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Stromsparen
SBB blockt Heizungen im Zug – um Blackouts zu verhindern

SBB
Statt in neue Strom-Anlagen investieren die SBB in digitale Heizungen.Quelle: Keystone

Die SBB schalten künftig im Winter die Wagenheizungen kurz aus – um Stromausfälle zu verhindern. Bis 2023 rüstet sie sämtliche Bahnwagen um.

Von Bastian Heiniger
am 20.06.2018

Der Taktfahrplan ist zwar notwendig, um das penibel austarierte Schweizer ÖV-System zu orchestrieren. Er stellt die SBB jedoch vor ein Stromproblem: Wenn schweizweit viele Züge gleichzeitig auf ein hohes Tempo beschleunigen, frisst das eine enorme Stromleistung – besonders im Winter, wenn zusätzlich die Wagen und Weichen geheizt werden.

Beziehen sämtliche Züge durchschnittlich eine Leistung von 300 bis 400 Megawatt, sind es zu Spitzenzeiten über 700 Megawatt. Stellt man den Strom­bedarf in einer Verlaufskurve dar, gibt das extreme Ausschläge. «Diese Spitzen treten zwar nur alle paar Monate auf, wir müssen aber immer so viel Leistung bereit haben, wie potenziell benötigt wird. Ansonsten droht ein Blackout», sagt Markus Halder, Leiter Lastmanagement bei den SBB.

Müssen Passagiere nun frieren?

Die Stromversorgung wird künftig aber schwieriger. Weil mehr und mehr Züge fahren und diese immer stärker beschleunigen können, brauchen die SBB zusätzlichen Saft. Bis 2030 rechnet die Bahn, dass die Züge zu Spitzenzeiten bis zu 40 Prozent mehr Stromleistung beanspruchen. Die SBB müssten entweder in neue Kraftwerke investieren oder zumindest in neue Frequenzumformer.

Diese sind nötig, um Strom einzukaufen und vom öffentlichen Stromnetz in das eigene SBB-Netz einzuspeisen. Doch solche ­Investitionen verschlingen schnell einmal hohe zweistellige Millionenbeträge. ­Billiger lässt sich das Problem dank der Digitalisierung lösen. Genauer mittels Big Data und des Internets der Dinge. Bis 2023 rüsten die SBB mehr als 3000 Bahnwagen so aus, dass eine Software die ­Heizung in den Bahnwagen steuern und automatisch aus­schal­­ten kann. Bereits bis zum Winter 2019 werden so die Weichenheizungen digitalisiert.

Der Clou: Zusammen mit dem Softwarehersteller SAP haben die SBB ein Programm zum Lastmanagement entwickelt, das hohe Datenvolumen in Echtzeit verarbeitet und Stromverbraucher ausschaltet, sobald ein Schwellenwert überschritten wird. «Die Software erkennt, wann eine Stromspitze auftaucht, gibt ein Signal an die Weichen oder in die Züge und schaltet in diesem Moment die Heizungen kurz aus», erklärt Halder. Dadurch sinkt der Strombedarf, die kritische Limite wird nicht überschritten, ein mög­licher Stromausfall abgewendet.

Allerdings: Werden die Passagiere nun frieren, weil die Bahn Strom sparen will und die Heizungen ausschaltet? Halder verneint: «Wir haben die schaltbaren Wagen in der Klimakammer getestet und geschaut, was das ausmacht, wenn wir die Heizung für zwei, drei Minuten ausschalten.» Der Kunde merke nichts. «Die Türe zu öffnen, hätte einen viel grösseren Einfluss auf die Temperatur», sagt Halder.

Das Programm auf Loks ausweiten

Insgesamt investieren die SBB einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag für das gesamte Programm. Eine genaue Zahl nennt die Bahn nicht. Die Kosten beliefen sich aber auf einen Drittel der Summe, die für neue Frequenzumformer anfiele. Am teuersten sei nicht die zentrale Software, sondern die Umrüstung der Heizungen auf den Fahrzeugen, sagt SBB-Informatikchef Peter Kummer. Für das Projekt wurden die SBB dieses Jahr von SAP als einziges Schweizer Unternehmen mit einem globalen SAP Innovation Awards ausgezeichnet. «Es ist ein positives Beispiel, wie sich Digitalisierung konkret umsetzen lässt», sagt Kummer.

Lanciert haben die SBB das Programm 2015, vergangenen Winter statteten sie 15 Wagen damit aus und führten Tests durch. Laut Kummer soll das Programm noch ausgeweitet werden: In einer zweiten Etappe könnte dank der Software auch der Stromverbrauch von Lokomotiven und Triebwagen gesteuert werden. «Wenn wir langfristig in der Lage sind, die Antriebsleistung der Züge zentral zu ­beeinflussen, könnten wir das Leistungsprofil noch weiter glätten.» Ziel des ­gesamten Programms ist es, die Stromspitzen bis 2025 um 20 Prozent um 150 Megawatt zu senken. Das wäre die durchschnittlich benötigte Stromleistung von mehr als 300 000 Haushalten.

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