Mit einem Wisch zum Ticket – diese Form des Billettlösens wird in der Schweiz immer beliebter, nicht nur bei Digital-Aficianados. Die Check-in-Apps, die man beim Einsteigen aktiviert und beim Verlassen des Verkehrsmittel wieder abschaltet, sind zwar noch nicht im Mainstream angekommen, aber werden häufiger genutzt. Das zeigt sich auch in aktuellen Zahlen. 

Beim Schweizer Marktführer Fairtiq werden an Spitzentagen über 20'000 Fahrten gebucht. Lezzgo von BLS hat inzwischen 25'500 Kunden registriert. Vor einem Jahr waren es noch knapp 8300. Das ist eine Steigerung von über 200 Prozent. Abilio von der Südostbahn zählt rund 6000 aktive Nutzer. Und auch der Zürcher Verkehrsverbund ZVV wirbt mit ein- und auschecken beim Billett. Schätzungen gehen davon aus, dass täglich einige Zehntausend ÖV-Benutzer mit diesen App-Tickets durch die Schweiz reisen.  

Über die Landesgrenze hinweg

Das unbeschwerte Reisen mittels dem CIACO-Prinzip (Check-In-Assisted Check out) soll aber laut Fairtiq in Zukunft über die Landesgrenzen hinaus funktionieren. Diese Vision rückte in den letzten Monaten Stück für Stück näher. Inzwischen funktioniert die App des Marktführers nicht nur in der Schweiz und Liechtenstein, sondern auch im österreichischen Voralberg. Dazu laufen Tests in Deutschland und Holland. 

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Doch nun scheint das Zürcher Startup sogar den Sprung auf die Insel zu schaffen: Ende Januar wurde Fairtiq im Rahmen eines Bewerbungsverfahrens zur Verbesserung des ÖV-Systems in Grossbritannien ausgezeichnet. Das Schweizer Produkt gewann einen Innovationspreis im Rahmen des «Billion Journey Project», einem Accelerator-Programm in London.

Mit der Auszeichnung kam auch ein Vertrag zur Einführung von Fairtiq in Grossbritannien zustande. «Landesgrenzen stellen für unsere Technologie keine Hürde dar», sagt Gian-Mattia Schucan, Gründer und Chef von Fairtiq. Das Programm ermögliche Fairtiq, in einen der wichtigsten Märkte für den Transport weltweit einzusteigen und die App in der dichten Infrastruktur von London zu testen. 

Im Video ist die Präsentation von Fairtiq am Projekt in London auf Englisch zu sehen. 

Ein Ticket für alles

Eine weitere Vision ist, dass das Ticket auf dem Smartphone nicht nur für den öffentlichen Verkehr gültig ist, sondern für alle Verkehrsmittel. So könnte man küntig beispielsweise mit einem Mobility-Auto zum Bahnhof fahren, von dort mit dem Zug weiter und schliesslich mit einem Velo, Taxi oder Elektroauto zum Endziel gelangen. Bei allen Fahrzeugen und Beförderungsmitteln wäre die Bezahlung mit nur einer einzigen App möglich. 

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Die SBB «Green Class» hat im September vergangenen Jahres ein Angebot lanciert, welches der fortlaufenden Verbindung näher kommen soll. Zu einem Generalabonnement hat man die Möglichkeit, ein Elektroauto, Velos und Scooters zu nutzen. 

Schucan glaubt, dass auch das Ein- und Auschecken künftig nicht mehr nötig sein wird. Die App kann mittels GPS und Maps vielleicht bald alles selber ermitteln. «Langfristig wollen wir, dass die App ganz von alleine funktioniert», sagt der Fairtiq-Gründer. Das Tracking erkenne dann genau, wie man sich wo bewege und welche Verkehrsmittel man im Laufe des Tages benutze. Damit könne man die App dann einfach nach dem Aufstehen am Morgen aktivieren und vor der Nachtruhe wieder abschalten. Natürlich komme beim Berechnen der Strecken auch künstliche Intelligenz zum Einsatz, sagt Schucan

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Dieses grenzenlose Fahren kommt den Absichten und Visionen des Bundesrates entgegen. Die nahtlose Mobilität ist eine der Kernprioritäten bei dem Aktionsplan «Digitale Schweiz».

Der Bund will den Trend, dass immer mehr Menschen «die Nutzung von Verkehrsmitteln dem Besitz vorziehen» in seine Zukunftspläne aufnehmen. Das Ziel für die kommenden Jahre lautet «Multimodale Mobilitätsdienstleistungen»: Eine fliessende Vernetzung des öffentlichen Verkehrs, des Fuss- und Veloverkehrs, des Car-Sharings, der Taxis sowie weiterer neuer Mobilitätsangebote. Dafür müsste dann aber jemand eine «Super-App» entwickeln, die alle Systeme und Verkehrsmittel abdeckt.

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Shuttle-Service für die letzte Meile

In Zukunft werden selbstfahrende Autos eine starke Zunahme erfahren und deshalb den öffentlichen Verkehr ergänzen, ist der Bund überzeugt. Deshalb fordert er, dass ÖV-Betreiber, Mobilitätsdienstleister und Städteplaner anhand von Pilotprojekten lernen, wie sie positive Effekte für die Bevölkerung erzeugen können. Dabei könnten selbstfahrende Fahrzeuge auch als «First-Last-Mile-Feeder» für die Bahn oder eine Tram unterwegs sein. In deutschen Städten werden neuerdings auch Shuttle-Services getestet, die Personen aus den Wohngegenden abholen und an Bahnhöfe fahren.  

Für den Traum dieses ineinander verzahnten Verkehrs müssten laut der Digitalstrategie auch die gesetzlichen Grundlagen angepasst werden. So durften bis anhin nur öffentliche Verkehrsbetriebe ÖV-Tickets in der Schweiz verkaufen. Auch das möchte der Bundesrat ändern. So könnten künftig auch Migros oder Amazon Tickets für Bus und Bahn verkaufen und als Mobilitätsdienstleister mitmischen. 

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Persönliche Beratung fällt weg

Wer es einfach haben möchte, muss aber anderswo Abstriche machen. Die Apps führen dazu, dass sich der Kundenservice für ÖV-Benutzer schmälert. Bereits jetzt entfernt die SBB zunehmend Ticketautomaten in Bahnhöfen, weil viele Reisende nur noch per App Bilette lösen. Das zählt war nicht zum Mobile-Ticketing, aber die Passagiere haben ihr Billett ebenfalls auf dem Smartphone gespeichert. 

Wenn diese Abwicklung künftig nur noch digital stattfindet, dürfen Beratungen vor Ort durch Personal zurückgefahren werden. Dann müssen sich Reisende wie bei vielen anderen Anwendungen auf Künstliche Intelligenz und Bots verlassen.