auch Yves Weidmann von der Schweizerischen Bankiervereinigung. «Den Missionsort kann man nicht aussuchen. Ich wurde nach Rom geschickt», sagt er. «Die Verantwortung, die Eigenständigkeit, das lässt einen reifen.» Einziger Kontakt nach Hause sind ein wöchentlicher Brief und zwei Anrufe pro Jahr: an Muttertag und vor Weihnachten.

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Wie Prohaska wurde der Public-­Affairs-Mann in die Religion hineingeboren, seine Grosseltern konvertierten in den fünfziger Jahren. Yves Weidmann ist heute Pfahlpräsident (Bistumsleiter).

Auf Mission ging auch US-Präsidentschaftskandidat Romney. Zweieinhalb Jahre kämmte er Paris und Bordeaux nach potenziellen Kirchenmitgliedern durch. Seither spricht er gut französisch.

Wer zwei Jahre lang gegen Vorurteile kämpfen und Leute von einer Kirche überzeugen muss, die vielen Menschen seltsam vorkommt, dessen Chancen dürften merklich steigen, später als Verkäufer zu reüssieren. Viele Mormonen sind wegen der jahrelangen Missionstätigkeit zweisprachig. Das ist besonders in den USA nach wie vor keine Selbstverständlichkeit und damit ein Vorteil für die Karriere. Was gut für einen selbst ist, ist auch gut für die Kirche. Denn die lebt von den gut ausgebildeten und verdienenden Kirchenmitgliedern. Da nicht als Landeskirche anerkannt, kann sie keine Steuern erheben. Wer sich aktiv in der Kirche engagiert, bezahlt zehn Prozent seines Einkommens.

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Milliardenkirche. Auf rund sechs Milliarden Dollar werden die jährlichen Einnahmen der Kirche geschätzt, das Vermögen auf 30 Milliarden Dollar. Nimmt man diese Zahlen als Basis und geht davon aus, dass sich sieben bis acht Millionen Mitglieder aktiv an der Kirche beteiligen, dürften aufgrund der grossen Familien ein bis zwei Millionen Mormonen den Zehnten abliefern. Kapitalerträge von einer Milliarde Dollar vorausgesetzt, bezahlt jeder jährlich 5000 Dollar. BILANZ schätzt, dass sich die Erträge, umgelegt auf die Schweizer Kirche, auf umgerechnet rund 20 Millionen Franken kumulieren. Die Gemeindemitglieder arbeiten ehrenamtlich, doch die Infrastruktur muss unterhalten werden, die Jugendarbeit und das soziale Engagement sind kostenintensiv. Die 36 Kirchgemeinden verwalten rund 40 Gebäude.

Viele bezahlen wenig, einige wenige sehr viel. Mitt Romney hat in den vergangenen beiden Jahren insgesamt 4,1 Millionen Dollar abgegeben. Noch mehr dürften es bei Fredy Gantner sein. Der Partners-Group-Chairman hält rund 3,8 Millionen Aktien. Für das Geschäftsjahr 2011 wurden ihm 21 Millionen Franken an Dividenden ausgeschüttet. Mit den Kapitalerträgen und seinem Gehalt von 300 000 Franken kommt er auf ein Einkommen von gut 22,2 Millionen Franken. Die Kirche dürfte alleine für das vergangene Jahr 2,2 Millionen Franken von Gantner erhalten haben. Das sind elf Prozent der Gesamteinnahmen der Kirche in der Schweiz. Gantner gibt sich bedeckt, widerspricht aber nicht. Viel lieber spricht er über den nächsten Juni. Dann leiten er und seine Frau in Norddeutschland eine christliche Ferien­woche für 500 Jugendliche.

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