1. Home
  2. Unternehmen
  3. Mensch-Maschine-Schnittstellen sind noch nicht marktreif

Wyss Center in Genf
Neurotechnologie: «Für den Massenmarkt noch nicht ausgereift»

Polygonal brain shape of an artificial intelligence with various icon of smart city Internet of Things Technology over Group Of Asian and Multiethnic Business people working and brainstorming together
Internet of things: In Zukunft werden Maschinen direkt aus dem Gehirn gesteuert.Quelle: GettyImages

Die Vernetzung von Menschen und Maschinen schreitet voran. Die Neuro-Expertin Tracy Laabs über Hype und Interesse von Promi-Investoren.

Melanie Loos
Von Melanie Loos
am 10.12.2018

Das Wyss Center für Bio and Neuroengineering in Genf fördert die Entwicklung von Neurotechnologie zum Wohl des Menschen. Dafür sorgen ein interdisziplinäres Expertenteam, die entsprechende Forschungsinfrastruktur am Campus Biotech sowie die Finanzierung von Projekten.

Anzeige

Welche Technologien werden gerade am Wyss Center entwickelt?
Tracy Laabs*: Wir entwickeln einen drahtlosen Sensor, der ins Gehirn von gelähmten Patienten implantiert wird und Hirnsignale ausliest. Unser Direktor John Donoghue nennt das ein hochentwickeltes «Hirnradio». Die Gedanken des Patienten werden in einen Bewegungsbefehl umgewandelt, der von einen Computer, einem Roboterarm oder ähnlichem ausgeführt wird. Im zweiten grossen Projekt werden Elektroden unter die Kopfhaut implantiert, die Gehirnsignale von Epilepsiepatienten auslesen, um ihre Erkrankung genau zu beobachten.

Wie funktioniert das genau?
Die Technologie liest und decodiert die Nervensignale, die dann in einen Befehl umgewandelt werden – beispielsweise eine Maus oder eine Tastatur weitergegeben wird. Menschen mit dem sogenannten Locked-in-Syndrom, die nicht sprechen können, könnten so per Hirnsignal tippen. Oder ein gelähmter Mensch könnte damit einen Roboterarm bedienen, um alleine zu essen oder zu trinken. Unser Ziel ist es, dass die Patienten ein weiteres Implantat im Arm haben, um den Arm selbst wieder bewegen zu können. 

Tracy Laabs, Wyss Center
Tracy Laabs: Stellvertretende Direktorin am Wyss Center in Genf.
Quelle: Wyss Center

Was macht die Umsetzung vom Labor in die Praxis so schwierig?
In der Neurotechnologie gibt es sehr strikte Standards für den Aufbau und die Materialien eines Geräts, denn sie kommen in Kontakt mit dem menschlichen Gehirn. Derzeit gibt es die notwendige Technik teilweise noch gar nicht, das heisst alles muss erst zugelassen werden. Auch das Training von Ärzten und medizinischem Personal ist aufwändig. 

Wie stellen Sie die Finanzierung dieser Projekte sicher?
Forscher können sich mit ihren Projekten bei uns bewerben, allerdings nur wenn sie auch für Menschen anwendbar sind. Unsere Experten begleiten die Technologie im Prozess der klinischen Studien und der Zulassung bis zur Markteinführung. Das kostet mindestens 100 Millionen Dollar und dauert etwa 10 Jahre. Das Wyss Center begleitet die Technologie durch die ersten klinischen Versuche. 

Wer sind potenzielle Investoren in Neurotechnologien?
Viele Risikokapitalfirmen mit Schwerpunkt im Gesundheitsbereich interessieren sich auch für Neurotechnologien. Im Silicon Valley gibt es eine ganz Reihe von Investoren. Aber wir suchen nicht nur externe Investoren für unsere Projekte. Geplant ist auch, dass das Wyss Center Spinoff-Firmen gründet oder die Technologie an grosse Medtech-Firmen wie Medtronic, Boston Scientific oder Abbott verkauft.

Gibt es auch Schweizer Firmen, die als potenzielle Investoren in Frage kommen?
Es gibt eine grosse Niederlassung von Medtronic in der Schweiz. Aber die meisten der grossen Medizintechnik-Unternehmen sind global tätig. 

