Überraschend hat Bernard Looney, CEO des britischen Mineralölunternehmens BP seinen Rücktritt angekündigt. BP teilte mit, dass der 53-jährige Ire das Unternehmen verlässt, nachdem er dem Vorstand einige seiner früheren Beziehungen zu Kollegen nicht vollständig offengelegt hatte. Finanzvorstand Murray Auchincloss wird die Leitung des Unternehmens übergangsweise übernehmen.

Looneys Abgang krönt seine turbulenten drei Jahre an der Spitze von BP. In dieser Zeit vollzog das Unternehmen den radikalsten Strategiewechsel, seit John Browne das Unternehmen durch den Kauf der US-Rivalen Amoco und Atlantic Richfield vor mehr als zwei Jahrzehnten in einen transatlantischen Giganten verwandelte. Von der Nordsee bis nach Westtexas trieb Looney BP mit grossen Wetten auf Wasserstoff und Offshore-Windkraft in grünere Gefilde. Ohne den Architekten dieser Neuausrichtung ist der Kurs des Unternehmens nun in Frage gestellt.

Partner-Inhalte
 
 
 
 
 
 

Ehrgeiziger Kampf gegen Klimawandel

Der Wechsel an der Spitze von BP ist «definitiv eine grosse Überraschung», sagte Analyst Faisal Hersi in einem Interview mit «Bloomberg». «Ein Strategiewechsel zurück zu mehr fossilen Brennstoffen wäre positiv. Das Tempo der Energiewende bei BP war einfach zu ehrgeizig.»

Im Jahr 2020, nur eine Woche nach seinem Amtsantritt, kündigte Looney an, dass BP im Kampf gegen den Klimawandel einen ehrgeizigen «Netto Null»-Pfad einschlagen würde. Das war ein mutiger Schritt. So galt das Unternehmen damals als Klimaschädling. Und auch Brownes früherer Versuch, BP Anfang der 2000er Jahre als «Beyond Petroleum» neu zu positionieren, endete meist mit Abschreibungen. 

Die Anleger waren von Looneys Ansatz wenig angetan. Die Bewertung des Unternehmens sank auf unter 50 Milliarden Dollar, als die Pandemie die Einnahmen einbrechen liess und das Unternehmen seine Dividende kürzte. Der Einmarsch Russlands in der Ukraine brachte eine weitere Krise mit sich, die BP dazu zwang, mehr als 25 Milliarden Dollar auf seine 20-Prozent-Beteiligung an Rosneft abzuschreiben.

Rekordgewinne dank Krieg in der Ukraine

Aber der Krieg verschaffte Looney auch eine Galgenfrist. Die Ölpreise schnellten in die Höhe, als die russische Invasion die Weltmärkte durcheinanderbrachte. Die Gewinne von BP und anderen Grosskonzernen schnellten auf ein Rekordniveau. Looney ruderte auch bei einigen der grünen Verpflichtungen von BP zurück und sagte, dass das Unternehmen seine Öl- und Gasproduktion langsamer als zuvor versprochen reduzieren würde.

Bill Fitzpatrick, der bei Logan Capital Management an der Verwaltung von BP-Aktien im Wert von 2,3 Milliarden Dollar beteiligt ist, sagte gegenüber «Bloomberg», Looney habe das Unternehmen sehr gut geführt. «Er leitete das Unternehmen auf sehr aktionärsfreundliche Weise, hatte ein starkes Engagement für saubere Energie und legte grossen Wert auf die Kapitalallokation.»

Sein Aufstieg zur «Schildkröte»

Der Sohn eines irischen Milchvieh-Bauers kam 1991 frisch von der Universität als Bohringenieur zu BP. Er war der erste in seiner Familie, der das College abschloss. Keines seiner Elternteile besuchte eine Schule über das Alter von elf Jahren hinaus. Bei Telefonkonferenzen während der Pandemie war im Hintergrund auf einem Regal ein kleiner Modelltraktor zu sehen, eine Anspielung auf seine landwirtschaftlichen Wurzeln.

Looney stieg in der Firma auf, nahm Jobs in Alaska und im Golf von Mexiko an und wurde schliesslich Mitglied einer elitären Gruppe von Führungskräften, die unter dem ehemaligen CEO Browne als «Turtles» bekannt waren. Sie erhielten ihren Namen von Teenage Mutant Ninja Turtles – einer Zeichentrickserie über vier menschenähnliche Schildkröten, die Experten in Kampfsportarten sind und bei Bedarf das Böse bekämpfen.

Looneys Vorgänger nach dem Rücktritt von Browne im Jahr 2007 – Tony Hayward und Bob Dudley – stammten beide aus dieser Gruppe. Looney ist der letzte der «Turtles» und hinterlässt BP einen ganz anderen Pool an Führungskräften, aus dem die nächste Führungsperson ausgewählt werden kann. Das Unternehmen hat in der jüngeren Vergangenheit keinen CEO von ausserhalb seiner Reihen eingestellt. 

Looney soll gelogen haben

Looneys Stil stand in krassem Gegensatz zu seinem eher zurückhaltenden Vorgänger. Dudley, ein Amerikaner, befürchtete, dass «Big Oil» zu schnell auf grüne Technologien umsteigt. Im Gegensatz dazu postete Looney auf Instagram häufig Botschaften und Videos zu Themen, die von der LGBTQ+-Gemeinschaft bis hin zu den Süssigkeiten reichen, die an BP-Tankstellen verkauft werden. Er setzte sich für Fragen der psychischen Gesundheit ein, spendete während der Pandemie 20 Prozent seines Gehalts an die britische Wohltätigkeitsorganisation Mind und sorgte für ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in seinem Führungsteam.

BP hatte zunächst keine Verstösse gegen den Verhaltenskodex des Unternehmens festgestellt, als der Vorstand im Jahr 2022 Vorwürfe im Zusammenhang mit Looneys früheren persönlichen Beziehungen zu Kollegen überprüfte, heisst es in einer Erklärung vom Dienstag. Vor kurzem seien jedoch weitere Vorwürfe aufgetaucht, und Looney habe das Unternehmen darüber informiert, dass er bei der vorherigen Untersuchung nicht völlig transparent gewesen sei, so BP. 

«Sobald ein CEO den Vorstand anlügt, kommt es zu einem Vertrauensverlust», sagte Joe Grundfest, ein ehemaliger Kommissar der US-Wertpapier- und Börsenaufsichtsbehörde und jetzt emeritierter Professor an der Stanford Law School. «Die Lebensdauer des CEOs ist dann nur noch kurz.»

(bloomberg/mth)