Am Horizont die Berge, zu Füssen die Stadt: Die Aussicht vom «Clouds» im obersten Stockwerk des Zürcher Prime Tower ist atemberaubend. Am Sonntag, 18. März, feierte die Redaktion der «NZZ am Sonntag» im 35. Stockwerk ihren zehnten Geburtstag. Früher vom Mutterblatt belächelt, ist sie heute eine Erfolgsgeschichte. Schwer tut sich dagegen die 232-jährige «NZZ». Sie hat gleich mehrere Baustellen zu bewältigen: Vakanzen im Verwaltungsrat, verzögerte Einführung der Paywall und der Website, Verzahnung von Online- und Printredaktion, vakante Stelle des Bereichs NZZ Medien Zürich («NZZ», «NZZ am Sonntag»), Verzögerung der Sonntagsausgabe des «St. Galler Tagblatts».

Die bekannteste Baustelle heisst Konrad Hummler. Der Bankier gab nach der Anklage der US-Justiz gegen die Bank ­Wegelin sein Präsidentenamt bei der «NZZ» am 9. Februar ab – mit viel Widerwillen. Hummler war nicht mehr tragbar. Er sieht das freilich anders und hat sein Amt bloss sistiert. Interimspräsident Franz Steinegger sagt: «Hummler entscheidet selbst, ob er nochmals zurückkommt. Das hängt von der Belastung ab, welche die Anklage mit sich bringt.» Doch es ist ein offenes ­Geheimnis, dass Hummlers Comeback, egal wie das Verdikt der US-Justiz ausfällt, so gut wie ausgeschlossen ist. Hummler, für den die «NZZ» eine Herzensangelegenheit ist, bleibt dem Gremium aber als Verwaltungsrat erhalten. Er hat sich ohne Murren Steineggers Teilzeitregime untergeordnet.

Planspiele. Das Aufsichtsgremium unternimmt derweil Planspiele für die Zeit nach Hummler, zumal der ehemalige FDP-Präsident Steinegger nächstes Jahr der Altersguillotine zum Opfer fällt. Wenig wahrscheinlich ist eine interne Lösung: Von den sieben Verwaltungs­räten, Steinegger und Hummler ausgenommen, käme bloss der ehemalige Swisscom-Chef Jens Alder in Frage. Den anderen beiden Schweizern, Investorin Carolina Müller-Möhl und Franz Albers, Geschäftsführer der Albers-Gruppe, werden keine Chancen eingeräumt. Alder gilt jedoch als wenig medienaffin und scheut die exponierte Präsidentenstellung. Und «ein ­ausländischer Verwaltungsratspräsident wäre wohl kaum mehrheits­fähig», sagt Steinegger mit Blick auf die zwei Deutschen im VR, Bernd Kundrun, Ex-Chef von Gruner+Jahr, und Investor Joachim Schoss. Das alles spricht für einen externen Topshot, der direkt ins Präsidentenamt katapultiert würde. Die der Generalversammlung als Verwaltungsrätin vorgeschlagene St. Galler FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter kommt nicht in die Kränze. Sie soll als Steinegger-Ersatz das bürgerliche Element im ansonsten unpolitischen Verwaltungsrat vertreten.

Anzeige

Eine weitere gewichtige Personalie ist jene des Leiters des Bereichs NZZ Medien Zürich. Wer den Job bekommt, hievt sich auf die Kandidatenliste für die Nachfolge von CEO Polo Stäheli (63). Auf Geheiss des Verwaltungsrates musste Chefredaktor Markus Spillmann Anfang Jahr die Führung des Bereichs abgeben, Stäheli hat interimistisch übernommen. «Es war ein guter Schritt. Spillmann kann sich jetzt voll dem publizistischen Tagesgeschäft und dem wichtigen Konvergenzprojekt widmen», sagt Stäheli, der sich in seinem Amt nach wie vor wohlfühlt. Ein Sitz im VR sei kein Thema.