Eine Reihe von Startups entwickeln Neurotechnologien – vor allem im Silicon Valley ist ein regelrechter Hype entstanden.
Grundsätzlich halte ich jede Form von Investition in Neurotechnologie für sinnvoll, vor allem von namhaften Investoren wie Elon Musk oder Brian Johnson von Kernel. 

Klingt nach einem Aber.

Ob diese Technologien tatsächlich schon so weit fortgeschritten sind, um in einem festen Zeitrahmen in die Praxis umgesetzt werden zu können, ist fragwürdig. Es ist auch ein Unterschied, ob eine Technologie von einer Universität oder einem Unternehmen entwickelt wird.

Nämlich?

Unternehmen konzentrieren sich auf die Herstellung eines Geräts und unterliegen strengen Qualitätskontrollen. Universitätslabors haben einen grösseren Freiraum für Innovationen. Unser Ziel ist es, das Beste aus beidem zu vereinen und den Weg einer Technologie ins Spital zu beschleunigen.

Sehen Sie die Gefahr von Missbrauch – etwa um die Gehirnleistung zu verbessern?
Nicht bei der Art von Technologie, die wir entwickeln. Ein gesunder Mensch wird sich wohl kaum ein Gehirnimplantat einsetzen lassen. Doch nicht-invasive Technologien wie die transkranielle Stimulierung könnten durchaus Schaden anrichten. Auch weil wir gar nicht verstehen, was dabei genau im Gehirn passiert. 

Wie kann man das verhindern?
Wir halten es für sehr wichtig, die Öffentlichkeit transparent über den Entwicklungsstand der Technologien zu informieren und darüber, was es heisst, Signale aus dem Gehirn auszulesen. Vieles was im Gehirn passiert, versteht die Wissenschaft ja selbst noch nicht einmal. Es sollte einen gesellschaftlichen Dialog über Neurotechnologien wie Gehirn-Computer-Schnittstellen stattfinden. Nur so kann ein Hype verhindert werden. 

Das Wyss Center for Bio and Neuroengineering wurde 2013 auf dem Campus Biotech in Genf am ehemaligen Standort von Merck Serono gegründet. Auf dem Campus Biotech arbeiten mehrere aufnehmen, die sich der Forschung in Bereichen wie etwa Neurotechnologie und regenerativer Technologie widmen.

Das Center wird von der Wyss Foundation finanziert, die vom Schweizer Unternehmer und Philanthropen Hansjörg Wyss gegründet wurde. Das Institut ist mit 100 Millionen Franken dotiert. Auch den Campus Biotech förderte die Stiftung mit 150 Millionen Franken.

Hansjörg Wyss hat 2014 der US-Kampagne «The Giving Pledge» versprochen, die Hälfte seines Vermögens für wohltätige Zwecke einzusetzen; initiiert wurde das Projekt von Microsoft-Gründer Bill Gates und Investor Warren Buffet – um damit Milliardäre zum Spenden zu animieren. Noch im selben Jahr schenkte er der ETH Zürich und der Universität Zürich 120 Millionen US-Dollar und ermöglichte damit ein neues Forschungszentrum, das Medizin, Natur- und Ingenieurswissenschaften vereint.

Wo ist die Grenze der Neurotechnologie zwischen Patienten und Konsumenten?
Die nicht-invasiven Hirn-Computer-Schnittstellen sind für den Massenmarkt noch nicht ausgereift genug. Meiner Meinung nach sind wir weit davon entfernt, dass diese Technologien zum Massenprodukt werden. Das Wyss Center fokussiert sich ausschliesslich auf den Patienten, denn dort kann die Technologie die grösste Wirkung haben. Für Menschen, die gelähmt sind, ist es eine enorme Verbesserung ihrer Lebensqualität, wenn sie dank der Technologie unabhängiger werden. 

Wie steht es um die Sicherheit persönlicher Daten wie Gedanken oder gar Gefühle, wenn das menschliche Gehirn an einem Computer hängt?
Die meisten Computersysteme, die heute eingesetzt werden, um die Daten aus dem Gehirn zu empfangen, sind offline – können also nicht einfach so von irgendjemandem gehackt werden. Bei unserer kabellosen Technologie muss natürlich eine besondere Sicherheit in das Gerät eingebaut werden, damit die Daten verschlüsselt ausgespielt werden. Es ist durchaus möglich, dem Datenmissbrauch oder Hacking vorzubeugen. Aber natürlich müssen auch Standards und Regeln festgelegt werden.