Für die ganze Branche geht 2020 als Jahr der Corona-Pandemie in die Geschichtsbücher ein. Nicht nur wurden in bahnbrechender Zeit Impfstoffe gesucht, gefunden und zugelassen. Auch nach möglichen Therapien forschen hunderte Unternehmen gleichzeitig. Oft gescholten - nicht zuletzt wegen der Preisgestaltung der entwickelten Medikamente und Behandlungsformen - fordern nun Branchenvertreter eine Neubetrachtung.

Auch interessant

«Die Anstrengungen der Pharmaunternehmen dürfte das Bewusstsein geschärft haben, dass die Branche relevant ist für ein gut funktionierendes Gesundheitswesen», meint etwa der Branchenkenner Thomas Heimann von HBM Partners.

«In den letzten Jahren war der Fokus zu stark auf die Kosten gerichtet.» Dieses Problem sei zwar nicht vom Tisch, den Stellenwert der Branche für die Gesellschaft sollten die Anstrengungen der letzten Monate aber etwas deutlicher gemacht haben, sagt Heimann.

Ähnlich klingt Wim Souverijns von Obseva: «Bestenfalls hat die schnelle Entwicklung eines Corona-Impfstoffs das Image der Branche aufpoliert», heisst es etwa vom Chief Commercial Office des Biotechunternehmens.

Schnelle Entschlüsselung ein wichtiger Schritt

Noch während sich das Coronavirus in China ausbreitete, gelang es Wissenschaftlern, den Gencode des Virus zu entschlüsseln. Diese Informationen ermöglichten dann den ersten Konzernen, beispielsweise Tests zu entwickeln, mit denen das Virus diagnostiziert werden konnte.

Ausserdem machten sich andere Unternehmen daran, bereits bestehende Mittel auf deren Wirksamkeit zur Behandlung von Corona-Patienten zu prüfen. Und natürlich sind dann da noch die vielen Unternehmen, die nach einem möglichen Impfstoff geforscht haben.

«Im Kampf gegen Covid-19 haben so viele Unternehmen in der Branche gleichzeitig und oft auch gemeinsam Projekte auf den Weg gebracht, wie ich es bislang noch nie gesehen habe», fasst beispielsweise Daniel Koller im Gespräch mit AWP die Reaktion der Branche auf die Herausforderung zusammen. «Eine solche Erfahrung wird die Branche auf verschiedenen Ebenen nachhaltig beeinflussen», so der Head Investment Manager der Beteiligungsgesellschaft BB Biotech weiter.

Beispielhaft für die Kooperationsbereitschaft innerhalb der Branche ist etwa das Projekt zwischen der deutschen Biontech und Pfizer bei der Suche nach einem Impfstoff. Mittlerweile haben die Unternehmen in den USA, Europa und der Schweiz die Zulassung für das Vaccine erhalten.

Aber auch die Kooperation zwischen Novartis und Molecular Partners zeigt, wie Gross und Klein den Schulterschluss üben. «Verhandlungen und Kooperationsverträge wurden substanziell schneller abgeschlossen als in der Vergangenheit» berichtet denn auch CEO Patrick Amstutz von Molecular Partners. «Wir können dies anhand unserer wichtigen Kooperation mit Novartis bestätigen, die wir gemeinsam in nur wenigen Wochen unterzeichneten.»

Möglich wurde dies, weil «die Branche unter Druck extrem effizient und in vielen Fällen auch 7x24 gearbeitet hat», erzählt Amstutz weiter. Prozesse, die normalerweise in Sequenz gemacht werden, werden nun parallel geschaltet.

Digitale Revolution

Neben der Kooperationsbereitschaft der Unternehmen hat aber auch die verstärkte Digitalisierung der Branche viele Prozesse beschleunigt. «Die Covid-19-Krise hat der digitalen Revolution der Pharmabranche nochmals einen zusätzlichen Schub verliehen», heisst es von Novartis. «Nicht nur für Novartis sondern für die ganze Wirtschaft ist die Weiterentwicklung der Digitalisierung ein Muss.»

Auch bei Basilea aus Basel zeigt sich CEO David Veitch überzeugt, dass neue virtuelle Ansätze die Herstellung, klinische Entwicklung und Kommerzialisierung von pharmazeutischen Produkten nachhaltig beeinflussen werden. Darüber hinaus habe der Kampf gegen Covid-19 aber noch etwas anderes gezeigt, so Veitch, und zwar eine konstruktive und produktive Beziehung zwischen den Regulierungsbehörden und der Biotech-/Pharmaindustrie.

Tatsächlich sind beispielsweise die Impfstoffe in einer Art rollierendem Verfahren getestet worden, bei dem die Zulassungsbehörde quasi Real-Time über den aktuellen Stand der Forschungsprogramme informiert wurden.

Es wird eine «Neue Normalität» geben

«Wir glauben nicht, dass der regulatorische Prozess auf den Kopf gestellt wurde, aber neue virtuelle Ansätze und Technologien werden sicherlich die Art und Weise, wie F&E betrieben wird, nachhaltig positiv beeinflussen», zeigt sich Veitch überzeugt. «Es wird eine 'neue Normalität' geben, die anders sein wird als 'wie bisher», so Veitch weiter.

(awp/tdr)