Ein Hauch von Gigantismus lag in der Luft, als die Spitzen von Bayer und Monsanto dieser Tage die Pläne für ihren noch namenlosen gemeinsamen Agrokonzern präsentierten: Standorte in Mannheim, Missouri, North Carolina und Kalifornien sind vorgesehen. Kumulierte Forschungsbudgets von 2,5 Milliarden Dollar und weltweite Marktanteile von bis zu 30 Prozent sind die Ziele.

Die Flurbereinigung in der Agrobranche nimmt Fahrt auf. Syngenta wird mit grosser Wahrscheinlichkeit an ChemChina verkauft. Dow wird ihre Pestizidsparte wohl mit Pioneer, der Saatgutmarke von DuPont, zusammentun.

Gemischte Gefühle

Gleichzeitig nimmt die Kritik zu. Die Aussicht, es künftig mit nur noch drei Anbietern zu tun zu haben, ist selbst den industriefreundlichen US-Farmern nicht geheuer. «Eine Konsolidierung dieser Grössenordnung darf es nicht geben», schreibt die zweitgrösste Bauernorganisation der USA, die National Farmers Union.

Auch in Schweizer Landwirtschaftskreisen sieht man den Konzentrationsprozess mit gemischten Gefühlen. Die Schlagkraft der nun noch grösser werdenden Agrokonzerne ist auch hierzulande ein Thema. Es besteht die Befürchtung, dass die fusionierten Konzerne noch weniger als ihre Vorgänger bereit sein werden, auf die spezifischen Bedürfnisse eines kleinen Saatgutmarktes wie des schweizerischen einzugehen. «Der Schwerpunkt dürfte auf den grossen Märkten liegen», sagt Eva Reinhard, stellvertretende Direktorin des Bundesamtes für Landwirtschaft. «Wir sind selber dafür verantwortlich, dass wir das Saatgut haben, das wir brauchen.»

Grosse Märkte im Fokus

Die Unternehmen sparen in diesen turbulenten Tagen mit Informationen zu den einzelnen Märkten. Welche Auswirkungen der Zusammenschluss mit Monsanto auf die Präsenz in der Schweiz haben werde, lasse sich noch nicht sagen, teilt Bayer mit. Das Unternehmen verfügt hierzulande gemäss Branchenkennern über einen Marktanteil von 20 Prozent bei Saatgut und Pestiziden in der Schweiz.

Die bereits bekannten Eckpunkte einer künftigen Bayer-Monsanto-Strategie lassen indes bereits erahnen, dass spezifisch schweizerische Bedürfnisse darin wenig Platz haben. Im Vordergrund steht für den neuen Giganten die Bündelung aller Leistungen und Technologien, digitale Tools mit eingeschlossen. Das ist vor allem für die industrielle Landwirtschaft interessant. Bayer und Monsanto haben ihren Zusammenschluss unter anderem damit begründet, dass die Landwirtschaft schon bald 10 Milliarden Menschen ernähren müsse. Auch das lässt vermuten, dass der Fokus vor allem auf den grossen Märkten Amerikas, Asiens und Afrikas liegen wird.

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Syngenta und Bayer in der Schweiz dominant

Gleichwohl, mit der Industrie ist auch in der Schweiz zu rechnen. Syngenta vereinigt rund 25 Prozent der Schweizer Saatgut- und Pflanzenschutzumsätze auf sich. Zusammen mit Bayer kommen die Global Player demnach auf 45 Prozent der Umsätze - ein Anteil, der sich bei einem Erfolg der Monsanto-Transaktion erhöhen würde, wenn auch nicht substanziell.

Schon heute ist der Gemüseanbau fast vollständig in der Hand der grossen Unternehmen. Bei Syngenta gehört die Sparte zu den profitabelsten überhaupt. Eine wichtige Rolle spielt die Industrie auch beim Mais, wo sich die für die Industrie profitablen Hybridsorten auch in der Schweiz durchgesetzt haben. Hybridsorten müssen, anders als Liniensorten, bei denen ein Teil der Ernte für die Aussaat im nächsten Jahr verwendet werden kann, jedes Jahr neu eingekauft werden. Konkurrenzfähig sind sie trotzdem, denn die in der Schweiz dominierende IPRichtlinie verlangt oft auch für Liniensorten jedes Jahr neues Saatgut.

«Unsere Landwirtschaft ist kleinräumig»

«Die Power der Industrie wird noch grösser werden», sagt Karl-Heinz Camp, Geschäftsleitungsmitglied von Delley Samen und Pflanzen, einem mittelständischen Saatgutunternehmen in der Broye. Gefahr drohe vor allem beim Backweizen und bei der Gerste; Sorten, die noch weitgehend in der Hand mittelständischer Züchter seien. «Wenn die Industrie hier noch stärker wird, wird es schwierig für die Züchter», sagt Camp.

Beim Bund sieht man sich durch die Konsolidierung in den Bemühungen bestärkt, die Pflanzenzucht nicht allein der Industrie zu überlassen. «Ich sehe das nicht negativ, aber wir müssen uns überlegen, wie wir darauf reagieren», sagt Reinhard. Die Schweizer Landwirtschaft habe andere Bedürfnisse als die amerikanische oder deutsche. «Wir haben keine Monokulturen, unsere Landwirtschaft ist kleinräumig und äusserst vielfältig.» Nötig sei etwa nachhaltigeres Saatgut, das den Stickstoffkreislauf verbessere, oder Saatgut für Kombinationskulturen.

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4 Millionen Franken Budget für Pflanzenzucht

Der Bund setzt auf eine Kooperation der eigenen Züchtung von Agroscope, mit der ETH, der privaten Schweizer Pflanzenzüchter und der Industrie. Mit der grossen Kelle wird er dabei nicht anrichten können, für die Pflanzenzucht sind zurzeit 4 Millionen Franken budgetiert.