Commodity Strategies ist ein Rohstoffhändler aus Australien. Er liess sich 2011 in Zug nieder, um näher bei den grossen Playern zu sein. Noch von Australien aus organisierte der damalige Firmenchef die für die Mitarbeiter in der Schweiz benötigten Versicherungen wie Berufshaftpflicht. Auf Empfehlung landete die Firma beim VZ Vermögenszen­trum, einem bekannten Zürcher Finanzberater. Das VZ holte Offerten ein und schloss für rund 100'000 Franken Jahresprämie ab. Darin eingeschlossen waren 15'000 Franken Honorar.

Wüste Schlammschlacht

Aus dem scheinbar simplen Deal wird jetzt eine Schlammschlacht. Bei Commodity Strategies kümmert sich inzwischen ein neuer Mann um den Vertrag: Richard Keary – und dieser ist nicht mehr glücklich mit dem VZ. Dieses habe für wenig Leistung viel kassiert. «Wir brauchten gerade mal zwei Tage für eine faktisch gleiche Versicherung zu einem Drittel des Preises, den wir aufgrund der Empfehlungen des VZ zahlen», kritisiert Keary. Auf der Prämie habe das VZ 15 Prozent für sich verrechnet. Für den Kunden sei dies undurchsichtig. «15 Prozent auf einer Basis von 100'000 Franken Prämie ergibt viel mehr als 15 Prozent auf 30'000», meint Keary.

Keary forderte vom VZ ein finan­zielles Entgegenkommen. Die Beraterin aber blieb hart. Da machte er sich selbst an die Arbeit. Die Versicherung, welche die Risiken abdeckt, lässt ihn ein halbes Jahr früher als vorgesehen springen. Das bringt Keary erst recht auf die Palme. «Wir fanden schnell und einfach einen viel günstigeren Versicherungsschutz. Da scheint ein Honorar von 15 000 Franken pro Jahr exorbitant.» Grund sei ein Interessenkonflikt. Das VZ profitiere von hohen Prämien, weil so die eigene Kommission höher ausfalle.

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Das sind schwere Vorwürfe an einen Finanzberater, der dank gutem Ruf und der Betonung auf Unabhängigkeit innert zweier Jahrzehnte zu einer Macht auf dem Schweizer Markt geworden ist. Fast 600 Vollzeitstellen zählt die VZ Holding heute. Seit sieben Jahren ist die Gruppe an der Börse kotiert, inzwischen ist sie auch eine Bank. Letzte Woche zeigte das VZ, das mit dem Slogan «Vom Pionier zum führenden Finanzdienstleister» wirbt, gute Zahlen. Der Gewinn stieg zweistellig auf 60 Millionen Franken, die verwalteten Kunden-Assets schossen von 10 auf 12 Milliarden hoch.

Basis des Erfolgs ist die Reputation, frei von Interessenkonflikten zu sein. Die Vorwürfe der Zuger Rohstoffhändlerin zielen nun aber genau auf diesen zentralen Punkt. Nur schon mit dem Börsengang hat sich das Vermögenszentrum in eine schwierige Lage gebracht. Die Beraterin, die sich das Wohl der Kunden auf die Fahnen geschrieben hat, muss seit dem IPO auch noch einen zweiten «Stakeholder» befriedigen, nämlich die Publikumsaktionäre. Diese sind zwar in der Minderheit – rund ein Drittel der VZ-Aktien gehören Aussenstehenden –, doch sie erheben Anspruch auf Dividenden und steigende Kurse. Das wiederum bringt das Management in Zugzwang. Es muss um das VZ eine Wachstumsstory stricken. Und diese bedingt steigende Einnahmen und höhere Gewinne.

VZ-Gründer und CEO ist Matthias Reinhart. Der 53-Jährige, ein Sprössling der berühmten Winterthurer Handelsfirma, war einst McKinsey-Berater, bevor er mit 32 das VZ gründete. Nach dem Börsengang 2007 ist er mit über 60 Prozent Mehrheitsak­tionär. Die Anschuldigungen des aus­tralischen Chefs der Zuger Tradingfirma will er nicht auf sich sitzen lassen. Diese lasse offensichtlich nichts unversucht, um ihr Ziel zu erreichen, nämlich das vereinbarte Honorar zu reduzieren. Er müsse sich nun rechtliche Schritte überlegen. In der Sache zeigt er sich selbstbewusst. «Wir können jederzeit belegen, dass wir die für den Kunden beste Lösung gewählt haben», sagt er. Umgekehrt hätte der Kunde «trotz mehrmaliger Aufforderung keinen Beweis dafür geliefert, dass er die Versicherung anderswo günstiger hätte abschliessen können».

Das Gebührenmodell des VZ funktioniere anders, als die Australier behaupteten. «Bei uns gibt es null Kickbacks», betont der VZ-Chef. Jeder Kunde könne zwischen zwei Modellen wählen, die beide transparent seien. Basis sei in jedem Fall der Stundenaufwand, dieser würde je nach ­Seniorität des Beraters zwischen 120 und 250 Franken betragen. Bei der Abrechnung hätten die Kunden die Wahl zwischen separatem oder eingebettetem Honorar.

Banker im Verwaltungsrat

Jetzt wird die Frage nach der DNA des VZ aufgeworfen. Ist das Unternehmen wirklich völlig unabhängig von Bank- und Versicherungslösungen, die es ihren Kunden empfiehlt? Wie zentral dies ist, streicht Gründer und CEO Reinhart in einem Video auf der Homepage des VZ selbst hervor. «Das Wichtigste ist, dass wir keine Finanzprodukte verkaufen», sagt Reinhart, und meint weiter: «Das heisst, unsere Unabhängigkeit, die uns schützt vor Interessenkonflikten, ist eigentlich das wichtigste Gut.» Nur ist diese absolute Unabhängigkeit in jüngster Zeit mehrfach beschnitten worden.

Zum einen holte Reinhart zwei Banker in den Verwaltungsrat seiner VZ Holding. Banken und das VZ Versicherungszentrum sind aber Konkurrenten, beide buhlen um die Verwaltung von Kundenvermögen. Mit dem Beizug hoher Bankmanager entsteht ein klassischer Interessenkonflikt. Reinhart bestreitet das im Grundsatz nicht. Doch sei die Verbreiterung des Aufsichtsgremiums durch Banken-Know-how eine Forderung der Finanzmarktaufsicht Finma gewesen, sagt er. Neben einem LGT-Banker sitzt neu der Chef der St. Galler Kantonalbank im VR. Laut Reinhart kein Problem. «Es gibt lediglich mit der St. Galler Kantonalbank eine kleine Überschneidung der Geschäftstätigkeit, die sich auf den Raum St. Gallen beschränkt.»

Ein zweiter Interessenkonflikt liegt im Zwang zum Wachstum. Für VZ-Chef Reinhart ist die Börsenkotierung Segen und nicht Fluch. Der Druck des Aktienpreises und der Investoren sorge dafür, dass seine Firma nicht in die Selbstzufriedenheit abgleite. Der Druck könne schon auch von Einzelpersonen wie ihm stammen, aber letztendlich sei der Markt ein stärkerer Faktor. Das mag so sein. Gleichzeitig muss das VZ die Gewinne stetig verbessern. Die Verlockung, dies über die immer stärkere Marktmacht zu erreichen, ist gross.