Spillmanns Entmachtung hat auch dessen Einfluss beschnitten. Der Chef­redaktor hat einiges bewegt, doch es gibt noch viel zu tun. Er sei bemüht, heisst es im kleinen Kreis, müsse aber mehr Führungsstärke zeigen. Einen Bärendienst hat er sich mit der Berichterstattung über die angeklagte Bank Wegelin erwiesen. ­Nahmen die «NZZ»-Kommentatoren zu Beginn der Affäre keine Rücksicht («Zweckoptimismus als Breitbandantibiotikum») auf den Präsidenten im eigenen Haus, griff Spillmann wenig später zu salbungsvollen Worten («Die Teilhaber handeln verantwortungsvoll»). Auch vor dem mit Devisen spekulierenden Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand verneigte er sich («Hut ab!»).

Letzthin griff er aber durch: Den Zweiflern der Konvergenzstrategie von Print und Online hat er an der Mitarbeiterveranstaltung Mitte März auf die Finger geklopft und sie auf das Projekt eingeschworen. Damit holte er sich Punkte bei Verwaltungsrat und ­Geschäftsleitung, bei denen die rasche Umsetzung hohe Priorität ­geniesst. «Die Marke ‹NZZ Online› verschwindet nach 15 Jahren», sagt Stäheli. «Die neue Website läuft unter dem Brand Neuezuercherzeitung.ch.» Der Relaunch der Website – sie wird sich stärker an der Printausgabe orientieren, ähnlich dem Onlineauftritt der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» – und der Paywall ist ­allerdings erneut verschoben. Anstatt Ende März, wie angekündigt, geht die seit Anfang 2011 geplante Website erst Ende Mai live, die Paywall wird danach schrittweise eingeführt, die definitive Scharfschaltung ist im Sommer geplant.

Anzeige

Skepsis im VR. Als erste Schweizer Zeitung folgt die «NZZ» dem Beispiel von «Wall Street Journal» und «Financial Times» und stemmt sich gegen die von den Verlagen selbst forcierte Gratismentalität. Voraussichtlich werden zehn Artikel pro Monat kostenlos abrufbar sein, für die nächsten zehn braucht es eine Anmeldung, danach wird es kostenpflichtig. Genau bestimmt sind die Schranken noch nicht.

Das Duo Steinegger/Stäheli dürfte bei der «NZZ» keine grossen Würfe lancieren. Hummler galt als Visionär, der etwas bewegen wollte. Steinegger dagegen muss 2013 altersbedingt gehen. Und Stäheli ist und bleibt ein Kostenmanager. Der Machtzerfall Hummlers stärke die Position des CEO, heisst es intern. Die beiden könnten nicht miteinander. «Blödsinn», findet Stäheli. «Ich hatte nie ein Problem oder Reibungen mit Hummler.» Die Kosten müsse man zwar im Griff behalten, doch «ich baue lieber auf». Wie beim «St. Galler Tagblatt»? Die «NZZ»-Tochter hat per Ende Oktober die Lancierung einer Sonntagsausgabe geplant. Doch das Projekt stockt und kommt wohl nicht mehr 2012. Man sei sich über den Zeitpunkt der Lancierung nicht einig, entschieden sei noch nichts. Ende März tagt voraussichtlich der Verwaltungsrat der Tagblatt Medien. Alles ist möglich.

Das gilt auch für den jüngst lancierten Zusatzbund «Equity», der wöchentlich der «NZZ» ­beiliegt, ergänzt durch ein monatliches Magazin und Konferenzen. Die Wirtschaftsredaktion wurde um acht Stellen erweitert. Der Zusatzbund ist bislang weitgehend inseratefrei, die Abgrenzung von der Tagesausgabe nicht klar. Fraglich, ob sich das rechnet und ob regional orientierte KMU – an sie richtet sich «Equity» – national inserieren. Media­profi Andy Lehmann gibt dem Magazin und dem Konferenzteil Chancen. Stäheli: «Wir warten jetzt mal ab und schauen, ob sich die Pläne und Ideen des Verlags und der Wirtschaftsredaktion umsetzen lassen.» Optimistisch klingt anders. Selbst zentrale Exponenten im Verwaltungsrat äussern Skepsis. Kommt «Equity» nicht zum Fliegen, zieht Stäheli eher früher denn später den Stecker.

Anzeige